Kommentar

Über die Verteilung der Nobelpreise: Sie zeigen zuverlässig den Zustand der Welt

Christoph Bopp
Drucken
Teilen
Christoph Bopp.

Christoph Bopp.

Immerhin: Das schlimmstmögliche Szenario blieb uns erspart: Die Nobelpreisverleihungen wurden kein Festival alter weisser Männer. Es gab Frauen, die berücksichtigt wurden. Die Ehrung für Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna wegen ihrer Verdienste um Crispr-Cas9 war überfällig. Die Lyrikerin Louise Glück kennt hierzulande niemand, doch das ist beim Literaturpreis normal. Oder man ist sich solches gewohnt.

Literatur ist – weil immer in einer bestimmten Sprache verfertigt – per se nicht global. Auch wenn es internationale Starautoren gibt, deren Werke in alle Sprachen übersetzt wurden. Alfred Nobel, der Stifter der Preise, war ein Mann des 19. Jahrhunderts. Da galt Europa noch als die Welt, die Stunde der USA sollte erst noch kommen. Dass das Wohl der Menschheit von Europa aus befördert werden sollte, war damals nicht so problematisch.

Dass Nobel eine globale Ausstrahlung der Preise im Sinn hatte, ist sicher. Da gibt’s noch Luft und zu tun. Dass die Preise für Medizin und Naturwissenschaft allesamt an Absolventen, Lehrstuhlinhaber und Forscher an angloamerikanischen und hin und wieder europäischen Universitäten und Forschungseinrichtungen gehen, wirft immer noch Licht auf diese Kluft.

Das Nobelkomitee kann dafür sicher nichts. Es bemüht sich ja, den Spalt zu füllen, indem es hin und wieder den Literaturnobelpreis einer Autorin oder einem Autor aus einem anderen Kulturkreis verleiht. Oder den Friedensnobelpreis verdienten Aktivisten aus Krisenländern, von denen aber auch nur wenige gehört haben.

Dass eine humanitär tätige international tätige Organisation den Preis zugesprochen bekommt, ist gleichzeitig nachvollziehbar (vom Erfolg her), aber auch Ausdruck der Not: Es mangelt an Friedensstiftern.

Wenn die Nobelpreise ein Abbild des Zustands der Welt geben – und etwas in dem Sinn sollten sie tun –, dann ist zu hoffen, dass die Zahl der weiblichen Preisträgerinnen mindestens in diesem Rahmen bleibt und die Medizin- und Wissenschaftspreise breiter gestreut werden. (Darf man hier «farbiger» schreiben? Zu wünschen wäre es auf jeden Fall.)

Es wäre ein unübersehbares Signal für mehr Gerechtigkeit. Und das braucht die Welt.