Kommentar

Schwacher Sieger, miserabler Verlierer: Amerika, was ist aus dir geworden?

Joe Biden hat keinen überzeugenden Sieg eingefahren, das Regieren wird ihm schwerfallen. Derweil verweigert sich Donald Trump ein letztes Mal der Realität. Und doch sendet diese verrückte Wahl auch ein erfreuliches Signal in die Welt.

Patrik Müller
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Patrik Müller, Chefredaktor Zentralredaktion CH Media.

Patrik Müller, Chefredaktor Zentralredaktion CH Media.

Am Ende zählt, wie im Sport, nur das Resultat: Joe Biden ist der 46. US-Präsident. Aber überzeugend fällt sein Sieg nicht aus, die Erwartungen waren höher, nach vier Jahren Trump-Wahnsinn hätte Biden viel deutlicher gewinnen müssen. Ein starkes Mandat sieht anders aus, und ein Programm des Aufbruchs hat der 77-Jährige ohnehin nicht zu bieten.

Hinzu kommt, dass Bidens Demokraten den Senat nicht zurückerobern konnten und im Repräsentantenhaus gar Sitze einbüssten. Vor diesem Hintergrund ist Bidens Versprechen, Amerika wieder zu einen, zwar löblich, in diesem tief gespaltenen Land aber eine fast unmögliche Mission.

Sportsfreund Donald Trump hasst nichts so sehr wie Verlierer, und deshalb weigert er sich verzweifelt, das Resultat anzuerkennen. Nichts deutet auf Wahlbetrug hin, von dem Trump spricht und für den er keinerlei Hinweise liefert.

Wer holt Trump aus seiner Fantasiewelt zurück?

Der Noch-Präsident hat das Recht, Nachzählungen zu verlangen, aber die Stimmenunterschiede in den Wackelstaaten sind zu gross, als dass das Endergebnis noch kippen könnte. Ein letztes Mal krallt sich Trump in seinem Paralleluniversum an den selbst fabrizierten alternativen Fakten fest. Seine Familie und die Republikanische Partei haben nun die anspruchsvolle Aufgabe, dem Präsidenten die Realität des Unausweichlichen beizubringen, ihn wie ein Kind aus der Fantasiewelt zurückzuholen.

Joe Biden (zweiter von rechts), zusammen mit Sohn Hunter (Mitte), Ehefrau Jill (rechts) und Vizepräsidentin Kamala Harris (Zweite vo links) und ihrem Mann Doug Emhoff bei der Wahlfeier in Wilmington.

Joe Biden (zweiter von rechts), zusammen mit Sohn Hunter (Mitte), Ehefrau Jill (rechts) und Vizepräsidentin Kamala Harris (Zweite vo links) und ihrem Mann Doug Emhoff bei der Wahlfeier in Wilmington.

Bild: Jim Lo Scalzo / EPA (7. November 2020)

Je länger sie dafür brauchen, umso mehr wird Trump sich selber beschädigen. Nicht seine erfolgreiche Wirtschaftspolitik und sein aussenpolitisches Vermächtnis im Nahen Osten bleiben dann in der Erinnerung haften, nicht sein bemerkenswertes Brechen der «blauen Welle» entgegen allen Prognosen, sondern einzig der tobende Wüterich, der sich wie ein Diktator an die Macht klammert.

Ein schwacher Sieger, ein miserabler Verlierer: Amerika gibt ein unschönes Bild ab. Eine gute Botschaft liefern diese Wahlen trotzdem. Mit Kamala Harris wird erstmals eine Frau Vizepräsidentin. Die kraftstrotzende Senatorin und Tochter von Einwanderern zeigt, was man in diesem endlosen Kampf der beiden alten Männer beinahe vergessen hätte: Dass Amerika vielfältig und zukunftsträchtig ist.