Gastkommentar

Und wenn Blaise Pascal doch nicht recht hat?

Der philosophierende Mathematiker empfahl, ruhig im Zimmer zu bleiben. Eine gute Empfehlung, auch einer Mutter mit zwei pubertierenden Söhnen?

Esther Girsberger
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Esther GirsbergerPublizistin und designierte Ombudsfrau von SRF.

Esther Girsberger
Publizistin und designierte Ombudsfrau von SRF.

«Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.» Das sagte kein Geringerer als der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal aus dem 17. Jahrhundert in seinem Werk «Gedanken». Nun dachte Pascal nicht in erster Linie an pubertierende Söhne, als er seine philosophischen Gedanken zu Papier brachte. Dennoch wird man an ihn erinnert, wenn man sich vierhundert Jahre später im Homeoffice befindet und den Alltag von zwei Söhnen; die jetzt zwangsweise zu Hause bleiben müssen, miterlebt.

Allerdings haben sich die Zeiten so radikal verändert, dass man Pascal sogar fast zu hundert Prozent widersprechen kann (abgesehen von kurzen gewalttätigen Ausbrüchen und anderen Nebensächlichkeiten). In den letzten Jahren haben Söhne und Mutter noch nie so viele Abendessen zusammen verbracht (der Vater ist beruflich bedingt im Wallis im «Homeoffice»). Dieses findet zu humanen Zeiten statt und dauert länger als in «normalen Zeiten», in denen die Söhne nach Sport und anderen Outdoor-Aktivitäten nur noch die Grundbedürfnisse befriedigen wollen: essen und danach schlafen.

Sie lassen sich auf eingehende Diskussionen ein, in denen der Homeschooling-Stoff noch stärker als über die Video-Begegnungen mit Lehrpersonen und Peers in die Realität hineingreift: Was ist ein souveräner, demokratisch geführter Staat (Geschichtsstoff des 5.-Klasse-Gymnasiasten)? Ist er das noch, wenn der Bundesrat, also die Exekutive, die Macht übernimmt? Wird die Gewaltenteilung ausgehebelt oder braucht es die Sondersession, um die vielen Verordnungen, die von Daniel Koch und den anderen Experten des Bundes fast täglich erwirkt werden, zu legitimieren? Welchen Spielraum hat das Individuum, wenn es sich auf einer an sich gesperrten Tartan-Bahn bewegt, auf der nicht mehr als drei Sprinter mit mehr als zwei Meter Distanz ihre Runden drehen? Ist dies nun gesetzeswidrig oder darf man sich über die Schliessung der Tartanbahn, die immer noch frei zugänglich ist, hinwegsetzen (Einführung ins Staatswesen, Stoff des 3.-Klasse-Gymnasiasten)?

Die Jugend ist sogar empfänglich für Literatur, die sie sonst sicher nicht beachten würde. Da gibt es doch Giovanni Boccaccios «Dekameron», in dem sich während der Pest in Europa im 14. Jahrhundert zehn nur unwesentlich ältere Personen als die beiden Schweizer Teenager freiwillig aufs Land in ein Schlösschen in eine Art Hausarrest zurückziehen. Zugegeben – ganz von selbst kommt die Mutter auch nicht auf solche Gedanken. Aber auch sie profitiert von ruhigeren Zeiten, indem sie mehr Lektüre konsumiert als während des üblichen Berufsalltags.

Die sozialen Kontakte finden seit gut zwei Wochen mehrheitlich im Familienverbund statt. Nun hören und lesen wir landauf landab, wie schlimm es für die Jugend ist, wenn sie sich nicht mit Klassenkameradinnen und Sportkollegen treffen kann. Die Mutter sieht das mit der verklärten Sicht einer Betreuungsperson, die für einmal die Oberhand hat, etwas anders. Erst recht, nachdem sie die Mutter ist von zwei Söhnen in einem Alter und mit einer Schulausbildung, die eine gewisse Reife beweist.

Aber mich dünkt, die Söhne wissen es durchaus zu schätzen, wenn sie einmal frei von sozialen Zwängen auf sich selbst gestellt ihren Tagesablauf autonom gestalten können. Dazu gehört auch das individuelle Lernen im «ruhigen Zimmer». Aber es findet konzentrierter statt und gibt deshalb die Möglichkeit, schneller und ausgiebiger den nach wie vor möglichen Freizeit-Aktivitäten nachzugehen: dem Sport ausserhalb der Sportvereine, dem ausgiebigen Erkunden von «Netflix», dem handgreiflichen Streit mit dem Bruder.

Am meisten profitiert das Selbstbewusstsein der Mutter: Sie wird – mit Mass – plötzlich wieder gebraucht. Diese Zeiten kommen nicht wieder. Hoffentlich, denn man hätte sich einen anderen Auslöser für diese Zeit gewünscht.