Kommentar

Gubrist, Oensingen, Weiningen werden immer bekannter: Wir befinden uns in einer Stauspirale

In der Schweiz stauten sich die Autos im vergangenen Jahr erschreckende 30'230 Stunden lang. Eine Kehrtwende ist nicht in Sicht - auch nach Corona nicht.

Roman Schenkel
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Roman Schenkel.

Roman Schenkel.

Sandra Ardizzone

Pandemiebedingt fliesst der Verkehr derzeit ziemlich flüssig gen Süden. Fünf Kilometer lang stauten sich gestern Freitag die Autos auf der Nordseite des Gotthards. Das ist kurz im Vergleich zu den Vorjahren: Am Freitag vor einem Jahr reihten sich die Autokolonnen auf im Urnerland auf der doppelten Länge auf.

Der Gotthardstau ist der berüchtigste oder, wie die NZZ treffend schrieb, der «telegenste» Stau. Nerviger und vor allem kostspieliger ist aber der tägliche Stau auf den Autobahnen und in den Agglomerationen. Gubrist, Weiningen, Oensingen, Baregg, Belchen, Bern-Kriegstetten, Stalvedro. Radiohörer können diese Stauschwerpunkte im Schlaf aufzählen. Über 30'000 Stunden lang stauten sich gemäss Bundesamt für Strassen (Astra) 2019 auf dem Strassennetz die Blechlawinen. Das ist fast doppelt so viel wie 2010. Erschreckend ist die Beschleunigung: Allein im vergangenen Jahr nahmen die Staustunden um mehr als 10 Prozent zu. Das Astra warnt deshalb vor dem Kollaps. «Das Nationalstrassennetz stösst zunehmend an seine Kapazitätsgrenzen», heisst es im neusten Verkehrsfluss-Bericht, über den CH Media am Freitag berichtete – eine drastische Wortwahl.

Zu Recht: Ein gutes Verkehrssystem ist für die Volkswirtschaft zentral. Denn Stau ist mehr als ein Ärgernis. Stau kostet. Pro Jahr beziffert der Bund die volkswirtschaftlichen Kosten auf knapp zwei Milliarden Franken. Dabei entstehen rund 70 Prozent aus dem höheren Zeitbedarf, den Pendler, Lastwagenfahrer oder Reisende für ihre Fahrten aufwenden müssen, 24 Prozent aus Unfällen, die restlichen 6 Prozent sind höhere Umwelt- und Klimakosten. Alarmierend an den jüngsten Zahlen ist die Hauptursache für die Entstehung von Staus. Verantwortlich sind nicht die Baustellen oder Autofahrer, die zu stark abbremsen. Nein. Der Hauptgrund für Staus ist in 90 Prozent der Fälle schlicht Verkehrsüberlastung.

Der Bund reagiert auf die Überlastung mit Ausbau. Bis 2040 werden knapp 40 Milliarden Franken ins Autobahnnetz investiert – mit dem Ziel die Engpässe zu beseitigen. Es macht Sinn, dort auszubauen, wo der Druck am höchsten ist. Der Ausbau hilft zwar. Doch nur punktuell und nur temporär. Stau wird nicht verschwinden. Bevölkerungswachstum, Wohlstand, wachsende Zahl von Fahrzeugen und ein steigendes Bedürfnis nach Mobilität in Beruf und Freizeit lassen das Verkehrsvolumen von Jahr zu Jahr anschwellen. Hinzu kommt, dass der Ausbau der Infrastruktur unweigerlich zu Mehrverkehr führt. Je attraktiver eine Strasse, desto mehr wird sie befahren. So entstehen andere Engpässe an anderen Orten. Ausbau führt zu Mehrverkehr, Mehrverkehr zu Ausbau – wir befinden uns in einer Stauspirale.

Dem Ausbau der Infrastruktur sind aufgrund von Raum und Mitteln Grenzen gesetzt. Deshalb ist es wichtig, dass der Bund daneben vieles unternimmt, um den Verkehr flüssig zu halten. Pannenstreifen, die während der Rushhour als weitere Spur genutzt werden oder elektronische Verkehrsmanagement-Systeme, die je nach Verkehr das Tempolimit anpassen. Alles mit dem Ziel, die bestehende Infrastruktur besser auszunützen und den Durchsatz zu erhöhen. In diese Reihe passen auch Carpool-Lanes, spezielle Spuren, die nur von Autos mit einer bestimmten Anzahl Insassen befahrt werden dürfen. Doch bei den Verkehrskolonnen, die sich in der Schweiz kilometerlang stauen, ist das ein Tropfen auf den heissen Stein. Stärker einschenken würde ein Mobility-Pricing. Das würde den knappen Platz auf der Strasse mit einem Preisschild in Franken versehen. Doch das Konzept, das dazu dienen sollte, die Spitzen auf den Strassen zu brechen, hat es bislang noch nicht in die Praxis geschafft.

Dass Corona die Stauproblematik entschärfen könnte, diese Hoffnung hat sich schnell in Luft aufgelöst. Zwar reduzierten sich die Staus während des Lockdowns. Geschlossene Betriebe und Homeoffice führten zu leeren Autobahnen. Doch die Staus waren mit der Lockerung des wirtschaftlichen Lebens sofort wieder zurück. Vielmehr könnte Corona zumindest kurzfristig in die andere Richtung wirken. Viele Pendler setzen derzeit wegen des Ansteckungsrisikos im ÖV wieder aufs Auto.

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