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Kommentar

Gastbeitrag: Boykottiert die WM!

Wahrscheinlich werden viele Leser nun zuerst so reagieren: «Nun kommt er schon wieder mit seiner Nörgelei über den Spitzenfussball!» Das ist emotional verständlich, aber ein Argument ist es nicht.
Hans Fässler, St.Galler Historiker
Arabiens Kronprinz Mohammad bin Salman, FIFA-Präsident Gianni Infantino und der Russische Präsident Vladimir Putin beim WM-Spiel Russland gegen Saudi Arabien.(Bild: EPA/PETER POWELL)

Arabiens Kronprinz Mohammad bin Salman, FIFA-Präsident Gianni Infantino und der Russische Präsident Vladimir Putin beim WM-Spiel Russland gegen Saudi Arabien.
(Bild: EPA/PETER POWELL)

Seit zehn Jahren versuche ich ohne Erfolg, zumindest dem Mitte-links stehenden und aufgeklärten Teil des Publikums klarzumachen, dass es keinen richtigen Fussball im falschen gibt. Womit wir schon bei Adorno wären, der es so formuliert hat: «Für zwei Stunden schweisst der grosse Anlass die gesteuerte und kommerzialisierte Solidarität der Fussballinteressenten zur Volksgemeinschaft zusammen.»

Wenn ich jeweils nüchtern zusammenfasse, die WM-Spiele würden uns von einer multimilliardenschweren Geldmaschine bestehend aus Sponsoren wie Nike, Adidas, Coca Cola, Sony, Hyundai, Emirate, Hisense, CS, Visa, McDonald’s und Gazprom sowie der korruptionsanfälligen und grössenwahnsinnigen Fifa präsentiert, gibt man mir meistens zunächst recht. Niemand mag Blatter, niemand verteidigt Infantino, niemand findet Witali Mutko sympathisch. Der katarische Scheich Hamad bin Khalifa scheint auch nicht sehr beliebt zu sein, und natürlich hat man schon von skandalösen Arbeitsbedingungen beim Bau der Stadien ­gehört. Aber dann kommen die «Aber».

Aber ich war halt schon immer Fussballfan! Aber das liegt bei uns schon in der Familie! Aber ich schaue halt einfach gern gute Spiele an! Aber ich möchte doch einfach nur mit meinen Kumpels einen gemütlichen Abend bei Wurst und Bier haben! Aber die Kinder sammeln halt Panini-Bildchen! Aber die Stimmung auf dem Blumenmarkt ist doch super! Aber König Fussball im Innenhof des Historischen Museums ist gemütlich für die ganze Familie! Aber gegen einen guten Match bei gutem Essen unter Kastanienbäumen kann man doch nichts haben! Doch, man kann. Ich behaupte: Wer sich Spiele anschaut und damit Einschaltquoten generiert, wer ­Resultate googelt und über Pässe fachsimpelt, wer Panini-Bildchen, T-Shirts und Fanartikel kauft, wer sich an Tippspielen beteiligt, wer Nationalflaggen aus hupenden Autos hält und Fussballdatenspuren im Netz hinterlässt, der spielt das Spiel von Blatter, Infantino & Putin mit.

Das kann man natürlich auch anders sehen. Aber man soll doch bitte, bitte endlich argumentieren anstatt nur zu grollen oder schmollen. Vielleicht muss ich die Sprache des Fussballs wählen, ­damit man mich versteht: Ich wünschte mir eine Debatte über Psychologie der Massen, kritische Sporttheorie, Zurichtung der Körper im Spitzensport, fussballbasierte Globalisierung sowie (De-)Konstruktion von nationalen Identitäten auf einem Niveau, das dem Spiel von Ronaldo, Griezmann oder de Bruyne entspricht. Was ich bis jetzt erlebt habe, entspricht demjenigen von Silvan Hasler aus der Seniorenmannschaft des FC Montlingen (Name von der Redaktion geändert).

Zu einer Debatte, die den Namen verdient, würde auch die Auseinandersetzung um die «moralische Bruchlinie» gehören. Damit meine ich die Frage, was denn passieren müsste, damit sich die Fans so geekelt vom ganzen Theater des Spitzenfussballs verabschieden würden, wie ich es im Alter von 14 Jahren getan habe. Im Folgenden eine Auswahl von durchaus vorstellbaren Enthüllungen, an denen der fussballbegeisterte Leser und auch die ebensolche Leserin ihre Reaktion testen können: 1) Die Oligarchen Usmanow (Telecom), Lissin (Stahl), Alekperov (Öl) und Wekselberg (Metalle) haben für Putin die WM 2018 gekauft. 2) Der indische Stahlgigant Lakshmi Mittal hat Infantino 500 Millionen Rupien versprochen, wenn er die WM 2030 nach Indien holt. 3) Katars Aussenminister Khalid Al-Attiyah gibt zu, dass sein Land den IS unterstützt hat. 4) Die nepalesische Gewerkschaft Gefont weist nach, dass wegen der katastrophalen Arbeitsbedingungen insgesamt 6000 Arbeiter beim Bau der Stadien von Katar gestorben sind. 5) Der kongolesische Autokrat Joseph Kabila wird nach seinem Rücktritt Präsident der Compliance-Kommission der Fifa. 6) Die Fifa hat den Nazi-Goldschatz von Mittenwald gefunden und speist aus ihm ihre Schmier­gelder.

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