Gastkommentar

Teilen ist keine Schweizerische Stärke

Airbnb, Uber oder Mobility: Wir leben in einer Zeit des «Sharings». In der Bildungspolitik ist Teilen aber nicht angesagt. Da herrscht konkurrenzierender Standortföderalismus.

Hans Zbinden*
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Hans Zbinden

Hans Zbinden

Wir leben in einer Zeit des «Sharings». In der Besitz und Konsum von Produkten und Gütern zunehmend gemeinsam geteilt werden. Vom Auto über die Ferienwohnung bis hin zum Büro. Hinter dem Slogan: «Teilen ist das neue Besitzen» versteckt sich ein stiller kultureller Umdenkprozess. Ausgelöst worden ist dieser nicht zuletzt durch die zunehmende Sorge über belastete und verschwindende Um- und Mitwelten. Aber auch wegen der immer teureren Lebenskosten. Für immer mehr Menschen sind das Anlässe, behutsamer und gemeinsamer mit Gütern des Alltags umzugehen. Wobei das Wissen ein besonderes Gut ist: Es lässt sich mit Mitmenschen teilen, ohne dabei kleiner zu werden!

Mit Interesse verfolge ich diesen Wandel.Denn ich gehöre noch zu jener Schülergeneration, bei der das gemeinsame Lernen und Teilen von Wissen im Unterricht eher selten war. Meist argwöhnisch beobachtet von Lehrkräften und Mitschülern. Bei schriftlichen Prüfungen schützten wir deshalb unsere herausgefundenen Lösungen mit aufgeklappten Büchern vor den neugierigen Blicken der Banknachbarn.

Heute ist dieses Alleinseligwerden beim Lernen in Schulzimmern auf dem Rückzug. Dafür sind gemeinsames Erkunden im Spiel und kollaboratives Lernen im Förderalltag von Kleinkindern selbstverständlich geworden. Von den Kindertagesstätten bis hinauf zur Grund- und Basisstufe der Primarschule. Neue Erkenntnisse der Lern- und Entwicklungspsychologie haben diese Entwicklung begünstigt: Kleinkinder werden weniger als defizitäre Wesen betrachtet. Sondern vermehrt als eigenwillige und kreative kleine Forschende. Die gerne – allein oder mit andern Kindern zusammen – neugierig und selbstaktiv ihre Umgebungen erkunden. Und dabei lernend neue Erfahrungen sammeln. Deshalb gehören partnerschaftliches Lernen oder konstruktives Zusammenarbeiten in Kleingruppen zum gängigen didaktischen Repertoire des heutigen Förder- und Lehrpersonals.

Kooperatives Teilen von Wissen verbreitet sich aber auch immer mehr auf der Stufe der einzelnen Schulen als Organisationen. In einer sich ständig wandelnden analogen und digitalen Mitwelt müssen sich auch Schulen als Organisationen dauernd wandeln und verbessern. Dabei dienen ihnen oft Modelle anderer Schulen als Beispiele. In den verschiedensten Bereichen des schulischen Alltags – von der Hausaufgabengestaltung über die Schulsozialarbeit bis hin zum Verfassen von Schulkulturen. Im Austausch bereichern sie ständig ihr kollektives Expertenwissen. Dabei dient die institutionalisierte Lernkultur in der Art einer «best practice» ihrer permanenten eigenen Organisationsentwicklung. Deshalb machen immer häufiger auch übergeordnete kantonale Amtsstellen und Fachorganisationen regelmässig Schulbehörden, Schulleitende und Lehrkräfte von Gemeinden auf beispielhafte Innovationen aufmerksam. Sie stellen Plattformen für Begegnungs-, Förder- und Innovationsprojekte zwischen Schulen zur Verfügung. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung ist die Zusammenarbeit unterschiedlich bemittelter Schulen und Gemeinden wichtig geworden. Denn zu ungleich verteilt sind heute die vorhandenen Tablet- und Notebookschulen schweizweit.

Leider ist diese Einsicht des Austauschs und des Teilens noch nicht zu den führenden Köpfen im Bildungswesen vorgedrungen. Der konkurrenzierende Standortföderalismus bremst das Entstehen und Gedeihen eines teilenden Lernföderalismus. Augenfällig illustriert uns das die jüngst von Bund und Kantonen gemeinsam in Solothurn errichtete schweizerische Agentur «Movetia» für Austausch und Mobilität. Als Förder- und Ermöglichungsplattform verhilft sie Schülern, Berufslernenden und Studierenden zu Austauschmöglichkeiten in In- und Ausland. Das ist zwar durchaus erfreulich!

Doch warum hat man diese Gelegenheit nicht gerade genutzt, um auch den Austausch von Innovationen und Modellen in Unterricht, Schulen und Bildungsinstitutionen landesweit zu fördern? Im Zeitalter des Internets läge es doch auf der Hand, durch eine Institution beispielhafte Unterrichts- und Schulinnovationen flächendeckend verbreiten zu lassen! Und dabei wäre, en passant, die heutige «Movetia» ohne grossen Zusatzaufwand zur schulischen «Innovetia» aufgewertet worden!

*Hans Zbinden ist Pädagoge. Der Aargauer sass für die SP 15 Jahre im Nationalrat. Zuletzt war er Präsident der Eidgenössischen Fachhochschulkommission.