Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Gastkommentar

Stoppt die Entmündigung der Alten!

Ein Gastbeitrag vom Thurgauer FDP-Grossrat René Künzli zur steigenden Lebenserwartung und Vernachlässigung der Altersforschung.
René Künzli

Die Senioren werden zunehmend zum Thema in den Medien: Die CH-Media-Zeitungen publizierten kürzlich zwei Schwerpunkte: einen zum Rekord an Seniorenlisten bei den Nationalratswahlen, einen zum neuen Buch von Philosoph Ludwig Hasler «Für ein Alter, das noch was vorhat».

Es ist offensichtlich: Politik und Wirtschaft unterschätzen sträflich die Auswirkungen des demografischen Wandels auf den künftigen Arbeitsmarkt, das Sozial- und Gesundheitswesen.
Um die Herausforderungen zu erkennen, braucht es erst einmal Forschung. Gegenwärtig wird in Innovationen im Alterssektor viel zu wenig investiert.

Die Einrichtung zusätzlicher Lehrstühle für Gerontologie wäre zielführend. Würde in die Sturzprophylaxe annähernd so viel investiert wie in die Verkehrssicherheitskampagnen (im Umfang von rund 20 Mio. Franken pro Jahr), könnten erheblich mehr folgenschwere Stürze, Gesundheitskosten, in der Folge Langzeitpflege und massive Einbussen bei der Lebensqualität vermieden werden.

Bei den Stürzen spielt etwa die völlig ungenügende Durchsetzung der Treppensicherheit mit beidseitigen Handläufen, guter Beleuchtung sowie deutlich markierter erster und letzter Stufe eine wesentliche Rolle. Bei der Architektur geht Ästhetik leider vor Sicherheit.

Die starre Pensionierungsgrenze von 65 Jahren ist überholt

Wissenschaftlich unbestritten ist, dass Menschen, die keine Aufgaben mehr haben, schneller krank werden. Dabei wären ältere Mitarbeitende auch für Firmen ein Gewinn! Sie sind zumeist Kompetenzträger, loyale, verantwortungsbewusste, zuverlässige und wertvolle Mitarbeitende.

Frühpensionierungen kann sich die Gesellschaft nicht mehr leisten. Wir haben immer noch die 1948 eingeführte starre Pensionierungsgrenze bei 65 Jahren, obschon wir seit dieser Zeit annähernd 7 Jahre länger und viel gesünder leben. Weder die Forschung noch die Wirtschaft bemühen sich, das Potenzial älterer Mitarbeitenden ihren Fähigkeiten und Kompetenzen angemessen und flexibel länger einzusetzen.

«Frühpensionierungen kann sich die Gesellschaft nicht mehr leisten. Das Potenzial der älteren Arbeitskräfte muss endlich genutzt werden.»

Es bestehen auch keinerlei Anreizsysteme, ältere Mitarbeitende zu motivieren, über die Pensionierungsgrenze hinaus zu arbeiten. Im Gegenteil, sie werden noch über die Progression der Steuern zusätzlich bestraft.

Im Gesundheitswesen sind über 28 Prozent der Mitarbeitenden älter als 50 Jahre. Wir haben heute schon grosse Schwierigkeiten, gut qualifizierte Mitarbeitende zu finden. Wie sieht das erst in 10 bis 15 Jahren aus, wenn diese in Pension gehen und der Anteil der über 65-Jährigen und Hochbetagten an der Gesamtbevölkerung noch stark ansteigt?

Das Alter wird mehr und mehr zu einer Lebensphase, die nicht mit Krankheit oder Rückzug gleichgesetzt werden darf. Aufgaben und Aktivität im Alter garantieren längere Gesundheit, höhere Zufriedenheit und Lebensqualität. Es braucht positive und angemessene Altersleitbilder.

Hier ist die Politik gefordert: Sie muss endlich zur Kenntnis nehmen, dass das immer noch bestehende defizitäre Altersbild längst überholt ist. Die Älteren lassen es sich nicht mehr länger gefallen, dass sie mit zunehmendem Alter sukzessive sozial bevormundet und damit entmündigt werden. Das Wort «Ruhe-Stand» sollte zum Unwort erklärt und damit geächtet werden.

Ältere Menschen werden diskriminiert – und das verstösst gegen das Gesetz

Die Gesetzgebung hat die Aufgabe, ältere Menschen vor Diskriminierung in Gesellschaft und Wirtschaft zu bewahren. Altersdiskriminierung ist ein Straftatbestand. Altersdiskriminierung kommt dennoch häufiger vor als Sexismus oder Rassismus, erklärte vor kurzem Christian Maggiori, Professor an der Hochschule für Sozialarbeit in Freiburg. Im öffentlichen Bereich sind es vor allem Obergrenzen für bestimmte Ämter, die absolut stossend sind.

Und wenn in gewissen Kantonen eine Person mit 80 Jahren eine Liegenschaft verkaufen will, alles selbstständig bis zum Verkauf geregelt hat und dann das Grundbuchamt noch ein aktuelles ärztliches Zeugnis über die Mündigkeit vor der Übertragung verlangt, dann ist das eine Diskriminierung sondergleichen. Diskriminierungen, auch im privaten Sektor, werden die heutigen und kommenden Alten nicht mehr akzeptieren.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.