Kolumne
Ribérys goldenes Steak: Wer richtet über Dekadenz?

Gerne urteilen wir über Reiche - und vergessen, dass es uns selbst auch gar nicht mal so schlecht geht.

Joëlle Weil
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Joëlle Weil.

Joëlle Weil.

Bitte sehr, hier kommt der aktuelle Anlass für einen betroffenen Gesichtsausdruck: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Laut einer aktuellen Oxfam-Studie sind die Milliardäre dieser Welt im letzten Jahr zusammen 2,5 Milliarden Dollar pro Tag reicher geworden, während der armen Hälfte der Weltbevölkerung 500 Millionen Dollar weniger pro Tag zukamen. Ganz schön ungerecht.

Lehnen wir uns doch auf dem Richterstuhl zurück und schauen auf diese arme Hälfte: Mitleid ist, was wir empfinden und empfinden sollten. Ist ja auch ganz schön gemein. Dieses Elend hat schliesslich keiner verdient. Hunger, Tod, Krankheit. Und diese Superreichen, die zusammen die Welt retten könnten ... Wie praktisch, dass wir urteilen, denn wir sind weiss Gott qualifiziert, auf diesem Richterstuhl zu sitzen.

Franck Ribérys vergoldetes 1200-Euro-Steak hat uns ja nur deshalb so aufgeregt, weil wir in der Lage sind, Gerechtigkeit von Ungerechtigkeit zu unterscheiden. Wie dekadent, dachten wir uns. Wie unpassend. Wie ungerecht. Da frisst ein Weltfussballer für 1200 Euro Znacht, während Millionen Kinder seit Tagen nichts zu essen haben. Wie dekadent. Wie unpassend. Da nehmen wir lieber noch einen ordentlichen Schluck unseres Sieben-Franken-Caramel-Kaffees, drehen noch eine Runde in unseren neuen Saisonschuhen und richten dann entspannt dar­über, welches Verhalten auf Erden angebracht ist und welches nicht und vor allem: an wem wir messen.

«Unsere Fassungslosigkeit hat ein Ablaufdatum.»

Und während wir über diese ganze Dekadenz richten, erlauben wir uns eine kleine Pause und schauen uns auf Netflix an, wie die japanische Ordnungs-Guru Marie Kondo uns erklärt, wie wir unseren Überfluss richtig verstauen. Wie wir Ordnung in unsere vollen Schränke und Wohnungen bringen. «Macht es mich glücklich, wenn ich diesen Gegenstand in die Hand nehme?», lautet Kondos Kredo, wenn wir entscheiden sollten, welches unserer 400 Kleidungsstücke wir entsorgen sollen und welche nicht. So viel Überfluss will sortiert sein. Immerhin brauchen wir einen freien Kopf zum Schütteln, wenn wir fassungslos das WEF, Ribéry und die Milliardäre dieser Welt beschimpfen.

Wir gehören ja nicht zu diesen Milliardären. Wir sind die anderen. Wir sind die, die beim Geldausgeben Vernunft walten lassen. Wir wollen ein Auto kaufen, nach Japan reisen und uns das neue Smartphone leisten können. Davon stirbt ja keiner. Und weil uns diese Milliarden Dollar nichts angehen, tragen wir auch keine Verantwortung. Die sollen ruhig diese Superreichen wahrnehmen. Diese dekadenten Menschen, die sich Goldsteaks reinziehen. Unfassbar, diese Ignoranz. Da schneidet unser nichtvergoldetes Steak aus der Massentierhaltung viel besser ab. Die Rinder sterben schliesslich nicht am Hungertod und haben alle ein Dach über dem Kopf. Die haben richtig Schwein gehabt.

Die gute Nachricht jedoch ist: Auch der heutige Tag hat nur 24 Stunden. Unsere Fassungslosigkeit hat demnach ein Ablaufdatum. Zum Glück. So viel Fassungslossein und Ungerechtigkeit ist wahrlich anstrengend zu ertragen, und allzu lange sitzt man auch nicht gerne auf dem Richterstuhl, sonst tut einem der gepolsterte Hintern weh. Aber so ein paar Stunden richten ist schon toll. Über die anderen, versteht sich. Wie es vor unserer Haustür aussieht, geht schliesslich keinen etwas an. Und solange wir kein Gold fressen, ist doch alles gut.