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Urteil gegen Kükenschreddern: Am Huhn wird man die Menschen messen

Publizist Martin A. Senn zu über das «wegweisende Urteil gegen das massenhafte Schreddern männlicher Küken» des deutschen Bundesverwaltungsgerichts.
Martin A. Senn, Publizist
Martin A. Senn.

Martin A. Senn.

Dass das deutsche Bundesverwaltungsgericht ausgerechnet einen Tag vor dem Schweizer Frauenstreik ein wegweisendes Urteil gegen das massenhafte Schreddern männlicher Küken gesprochen hat, war natürlich Zufall. Obwohl, so ein bisschen Balsam auf die Seele des einen oder anderen menschlichen Männchens dürfte es schon gewesen sein. Zumal sich der Nationalrat in der Schweiz auch erst gerade gegen diese brutale Tötungsart der frisch geschlüpften Tiere ausgesprochen hat, deren einziger Makel es ist, kein Weibchen zu sein.

Zugegeben, das Schicksal dieser hilflosen Tiere in einen Zusammenhang mit der grossen Frage der Geschlechtergerechtigkeit zu stellen, kann eigentlich nur einem unverbesserlichen Macho in den Sinn kommen. Denn so wichtig der Tierschutz auch ist, wir Menschen haben nun mal eine ganz andere Bedeutung. Glauben wir wenigstens. Von uns, so hört man immer wieder, hänge nichts weniger als die Zukunft des Planeten ab. So prägend sollen wir mittlerweile sein, dass sich Wissenschafter für unser Zeitalter sogar eine neue erdgeschichtliche Epoche ausgedacht haben: das Anthropozän.

Angefangen hat diese Epoche demnach mit der industriellen Revolution. Noch sind sich zwar nicht alle Forscher sicher, ob der Begriff wissenschaftlich haltbar ist oder ob es sich nur um einen politischen Modebegriff handelt. Immerhin geht es bei der Erdgeschichte um Phänomene, die auch Tausende Jahre später noch nachweisbar sind. In einem ist unsere Epoche aber wirklich einzigartig: Noch nie gab es auf der Erde so viele Angehörige einer einzigen Art. Und zwar nicht Menschen, sondern Hühner. Weltweit soll es rund 23 Milliarden lebende Exemplare dieser Gattung geben; dazu kommen 70 Milliarden, die alljährlich als Poulet oder Güggeli auf unseren Tellern oder auf dem Pappgeschirr von Take-away-Restaurants landen.

Die riesigen Abfallmengen, die der weltumspannende Güggeli-Verzehr verursacht, werden in Deponien entsorgt und aufgeschüttet. Diese sauerstoffarme Lagerung sorgt dafür, dass die Hühnerknochen sich nicht, wie man erwarten würde, rasch zersetzen. Im Gegenteil, sie bleiben derart lange erhalten, dass sie sich dauerhaft ins erdgeschichtliche Gedächtnis des Planeten eingravieren. Nicht Fussabdrücke auf dem Mond oder Eisenbahnschienen auf der Erde dürften also dereinst intelligente Wesen als Zeugnis unserer Epoche vorfinden, sondern eine schier unvorstellbare Menge von Hühnerknochen. Sollte das Anthropozän als Zeitalter wissenschaftlich offiziell anerkannt werden – so haben es Forscher der britischen Royal Society Open Science unlängst neuste Studien zu dem Thema zusammengefasst – «dann wird das Brathähnchen zu einem Schlüsselindikator dieser Epoche».

Wenn von unserer heutigen Zivilisation aber nicht mehr bleiben sollte als Hühnerknochen, dann ist das eine ziemlich deprimierende Perspektive. Zu hoffen ist, dass wenigstens den Küken etwas Linderung verschafft wird. Denn vielleicht werden wir dereinst ja wirklich an unserem Umgang mit dem Federvieh gemessen.

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