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Kommentar

Spitzenlöhne in der Schweizer Wirtschaft: Warum Ermotti und Co. der Heimat schaden

Die Bereitschaft zu unvernünftigen Experimenten nimmt zu, wenn sich reihum der Eindruck verfestigt, oben werde abgezockt und unten müsse um jeden Franken gestritten werden.
Stefan Schmid
Stefan Schmid. (Bild: Benjamin Manser)

Stefan Schmid. (Bild: Benjamin Manser)

Wann ist ein Lohn zu hoch? Darauf gibt es keine wissenschaftlich exakte Antwort. In einer liberalen Marktwirtschaft gilt am ehesten folgender Konsens: Solange die breite Masse der Bevölkerung nicht darben muss, gibt es eigentlich keine zu hohen Löhne. Oder simpler formuliert: Solange der Mittelstand nicht absäuft, darf ganz oben ohne schlechtes Gewissen abgesahnt werden.

Etwa so präsentiert sich die Lage in der Schweiz: Die untersten Löhne sind in den vergangenen Jahren stärker gestiegen als die mittleren. Doch auch der Mittelstand ist wohlhabender geworden. Ganz oben, bei den reichsten 100, sind die Saläre seit der Jahrtausendwende regelrecht explodiert.

UBS-Chef Sergio Ermotti zum Beispiel garnierte 2018 sagenhafte 14,1 Millionen Franken. Sein Kollege Tidjam Thiam von der Credit Suisse brachte es immerhin noch auf 12,7 Millionen. Die beiden Bankbosse sind damit die Spitzenverdiener unter den 20 grössten, börsenkotierten Firmen der Schweiz.

Doch auch zwei Ligen tiefer werden hübsche Gehälter ausbezahlt. Der Raiffeisen-Verwaltungsrat gönnte sich im Jahr 2018 total 2,7 Millionen Franken – 5,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Dass man nach der Affäre Vincenz Mässigung in Aussicht gestellt hatte? Schnee von gestern. Die hohen Saläre auf der Topkaderebene haben zur Folge, dass auch eine Kaderstufe tiefer stärker zugelangt wird, wie die NZZ diese Woche trocken festhält. Das Nachsehen haben alle jene, die keine Kaderstelle in einer wertschöpfungsintensiven Branche ergattert haben. Deren Löhne steigen nur schwach, wenn überhaupt.

Aus liberaler Sicht sind hohe Löhne wie erwähnt nicht grundsätzlich ein Problem. Sind die Besitzer einer Firma damit einverstanden, das Management zu vergolden, ist das ihr Bier. In einem direktdemokratischen und kleinen Land wie der Schweiz greift diese rein marktwirtschaftliche Logik allerdings zu kurz.

Lohnbezüger, die von breiten Schichten als unverschämt wahrgenommen werden, tragen dazu bei, radikalen Ideen und Köpfen den Boden zu bereiten.

Menschen vergleichen ihren Lebensstandard mit anderen. Der Verdruss über die wirtschaftliche und politische Entwicklung nimmt zu, wenn sich reihum der Eindruck verfestigt, oben werde abgezockt und unten müsse um jeden Franken gestritten werden. Die gefühlte Ungerechtigkeit wird irgendwann wirkungsmächtiger als die nackten Zahlen, die keine Zunahme der Ungleichheit postulieren.

In der Schweiz ist der politische Schaden, den hohe Saläre auslösen können, potenziell grösser als anderswo. Das Land ist klein, man kennt sich. Die soziale Kontrolle ist relativ gross. Gleichzeitig spielt die Eidgenossenschaft wirtschaftlich weltweit in der Topliga. Kein vergleichbares Land beherbergt nur ansatzweise so viele Weltkonzerne wie die Schweiz. Das macht uns stolz. Und reich. Es erhöht aber gleichzeitig auch das Konfliktpotenzial zwischen einer abgehobenen, globalisierten Elite, die sich ausschliesslich mit Spitzenmanagern in London und New York vergleicht und einer Mittelschicht, die regional verankert ist und zunehmend Mühe bekommt, die Krankenkassenprämien zu bezahlen.

Die Jungsozialisten haben diese Woche die 99-Prozent-Initiative eingereicht. Deren simples Rezept lautet: Die Reichsten sollen bezahlen, alle anderen werden entlastet.

Unter normalen Umständen haben derlei Begehren aus der sozialistischen Mottenkiste in der bürgerlichen Schweiz keine Chance. Doch die Umstände sind nicht mehr so normal wie auch schon.

Die Lust auf politische Experimente steigt, irrationales Wahlverhalten nimmt zu. Das kann Sergio Ermotti und seinen Managerkollegen natürlich egal sein. Allen anderen vernünftigen Menschen im Land aber muss diese Entwicklung zu denken geben. Die Juso-Initiative ist die Gelegenheit, darüber nachzudenken.

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