Kommentar

Wenn es sein muss - zur Not auch eine Bibel

Donald Trump ist nicht der erste Präsident, der auf Symbole setzt - auch wenn sie völlig unpassend sind

Christoph Bopp
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Man sah ihm an, dass er nicht wusste, wie man eine Bibel richtig in der Hand hält. Trotzig bot er sie der Kamera dar wie eine Packung Seifenflocken in einem billigen Werbespot. Das machte die Inszenierung noch bizarrer. Donald Trump und die Bibel – eine Beziehung, die keine ist. Zuvor musste das Militär die Strecke freiräumen. Mit Tränengas. Damit der Präsident vor die Kirche marschieren konnte. Dort reichte ihm einer ein Buch. Und dann marschierte er wieder zurück. Eine Szene ohne Worte.

Die folgten. In einem Statement nannte er «inländischer Terror», was sich auf Amerikas Strassen abspielt. «Terror» ist das Wort, mit dem sich alles rechtfertigen lässt. Gegenüber Terror gibt es keine Verhältnismässigkeit. Da ist alles erlaubt. Das war für die Bedenkenträger. Die Weichen und Schwachen, die nicht durchgreifen. Für die längere Sicht gedacht war: «Ein Verbrechen gegen Gott.» Damit wurden die Zeichen auf Apokalypse gestellt. Bei diesen Unruhen auf den Strassen handle es sich nicht um eine Reaktion auf die übertriebene Gewaltausübung eines Polizisten gegenüber einem Schwarzen. Der religiöse Anstrich war auch keine Show. Niemand wird Präsident Trump für gläubig halten. Aber diese Anspielung war wohlberechnet.

Später spielte Trumps Pressesprecherin Kayleigh McEnany den Auftritt herunter. Das sei eine Geste des Widerstandswillens gewesen. «Wir lassen uns nicht unterkriegen.» Wie damals Churchill, als er unbeirrt in London die Schäden der deutschen Bombardierungen im Zeiten Weltkrieg besichtigte. Oder wie Präsident Carter, der in der Erdölkrise einen Pullover angezogen hätte. Oder Präsident Bush, der nach 9/11 unbeirrt den ersten Ball der Baseball-Meisterschaft geworfen hätte.

Die Beispiele waren nicht recht überzeugend. Trumps Haltung war der forcierte Versuch, Stoizismus vorzuspielen. Das stimmt. Aber die Absicht dahinter glich eher der von Ariel Sharon, als er im September 2000 den Tempelberg in Jerusalem besuchte. Er sagte dort zwar, man würde mit den Palästinensern zusammenarbeiten können. Aber die Aktion war eine reine Provokation. Es folgte die zweite Intifada.

Trumps Bibel war eine Botschaft. Eine, die vor allem den Evangelikalen in den USA wohlbekannt sein dürfte. Sie ruft die Vorstellung des Endkampfes hervor, der Apokalypse, wenn die Kräfte des Bösen ihre letzten Anstrengungen unternehmen, um zu triumphieren. Satans Horden sind auf den Strassen, aber der Präsident widersteht. Er kämpft den Kampf Gottes gegen das Böse. Trump stilisiert sich als Erzengel Michael, der das Schwert hochhält.

Die Umstände fügen sich nahtlos ein. Unmöglich, sich nicht auch die Konfrontation Schwarz-Weiss dazuzudenken. Sogar Präsidentschaftskandidat Joe Biden tat es, wenn auch nicht sehr überzeugend.

Gewiefte Politiker wussten schon immer, wie man solche Auftritte inszeniert. Sie können so hölzern sein wie nur möglich, die Wirkung ist garantiert. General de Gaulle beharrte darauf, 1944 nach der Befreiung von Paris einer Messe in Notre-Dame beizuwohnen. Es ging beinahe schief, als in der Umgebung Schüsse fielen. Woher, ist unbekannt. Aber die Szene blieb unvergesslich. Unerschrockenheit wirkt.

Symbole – es muss nicht die Bibel sein – sind immer da. Man muss den Leuten schliesslich etwas zum Denken lassen. Unvergessen auch, als Präsident Clinton und Vize Gore sich weisse Mäntel überzogen und auf einer Leiter an herumhängenden Drähten herumfummelten und das Internet «erfanden». So wenigstens wollte es die Bildunterschrift. Stimmt nicht: Die weissen Mäntel trugen sie nicht. Man muss auch wissen, wenn etwas zu viel ist.