Kommentar

Das erste Fernsehduell zwischen Donald Trump und Joe Biden war nicht schön anzusehen – es war aber dennoch erhellend

Nach der Schlammschlacht von Cleveland (Ohio) wird der Ruf laut, die restlichen Fernsehdebatten im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf abzusagen. Das wäre aber kurzsichtig. Es ist besser, Donald Trump und Joe Biden sprechen zu lassen.

Renzo Ruf aus Washington
Drucken
Teilen
Renzo Ruf, CH Media-Korrespondent in Washington.

Renzo Ruf, CH Media-Korrespondent in Washington.

CH Media

Die erste Fernsehdebatte – pardon: die erste Schlammschlacht – zwischen Donald Trump und Joe Biden war am Dienstag noch nicht einmal eine Stunde alt, da meldete sich Larry Sabato auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mit einer bestechenden Idee zu Wort.

Der Politologieprofessor der University of Virginia, der immer für eine knackige Aussage zu haben ist, stellte die Forderung auf: «Sagt die verbleibenden Präsidenten-Debatten ab», sei es doch unmöglich, einen produktiven Meinungsaustausch mit dem Präsidenten zu führen.

Eine Mehrheit der Fernsehzuschauer, die sich das 90 Minuten lange Duell zwischen dem Präsidenten und seinem Herausforderer anschauten, wäre mit diesem Vorschlag wohl spontan einverstanden gewesen. Denn der mit Spannung erwartete Schlagabtausch in Cleveland (Ohio) war alles andere als ergiebig. Einem linken Amerikaner mag es zwar Freude bereiten, dass Joe Biden den amerikanischen Präsidenten vor einem Millionen-Publikum «einen Clown» nannte. Und den amerikanischen Präsidenten als Rassisten beschimpfte, ohne dass Trump sichtbar auf diese Beleidigung reagierte.

Der mit Spannung erwartete Schlagabtausch zwischen Trump (links) und Biden war alles andere als ergiebig.

Der mit Spannung erwartete Schlagabtausch zwischen Trump (links) und Biden war alles andere als ergiebig.

AP

Einen rechten Amerikaner wiederum mag es freuen, dass nun Millionen von Amerikaner die Vorwürfe gegen Biden-Sohn Hunter – einem Nebenakteur in der Ukraine-Affäre – zu Gehör bekommen haben, weil sie das Gefühl haben, die Massenmedien nähmen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten in Schutz.

Aber in normalen Zeiten hätten der republikanische und der demokratische Präsidentschaftskandidat über ihr politisches Programm diskutiert. Über die Frage beispielsweise, wie man die grösste Volkswirtschaft der Welt wieder auf Vordermann bringen kann, ohne dass dies eine massive Zunahme der Coronafälle zur Folge hat. Oder die Frage, ob der Ruf nach «Recht und Ordnung» in den Strassen Amerikas konträr zu den Forderungen der Aktivisten steht, die gegen Polizeigewalt und Rassismus kämpfen.

Trump distanziert sich nicht von Extremisten

Allein: Wir leben nicht in normalen Zeiten und Präsident Trump ist schon gar nicht ein normaler Präsident. Umso wichtiger ist es deshalb, dass beide Kandidaten ungefiltert zu Wort kommen. Mit eigenen Augen konnte ein unentschlossener Wähler am Dienstag sehen, dass Trump sich benimmt, als müsse er sich nicht an Regeln halten.

Ständig fiel er Biden ins Wort. Ständig unterbrach er den Moderator. Und als er die Gelegenheit gehabt hätte, über sein politisches Programm zu sprechen, gab Trump Gemeinplätze von sich – so fasste er sein Klimaschutzplan mit den Worten zusammen, er wolle «glasklare Luft» und «einwandfreies Wasser», als ob es in Amerika Politiker gibt, die einer das Gewässerverschmutzung das Wort reden.

Vielleicht noch wichtiger war aber, was Trump nicht sagte. So gab ihm der Moderator – Chris Wallace, der für den Nachrichtensender Fox News Channel arbeitet – die Gelegenheit, sich von seinen extremistischen Unterstützern zu distanzieren. Trump aber nutzte die Chance nicht, und sagte über die «Proud Boys», eine Ansammlung von gewaltbereiten Chauvinisten: «Stand back and stand by», was sich mit «haltet euch zurück» und «haltet euch bereit» übersetzen lässt. Eine Distanzierung klingt anders.

Es sind solche Momente, die einer unentschlossenen Wählerin oder einem unentschlossenen Wähler die Augen öffnen könnten. Trump scheint der Meinung zu sein, dass er ein normales TV-Duell nicht gewinnen kann, und er deshalb den Prozess sabotieren muss, der in den vergangenen 60 Jahren zum amerikanischen Usus geworden ist. Mag sein. Aber diese Strategie kann nur dann zum Ziel führen, wenn es dem Präsidenten gelingt, potenzielle Biden-Wähler umzustimmen.

Und das ist ihm am Dienstag nicht gelungen – auch weil der Demokrat die Angriff gegen seine Person und seine Positionsbezüge mehr oder weniger elegant parierte oder ignorierte. Auf diese Art und Weise wird Trump seinen deutlichen Rückstand in den Umfragen nie verringern. Und Ja: Dieser Rückstand muss er verringern, will er im zweiten Anlauf nicht erneut dank eines Zufall-Ergebnisses gewinnen.

Die nächste Fernsehdebatte findet nächste Woche zwischen Vizepräsident Mike Pence und Kamala Harris statt, der Kandidatin der Demokraten für das Vizepräsidium. Trump und Biden treffen sich das nächste Mal in zwei Wochen in Miami (Florida). Eine Woche später sehen sich die beiden Kandidaten dann, in Nashville (Tennessee), zum letzten Mal. Dann haben endlich, endlich die amerikanischen Wähler das Wort.

Mehr zum Thema
Video

«Klappe halten», «Clown», «Rassist»: So verlief die erste TV-Debatte zwischen US-Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden

Ein Fernsehduell war angekündigt, aber was sich in der Nacht auf Mittwoch zwischen Donald Trump und Joe Biden abspielte, glich eher einem Kampf zwischen zwei Gladiatoren. Der republikanische Präsident unterbrach den demokratischen Herausforderer ständig; Biden allerdings beschimpfte seinen Kontrahenten als Clown und Rassisten.
Renzo Ruf aus Washington