Pro & Contra
«Unser Trinkwasser ist gefährdet» und «Mehr Abhängigkeit vom Ausland durch extreme Initiativen» – die Debatte zu den Agrarinitiativen

Der Luzerner GLP-Nationalrat Roland Fischer wirbt für ein Ja, Mitte-Nationalrat Leo Müller für ein Nein.

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Pro: «Unser Trinkwasser ist gefährdet»

Roland Fischer

Roland Fischer

Direktzahlungen in der Landwirtschaft sind an den ökologischen Leistungsnachweis gebunden. Immer mehr zeigt es sich jedoch, dass dieser Minimalstandard nicht genügt. So schreitet der Verlust an Artenvielfalt fort, und die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft bleiben hoch. Besonders gefährdet ist auch das Trinkwasser. So liegt die Konzentration von Abbauprodukten von Pflanzenschutzmitteln an 25% der Messstellen über dem Grenzwert. Antibiotikaresistente Bakterien, die sich als Folge des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung entwickeln, gelangen über Gülle und Mist auf die Felder und so in das Trinkwasser.

Es ist deshalb paradox: mit Direktzahlungen subventionieren wir die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und die Gefährdung unserer Gesundheit. An diesem Punkt setzt die Trinkwasserinitiative an. Neu sollen nur noch Landwirtschaftsbetriebe Direktzahlungen erhalten, welche ohne Pestizide produzieren, die Biodiversität erhalten und Antibiotika nicht prophylaktisch einsetzen. Der Tierbestand von subventionierten Betrieben darf nur so gross sein, dass er mit selbst produziertem Futter ernährt werden kann. Bei den notwendigen Anpassungen werden die Bäuerinnen und Bauern mit Bildung, Forschung und Investitionshilfen unterstützt.

Die Umlenkung der Finanzmittel bewirkt, dass nachhaltig produzierte Nahrungsmittel zu einem tieferen Preis angeboten werden können, wodurch sie konkurrenzfähiger werden. Die Initiative beinhaltet Anreize und keine Verbote. Sie ist deshalb ein liberaler Weg zu einer ökologischeren Landwirtschaft.

Bis heute wird kein einziges der vom Bund definierten 13 Umweltziele in der Landwirtschaft vollständig erreicht. Es besteht somit Handlungsbedarf für eine stärkere Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft, welche unsere natürlichen Lebensgrundlagen und unsere Gesundheit schützt. Mit einem Ja zur Trinkwasserinitiative schaffen wir die Grundlagen dazu.

Contra: «Mehr Abhängigkeit vom Ausland durch extreme Initiativen»

Leo Müller

Leo Müller

Die Trinkwasserinitiative will die Direktzahlungen an zwei neue, für viele Betriebe unerfüllbare Bedingungen knüpfen: Bäuerinnen und Bauern sollen nur noch Direktzahlungen erhalten, sofern sie keine Pflanzenschutzmittel einsetzen und nur Futter an ihre Tiere verfüttern, das auf dem eigenen Betrieb produziert wird. Die Initiative unterstellt damit, dass heute die Lebensmittelproduktion in der Schweiz unsorgfältig erfolgt; so ein Unsinn.

Bäuerinnen und Bauern handeln verantwortungsbewusst und wollen bei der Produktion von Lebensmitteln immer besser werden, und nicht erst seit es die beiden extremen Initiativen gibt. Drei Beispiele als Tatbeweise: 1. Die Fläche der extensiv genutzten Wiesen hat sich in den letzten 20 Jahren von 40000 ha auf 80000 ha verdoppelt. 2. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in den konventionellen Betrieben wurde in den letzten zehn Jahren um 40 % reduziert. 3. Der Einsatz von Antibiotika sank in den letzten zehn Jahren um 50 %.

Eines ist klar: Eine Nahrungsmittelproduktion ist ohne Einsatz von Pflanzenschutzmitteln nicht möglich, genau gleich wie kein Mensch in seinem Leben ohne Medikamente auskommt. Aus diesem Grund ist auch die Pestizidfrei-Initiative weltfremd.

Ebenso unrealistisch ist die Forderung, dass der Tierbestand nur mit dem auf dem eigenen Betrieb produzierten Futter ernährt werden darf. Was könnten Ackerbaubetriebe und viehlose Betriebe mit dem auf ihrem Betrieb produzierten Futter wohl machen, wenn sie dieses nicht den Tierhaltungsbetrieben verkaufen könnten? Derartige Einschränkungen sind unsinnig.

Eine Annahme der beiden Initiativen hätte zur Folge, dass die Produktion von Lebensmitteln in der Schweiz massiv sinken und sich verteuern würde. Gleichzeitig würde die Auslandabhängigkeit viel grösser. Deshalb werden diese Initiativen überspitzt auch «Importförderungsinitiativen» genannt. Ist das das Ziel? Wohl kaum.