Gastkommentar

Unique-Gemüse, bitte auch in der Schule!

Ein Gastkommentar von Autor Martin R. Dean.

Martin R. Dean
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Aus vermischter Saat: Kürbisse in allen Farben und Formen.

Aus vermischter Saat: Kürbisse in allen Farben und Formen. 

Bild: Shutterstock

Letztes Jahr war ich in Palermo, um mir anlässlich der Biennale eine Arbeit des Künstlers Leone Contini im Orto Botanico anzusehen. Contini hatte ein Kürbisfeld angelegt, in dem er Pflanzensamen, welche chinesische, arabische, philippinische und sri-lankische Einwanderer nach Italien gebracht hatten, mit einheimischen Samen vermischte und in die Erde setzte.

In zehn Jahren war so ein Garten entstanden, in dem die Vielfalt der Arten den Betrachter mit lauter absurden und witzigen Kürbisformen überraschte – bei unseren Grossverteilern wären sie allesamt im Regal für Unique-Gemüse gelandet. Die Kunstarbeit erinnerte mich an die «Klassenbiotope» in unseren Gymnasien, in denen ein wachsender Anteil der Schülerinnen und Schüler eingewanderte Eltern haben.

Der Autor Martin R. Dean lebt in Basel. Diesen Frühling erschien sein Roman «Warum wir zusammen sind»  im Verlag Jung und Jung.

Der Autor Martin R. Dean lebt in Basel. Diesen Frühling erschien sein Roman «Warum wir zusammen sind» im Verlag Jung und Jung.

Wer von den Schülern mit Migrationshintergrund am Gymnasium aufgenommen ist, der hat es geschafft und braucht keine spezielle Aufmerksamkeit mehr. Diese Lehrermeinung ist weit verbreitet. Schüler und Schülerinnen aus Kulturen haben sich dem gängigen Lehrplan und dem helvetischen Kanon anzupassen.

Das ist richtig und falsch zugleich. Richtig ist: es soll und darf an Schulen keine Extrabeur­teilungen geben. Die Gleichbehandlung und die Gerechtigkeit sind ein hohes Gut. Zu fragen wäre aber auch: Erzwingt man so nicht Anpassung per Notendruck? Könnte der Umgang mit Schülern mit einem nichthelvetischen Hintergrund nicht anders aussehen? Verpasst man hier nicht eine Chance?

Jeder, der neu ist in einer Gesellschaft, fragt sich naturgemäss: Wer bin ich, wo ist mein Platz in dieser Gesellschaft? Das aber sind Fragen, auf die unsere Schulen seit jeher Antworten haben, ja, auf die sie geradezu spezialisiert sind. Es ist die Literatur, die Fragen zum Selbstverständnis des Menschen aufwirft, sie bringt Schüler und Schülerinnen jedweder Herkunft miteinander ins Gespräch, indem die Selbstverortung und die Identität, die Werte und das Inderweltsein zur Diskussion stellt.

Literatur bietet mehr als nur Trockenübung in Deutungsakrobatik, sie offeriert ein hoch ausgeklügeltes System von Empathiemustern, Fremdidentifikation und simulierten Versuchsanordnungen an.

Ohne Budgetaufwand stellen beispielsweise der multikulturelle Beziehungs- und Dorfkenner Gottfried Keller, der Rassismus- und Gerechtigkeitsexperte Heinrich von Kleist, die migrationskundige Anna Seghers und der Aussenseiter Robert Walser Texte zur Verfügung, mit denen sich die Herkunfts- und Lebensgeschichten der Schülerinnen und Schüler wie im Kürbisfeld von Contini verweben lassen.

Deutsche Literatur, aber auch zunehmend gut übersetzte Bücher aus anderen Weltgegenden bieten sich an, Schüler dort abzuholen, wo sie herkommen. Sie bringen ihre Geschichten mit, Erzählungen aus unbekannten Gegenden, die vielleicht genauer, eindringlicher und richtiger Auskunft über ihr Leben geben als Nachrichten. Auch darüber, wie sie in die Schweiz gelangt sind. Was war der Grund für ihr Weggehen? Wie haben sie in der alten Heimat gelebt, ­gekocht und geliebt? Und wie gehen sie mit zwei Heimatländern um?

Zu stark sind die Schulen mit der Digitalisierung beschäftigt, als dass sie sich in den Lehrplänen ausgereifte Gedanken machen könnten über die Chancen eines interkulturellen Unterrichts. Aber der Erfolg der Bildung wird nicht von der Digitalisierung entschieden.

Geschichtenerzählen heisst einbürgern, sich bekannt machen und Gemeinsamkeit herstellen. Als Schriftsteller interessieren mich die Geschichten von Menschen, denn ohne Geschichte hat nicht nur der Kürbis, sondern auch der Mensch keine Identität. Identität entsteht durch Narration. Erst wer erzählt, wird seiner eigenen Geschichte mächtig.

In den Bildungsanstalten lernen wir nicht nur Stoffe, sondern auch, uns unsere eigene Geschichte zu erzählen, um über sie zu verfügen. Und die neuen Lebenserfahrungen gehören selbst­redend auch zur Geschichte der modernen Schweiz. Nur wer das Gefühl hat, in allem überlegen zu sein, interessiert sich nicht für die Geschichten der anderen. Und: wer keine Geschichte hat, der existiert nicht.