Kolumne

Privatisierung – als Reform getarnt

Mario Andreotti
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Die Schaffung der öffent­lichen Volksschule in der Schweiz ist eine Leistung des 19. Jahrhunderts. Während die Schule bisher eine Angelegenheit der Kirchen war, wird sie nun zur Sache des Staates, zur Staatsschule. Obwohl die Schulhoheit mit wenigen Ausnahmen bei den Kantonen verbleibt, bilden sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem auf der Volksschulstufe einige Gemeinsamkeiten heraus. Die wichtigste unter ihnen ist der seit der Totalrevision der Bundesverfassung 1874 für alle Kinder freie Grundschulunterricht. Der Staat bestimmt nun die Schulzeit und die Lehrpläne; er gründet neue Schultypen, baut Schulhäuser und ruft Lehrerbildungsanstalten ins Leben.

Dieses öffentliche Schulwesen ist heute von zwei Seiten her bedroht. Zum einen drängen immer mehr private Anbieter in unser Bildungssystem, die vorgeben, mit ihrem individualistischen Lehr- und Erziehungsstil die Bildungsziele besser zu erreichen, vor allem den einzelnen Schüler gezielter zu fördern als die öffentliche Schule, denen es aber nicht zuletzt um ihren Profit geht. Darunter finden sich private Einrichtungen, die als «freie demokratische Schulen» ohne Noten auskommen wollen, über Schulen, die nach dem Lustprinzip unterrichten, wo die Kinder selber entscheiden, ob und wann sie lernen, bis zu Schulen, die bestimmten ideellen Vereinigungen nahestehen und in denen die Heranwachsenden mehr oder weniger gezielt indoktriniert werden. «Aus dem staatlich geschützten öffentlichen Gut Bildung» wird so zunehmend eine Ware gemacht, «die sich auf dem lukrativen privaten Markt profitabel verkaufen lässt», wie Renate Caesar in ihrem Bericht «Die heimliche Privatisierung des öffentlichen Bildungswesens» zu Recht schreibt.

Das ist die eine, gleichsam die sichtbare Seite der schleichenden Privatisierung unseres Schulwesens. Es gibt daneben aber noch eine zweite Form der Privatisierung, die weniger einsehbar und daher besonders heimtückisch ist. Sie tarnt sich als Reform, so dass Eltern und selbst Lehrkräfte sich im Glauben wiegen, es handle sich um notwendige Erneuerungen, um einen pädagogischen Fortschritt im Dienste einer verbesserten Bildung. Dabei geht es den Bildungsexperten, die mit vermeintlich wissenschaftlichen Studien ihre akademische Existenz legitimieren müssen, nicht um einzelne Reformen in Teilbereichen des Unterrichts, sondern im Grunde um etwas ganz anderes: nämlich darum, die Schulen insgeheim so umzubauen, dass sie sich wie Unternehmen führen lassen, scheinbar aber unter staatlicher Aufsicht bleiben. Das erklärt weitgehend, warum heute der Staat Riesensummen in die Digitalisierung der Schulen investiert, den Internetkonzernen Geld vor die Füsse wirft, so dass die Computer zunehmend die Rolle der Lehrer übernehmen, die Lehrer selber zu Lerncoaches herabgestuft werden und die Unterrichtszimmer zu Grossraumbüros verkommen.

Das Ziel dieser verdeckten Privatisierung und Kommerzialisierung der Bildung besteht nicht darin, Kinder zu ganzheitlichen Persönlichkeiten, zu mündigen Bürgern in einer demokratischen Gesellschaft zu erziehen, sondern sie vielmehr zu ökonomiekompatiblen Menschen zu formen. Dazu dient die Einführung von Marktmechanismen wie «testing» und «ranking», das heisst die Veröffentlichung von Testergebnissen, um Schulen anhand von Ranglisten miteinander zu vergleichen. Der Druck der Konkurrenz führt dabei zu einem veränderten Lehren und Lernen, zu einem «Teaching-to-the-test», einem Unterrichten auf den Test hin. «Dadurch werden die Lernerfahrungen der Schüler eingeengt, und der Lehrer wird gezwungen, vorfabriziertes Material mit kontrollierter Geschwindigkeit zu benützen.» So Renate Caesar im bereits genannten Bericht. Und was ebenso fatal ist: Komplexere Inhalte, die sich nur schwer testen lassen, werden gar nicht mehr gelehrt. Schulische Bildung reduziert sich so auf testbares Wissen, auf ein paar Kernkompetenzen. Echte Bildung, die sich nicht nur an ökonomischen Interessen orientiert, sondern die geistigen Fundamente unserer Kultur vermittelt, sieht anders aus.