Kolumne

Was Kinder wirklich brauchen

Lasst Kinder Kinder sei: Dazu müssen aber Eltern bereit sein, den Kindern die Mittel dafür zu geben.

Mario Andreotti
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Mario Andreotti.

Mario Andreotti.

Die Geschichte der abendländischen Bildung beweist es: Kinder lernen heute nicht anders als vor 100 oder auch 200 Jahren. Sie haben im Grunde keine anderen Bedürfnisse, wenn man ihnen in Elternhaus und Schule genügend Entfaltungsmöglichkeiten für ihr Lernen und für das Spiel mit anderen bietet. Was hingegen schnell und nachhaltig gelingt, ist die Möglichkeit, Kinder auf Bildschirmmedien und auf passiven Konsum zu lenken. Dabei sind fast immer kommerzielle Interessen im Spiel. Anders gesagt, heisst das: Nicht der Mensch mit seinen Anlagen und Bedürfnissen hat sich gewandelt, sondern vielmehr der Markt, der mit der Vielfalt seiner Angebote, schon bei Kleinkindern, durch die Werbung Bedürfnisse erst weckt. Und die Eltern? Sie unterstützen das Ganze, wenn sie ihre Kinder, vielfach aus Unwissenheit, Nachgiebigkeit oder Bequemlichkeit, vor Bildschirmen und Displays «parken».

Statt Kindergärten und Primarschulen mit Smartphones und Tablets hochzurüsten, sollten wir Kindern wieder Zeit und Raum für ihre altersgerechte Entwicklung mit altersgemässen Lehrmitteln einräumen. Kindergärten und Primarschulen, vor allem in der Unterstufe, brauchen Spielzeugkästen, Pinsel und Farben, Bleistifte und Papier, Rhythmus- und Klanginstrumente, Spielzimmer und grosse Pausenhöfe, Zeit zum Zuhören und Erzählen, zum Singen, Malen und Spielen – keine Smartphones und Tablets.

Die erste These von Gerald Lembke und Ingo Leipner in ihrem Buch «Die Lüge der digitalen Bildung» lautet denn auch zu Recht: «Eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter.» Tablet-Computer haben in Kindergarten und Primarschule in der Tat nichts zu suchen, stellten doch Kinderärzte bereits fest, dass die intensive Nutzung digitaler Medien die Sprachentwicklung und das Sozialverhalten von Kindern verhindert oder zumindest verlangsamt.

Es ist eine pädagogische Binsenwahrheit: Mit Kindern muss man sprechen, damit sie selber sprechen und so ihren Wortschatz und ihr Sprachgefühl entwickeln. «Sprich mit mir» ist eine grundlegende Forderung von Kindern an ihre Eltern, denn das Ich-Bewusstsein entwickelt sich nur in Kommunikation mit dem Du, wie schon der jüdische Dialogphilosoph Martin Buber gelehrt hat.

Wenn Eltern das persönliche Gespräch mit dem Kind vernachlässigen, weil sich die digitale Kommunikation mit dem Smartphone in den Vordergrund drängt, dann fehlt das Wichtigste, was das Kind benötigt, um gesund aufwachsen: die Kommunikation mit seinen engsten Bezugspersonen – den Eltern. Neuere entwicklungs- und lernpsychologische Studien belegen es: Kinder sollten eine gewisse intellektuelle Entwicklung durchlaufen haben, zu der Wahrnehmung, Gedächtnisleistung und Sprachbeherrschung gehören, bevor sie sinnvoll an Computern arbeiten und mit Smartphones umgehen können.

Das dürfte realistischerweise nicht vor dem zwölften Lebensjahr der Fall sein. Vorher kann die Konfrontation mit digitalen Medien den Schülerinnen und Schülern mehr schaden als nützen. «Natürlich müssen wir unseren Schülern auch den Umgang mit den neuen Medien beibringen. Aber wir dürfen damit nicht schon in der Grundschule anfangen, nicht in jedem Schulfach, und wir brauchen keine Laptop-Klassen», sagt Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes. Er wirft der Politik vor, aus rein ökonomischen Überlegungen nur an die Förderung der Digitalisierung zu denken. Stattdessen wäre es sinnvoller, in Schulbibliotheken zu investieren, um die Lesefähigkeit der Kinder zu fördern. Denn Lesen ermöglicht Lernen.

Zwar gibt es bereits Gegenstimmen, die behaupten, digitale Bildung sei in Zukunft ganz ohne die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen zu erwerben. Doch der Blick auf Kinder mit zum Teil erheblichen Leseschwächen, die zu Lernschwierigkeiten, Schulversagen und letztlich zu Problemen im späteren Erwerbsleben führen, zeichnet ein anderes Bild. Das müsste uns endlich hellhörig machen.