Gastkommentar

Stand da nicht irgendwo was von 50 Schutzmasken?

Fürchten wir uns vor dem Falschen?  Seit Jahren werden wir vor allen möglichen Risiken gewarnt und bereiten uns entsprechend vor. Trotzdem hat uns die Corona-Pandemie auf dem linken Fuss erwischt.

Walter Rüegg
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Walter Rüegg, Dr. sc. nat., Physiker, ehemaliger Chef-Physiker der Schweizer Armee, freier Publizist

Walter Rüegg, Dr. sc. nat., Physiker, ehemaliger Chef-Physiker der Schweizer Armee, freier Publizist

Am 1. Juli 2015 hat der Bundesrat vom «Risikobericht 2015 zu Katastrophen und Notlagen in der Schweiz Kenntnis» genommen, verfasst vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS). 200 Experten haben daran gearbeitet, ohne Zweifel eine der gründlichsten Analysen dieser Art. Eine Strommangellage und eine Pandemie wurden als die beiden wichtigsten Risiken identifiziert. Mit grossem Abstand folgen Erdbeben, Dürren, Hitzewellen, Extremwetterlagen und Kernkraftunfälle. Bei einer Pandemie, so der Bericht, müssen wir mit einer Schadenssumme von 50 Milliarden Franken rechnen, und das mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von einmal alle 50 Jahre. Das letzte Ereignis dieser Art fand 1918-1920 statt (Spanische Grippe), die nächste Katastrophe war also überfällig.

Der Sinn solcher Analysen ist, Zitat: «Risikoanalysen im Bevölkerungsschutz dienen als Grundlagen für die Vorsorgeplanung und die Vorbereitung auf die Bewältigung von Katastrophen und Notlagen". Im Falle einer Pandemie wird die Vorsorgeplanung im «Pandemieplan Schweiz» konkretisiert (5. Auflage, 2018, 128 Seiten). Dieser Plan soll, so wird auf Seite 14 erklärt, Leben und Gesundheit schützen sowie die wirtschaftlichen Folgeschäden verhindern. Unter anderem wird eine Lagerhaltung von mehreren Hundert Millionen Schutzmasken festgelegt. Und in jedem Haushalt sollten 50 Schutzmasken pro Person vorrätig sein. Bei den Jodpillen (für den Fall eines Kernkraftunfalles) hat die Vorsorge geklappt. Für den Fall einer Pandemie hingegen überhaupt nicht. Warum nicht?

Die Pandemie wäre es gewesen

Täglich werden wir vor einer Unmenge Risiken gewarnt, vor Pestiziden, Elektrosmog, Genmanipulationen, Artensterben, Luftverschmutzung, Radioaktivität, Nanopartikel - um nur einige zu nennen. Viele Massnahmen wurden ergriffen. Vor allem aber sollen wir die Klimaerwärmung bekämpfen. Doch im Vergleich zu einer Pandemie sind diese Risiken, gemäss der BABS-Analyse, relativ klein, zumindest für die Schweiz. Unsere Gesellschaft ignorierte diese Einschätzung weitgehend. Die Pandemie-Vorsorge wurde vernachlässigt.

Im Nachhinein ist man immer klüger, aber hätte man nicht bereits im Januar 2020 reagieren müssen? In China schnellten die Fallzahlen (rund 10 000) und die Todesraten exponentiell in die Höhe. Ende Januar hat das Virus in fast allen anderen asiatischen Staaten Fuss gefasst. Am 23. Januar wurde für 50 Millionen Chinesen eine strenge Quarantäne verordnet. Doch am 24. Januar verkündete das BAG: «Für Europa besteht im Moment keine Gefahr oder eine sehr geringe». Vielleicht dachte man, China könne die Ausbreitung noch eindämmen. Aber China (und auch die WHO) hat zu spät reagiert. Vor allem haben die Chinesen in den ersten Wochen versucht, das wahre Ausmass und die Gefahr des neuartigen Virus zu verschleiern. Zu lange wurde behauptet, dass eine Übertragung des Erregers von Mensch zu Mensch nicht möglich sei. Noch Ende Januar sah die WHO keinen Grund für ein Ausreiseverbot aus China, bzw. für Einreisesperren in andere Länder. Entsprechend haben wir in Europa und USA auch nicht reagiert. Erst gegen Ende Februar wurden, langsam und zögerlich, erste Massnahmen ergriffen.

Massnahmen kamen zu spät

Die asiatischen Staaten haben mehrheitlich besser reagiert. Die Todesraten sind massiv kleiner als bei uns und die Wirtschaft leidet weniger. Dies ist für die Gesundheit von grösster Wichtigkeit. Sinkt der Wohlstand, steigen die Todesraten. Ein tiefes sozio-ökonomisches Niveau ist die primäre Ursache für schlechte Gesundheit und vorzeitige Todesfälle: Ein Hilfsarbeiter stirbt im Schnitt rund 10 Jahre früher als ein Universitätsprofessor, eine Regel, die in praktisch allen Ländern gilt.

Hoffen wir, dass bei einer Strommangellage, unser zweites Grossrisiko, die Vorsorge besser klappt als bei der Corona-Pandemie.