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Kommentar

PR-Debakel bei Credit Suisse: Der fatale Fehler der heimatlosen Manager

Die internationale Finanzwelt erlabt sich an der peinlichen Beschattungsaffäre der Credit Suisse im Fall Iqbal Khan. Ein wichtiger Grund für das CS-Debakel liegt darin, dass das Machtzentrum um CEO Tidjane Thiam sich politisch und medial vom Heimmarkt Schweiz entkoppelt hat. Der Wochenkommentar des "Schweiz am Wochenende"-Chefredaktors.
Patrik Müller
Patrik Müller

Patrik Müller

Die Grossbank CS trägt zwar die Schweiz in ihrem Namen: Credit Suisse. Doch wenn sich das ehrwürdige Institut nun in der internationalen Finanzwelt lächerlich macht, ja wegen der peinlichen Beschattungsaffäre einen Teil seiner Glaubwürdigkeit verspielt, dann liegt das zu einem grossen Teil daran, dass die obersten Manager dieses Land nicht kennen, ja sich nicht einmal dafür interessieren. Diese Leute, allen voran CS-Chef Tidjane Thiam, haben eine Grundregel des Reputations-Managements sträflich missachtet: Pflege und ehre die Heimat deines Unternehmens, auch wenn dieses global ist – denn in einer Krise entscheidet sich die Schlacht an der Heimfront und du brauchst Verbündete in Politik, Medien und Gesellschaft.

Die Schlacht, in die sich die Credit Suisse selbstverschuldet begeben hat, tobt seit einer Woche. Es ist eine PR-Schlacht, in der die Anti-Thiam-Seite die mediale Deutungshoheit hat. Dieser Kampf spielt sich in der kleinen Welt ab, zwischen Herrliberg und Zürich, doch sein Schadenspotenzial reicht so weit wie das Geschäft der Credit Suisse: Es ist global.

Der Franko-Ivorer Tidjane Thiam (links) übernahm Mitte 2015 das CS-Ruder vom Amerikaner Brady Dougan. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Der Franko-Ivorer Tidjane Thiam (links) übernahm Mitte 2015 das CS-Ruder vom Amerikaner Brady Dougan. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Die Kampfzone liegt zwischen Herrliberg und Zürich

In Herrliberg wohnen CS-Chef Tidjane Thiam und, in unmittelbarer Nachbarschaft, der umworbene Topbanker Iqbal Khan, der zur UBS wechselt. Ursprung der Affäre könnte ein profaner Streit unter Nachbarn gewesen sein: Thiam soll Khan mit dem Pflanzen von Bäumen, die ihm die Seesicht versperrten, genervt haben. Deshalb sei es im Januar bei einem Nachtessen bei Familie Thiam zu einem handfesten Streit gekommen sein, berichteten Tamedia-Zeitungen. Was später geschah, weiss inzwischen die ganze Finanzwelt: Khan fühlte sich bedroht, engagierte Leibwächter. Schliesslich liess die CS ihren abtrünnigen Angestellten mit Detektiven überwachen, weil sie ihn verdächtigte, CS-Leute zur UBS mitnehmen zu wollen.

Thiam ist in den ungezählten Geschichten, die diese Woche in Zeitungen und auf Newsportalen zu lesen waren, fast durchwegs der Bösewicht. Vielleicht entspricht das den Tatsachen. Doch die Öffentlichkeit kennt eigentlich nur die Version Khan, wie sie von ihm und seinem gut vernetzten Umfeld verbreitet wird. Bestimmt gibt es auch eine Version Thiam. Doch der Franko-Ivorer hofierte seit seinem Amtsantritt stets die angelsächsische und ignorierte die einheimische Presse. Vielsagen ist, dass Thiam das traditionsreiche Weihnachtessen der CS mit Schweizer Medienvertretern abgeschafft hat, das die Vorgängerbank SKA nach dem Chiasso-Skandal Ende der 1970er-Jahre eingeführt hatte.

Roche und Nestlé sind global und doch schweizerisch

Thiams Entourage besteht aus Franzosen, Engländern, Amerikanern, die keine Ahnung von der Schweiz haben – obwohl die CS von den hiesigen Standortvorteilen und dem Ruf des Finanzplatzes lebt. Der Thiam-Clan, der die Macht bei der CS hat, ist weitgehend entkoppelt von dem Land, in dem diese Bank 1856 von Alfred Escher gegründet wurde. Einsam hält Verwaltungsratspräsident Urs Rohner noch die Schweizer Fahne hoch.

Thiam ist nicht der erste, der diesen fatalen Fehler macht. Das Weltwirtschaftsforum in Davos glaubte vor 20 Jahren, mit seinem wachsenden Erfolg die Schweizer Medien nicht mehr nötig zu haben. Sie wurden vom WEF faktisch ausgesperrt. Als es in Davos auf einmal Krawalle gab und die Veranstaltung in der Bevölkerung an Goodwill verlor, machte das WEF einen Strategiewechsel und öffnete sich. Es merkte: Keine Organisation, keine Firma funktioniert ohne Nähe zur Region und zum Land, wo sie den Ursprung hat.

Auch Roche, Nestlé (mit ausländischen Chefs) und andere Multis wissen das und handeln danach. Sie machen nur einen Bruchteil ihres Umsatzes im Inland, doch ihr Management bemüht sich um die Schweiz. Das gilt auch für die UBS, deren Chef Sergio Ermotti sich immer mal wieder politisch einbringt. Leider gibt es immer weniger solcher Beispiele. Das ist bedauerlich, nicht nur für diese Firmen, sondern auch für den Standort Schweiz: Die Entfremdung grosser Teile der Wirtschaft von Politik, Medien und Gesellschaft ist in einer direkten Demokratie gefährlich. Das Verständnis für die berechtigten Anliegen der Firmen geht allmählich verloren.

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