Kommentar

Wenn Konzerne in Panik geraten: Die unheimliche Macht des Social-Media-Mobs

Migros, Post und Swiss sind drei Beispiele von Unternehmen, die sich von Polemikern auf Facebook, Twitter & Co. in die Knie zwingen liessen. Dadurch erzeugen sie einen Konformitätsdruck und unterminieren die Diversität, die sie angeblich schützen wollen. Der Wochenkommentar.

Patrik Müller
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Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Wochenende».

Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Wochenende».

Sandra Ardizzone / INL

Die Schweiz diskutiert kontrovers die Demonstrationen, die trotz Coronamassnahmen fast Woche für Woche stattfinden. Mal gehts für Frauenrechte, mal gegen Rassismus auf die Strasse. Ja, die Kundgebungen waren nicht bewilligt, doch man muss den Teilnehmern zugutehalten, dass sie friedlich und gesittet für ihre Anliegen demonstrierten. Und ja, die Abstandsregeln wurden nicht immer eingehalten – die Anstandsregeln aber schon.

Randale gibt es hingegen Tag für Tag in den sozialen Medien. Abstandsregeln werden auf Facebook und Twitter keine verletzt, Anstandsregeln aber umso mehr. Neu ist diese Beobachtung nicht. Spätestens seit ein Radau-Twitterer ins Weisse Haus eingezogen ist, wissen wir, dass die sozialen Medien nicht nur zur vielgelobten «Demokratisierung» der politischen Debatte geführt haben, sondern auch zu deren Verrohung.

Es geht gegen alles, was vermeintlich politisch unkorrekt ist

Neu ist, dass Krawallmacher auf Social Media eine beträchtliche Schlagkraft erreicht haben. Weniger in der Politik, interessanterweise, wo pöbelnde Aktivisten durch die demokratischen Prozesse ausgebremst werden. Umso mehr dafür bei grossen Unternehmen, die bei aufziehenden Shitstorms in Panik geraten und vor dem Social-Media-Mob einknicken. Das zeigen drei aktuelle Beispiele:

  • Die Swiss verteilte ihren Passagieren zehn Jahre lang Pralinés des Glarner Chocolatiers Läderach. Dann kündigte sie die Zusammenarbeit plötzlich auf, weil der Läderach-Chef, der konservative und umstrittene Ansichten hat, Gegenstand eines Shitstorms geworden war. Seine Meinungen waren aber längst bekannt.
  • Die Post beendete umgehend die Zusammenarbeit mit ihrer Werbeträgerin Mimi Jäger, einer früheren Ski-Freestylerin, weil sie sich auf Social Media über einen Stau aufgeregt hatte, in den sie wegen einer Antirassismus-Demo geraten war. Die Post kündigte Jäger, ohne mit ihr gesprochen zu haben, aufgrund von Reaktionen in den sozialen Medien (die bis zu Morddrohungen reichten).
  • Die Migros liess 120000 Papiersäcke einstampfen, die Künstlerinnen in ihrem Auftrag gestaltet hatten. Darauf waren Zeichnungen einer nackten Frau mit Katze zu sehen: Sexismus-Verdacht. Die Vorahnung eines allfälligen Shitstorms bewog den grössten Arbeitgeber zum Rückzieher.

Dass wichtige Unternehmen nicht mehr bereit sind, auch einmal Gegenwind in Kauf zu nehmen, ist bedenklich für eine liberale Gesellschaft, in der Meinungs- und künstlerische Freiheit ein hohes Gut ist.

Fragwürdiger Einfluss der Social-Media-Abteilungen

Natürlich geht nicht alles. Ob man heutzutage noch als «Mohrenköpfe» bezeichnete Produkte im Sortiment führen soll oder nicht: Darüber kann man in guten Treuen geteilter Meinung sein. Aber dass Firmen den schrillen Stimmen beim geringsten Verdacht auf politische Unkorrektheit nachgeben, ist höchst problematisch.

Eine wichtige Rolle bei diesen Entscheiden spielen die Social-Media-Abteilungen der Unternehmen. Dort sitzen «junge Menschen mit viel Meinung, aber wenig Ahnung», wie es eine Tamedia-Autorin formulierte. Die Chefs hören auf die vermeintlichen Profis, weil sie die sozialen Medien selber nicht verstehen.

Unternehmen als Meinungswächter

So machen sich Unternehmen zu Meinungswächtern, und dies fast immer zu Gunsten von links-aktivistischen Ansichten, die in den sozialen Medien dominieren. Zwar toben sich dort auch rechte Krawallbrüder aus, aber die finden bei Unternehmen richtigerweise kein Gehör.

Im linken und rechten Geschrei gehen Stimmen unter, die zwar nicht auf Social Media, wohl aber in der Bevölkerung die Mehrheit ausmachen: Unideologische und auch bürgerliche, konservative Haltungen. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht, das den sehr linken und politisch überkorrekten Stimmen eine unheimliche Macht verleiht.

Firmen, die sich dem Social-Media-Mob beugen, schaden sich womöglich selber, doch das ist ihr Problem. Schlimmer ist, dass sie in der Gesellschaft einen Konformitätsdruck erzeugen und so die Diversität unterminieren, von der sie immer reden. Vielleicht müssten die Andersdenkenden mal eine Demonstration organisieren.