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Kommentar

Wir Kinder des Zweiten Weltkriegs

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren brach wie ein Naturereignis über die Menschen herein – auch in der Schweiz. Der Wochenkommentar von Pascal Hollenstein.
Pascal Hollenstein

Geschichte ist keine Naturwissenschaft. Wie viele Menschen im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren haben, ist in der Forschung umstritten und auch eine Definitionsfrage. Die Vermessung des Grauens beschäftigt Historiker seit Generationen. 60 bis 65 Millionen Menschen sollen den Kampfhandlungen mehr oder weniger direkt zum Opfer gefallen sein, so der Konsens. Rechnet man Kriegsverbrechen und Todes-fälle aufgrund von Kriegsfolgen dazu, so dürften es 80 Millionen sein, vielleicht sogar noch mehr. Zahlen, die sich der menschlichen Vorstellungskraft entziehen.

Pascal Hollenstein ist Leiter Publizistik CH Media. pascal.hollenstein@chmedia.ch

Pascal Hollenstein ist Leiter Publizistik CH Media. pascal.hollenstein@chmedia.ch


Am Sonntag jährt sich der Deutsche Überfall auf Polen zum achtzigsten Mal. Sechs Jahre dauerte der nachfolgende Krieg. Es war ein Schlachten bisher unerreichter Brutalität. Der Erste Weltkrieg mit seinen Blutmühlen und Schützengräben hatte das Töten industrialisiert. Doch das Geschehen blieb auf die Schlachtfelder begrenzt, Zivilisten waren kaum betroffen. Gänzlich umgekehrt der Zweite Weltkrieg. Im Rassewahn der Nazis war die Ermordung von unbewaffneten Frauen, Kindern und Greisen eigentliches Kriegsziel. Im Bombenkrieg verschwamm die Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen.

Europa lag nach sechs Jahren in Trümmern, in Japan hatten die USA die ungeheuerliche Vernichtungskraft von Nuklearwaffen demonstriert. Der Zweite Weltkrieg wurde zur wohl wirkungsmächtigsten Lektion, welche die Politik je erhalten hatte. Er hatte gezeigt, wohin Nationalismus und Rassenwahn führen konnten. Die Lehre daraus war: Nie wieder.
Was folgte, ist die friedlichste Epoche der europäischen Geschichte. Der demokratische Rechtsstaat setzte sich durch, der Schutz von Minderheiten.

Vor allem aber hatten Europas Staatenlenker begriffen, dass die Zukunft in der Zusammenarbeit und nicht in der Rivalität lag. Gewiss, dieses neue Europa war durch einen eisernen Vorhang geteilt. Doch beide Seiten hatten verstanden, dass die direkte militärische Konfrontation keine valable Option war. Kriege gab es dennoch, aber nur an den Rändern der ehemaligen Kolonialsysteme. Diese Kriege waren nicht populär. Und sie konnten regional begrenzt werden.

Der Zweite Weltkrieg hatte der Welt eine neue Richtung vorgegeben. Als dann auch noch das Sowjet-Imperium kollabierte, ein halbes Jahrhundert später, schien das viel zitierte «Ende der Geschichte» möglich. 80 Millionen Tote hatten Wirkung gezeigt. Und heute? Die Geschichte bewegt sich in aller Regel langsam, aber kontinuierlich. Erst aus zeitlicher Distanz kann man erkennen, dass der Weltenlauf auf einen Umbruch zugesteuert ist. Dann ist es zu spät.

Deshalb sind auch Richtungsänderungen, die zunächst klein erscheinen, höchst relevant. Und es gibt sie. Das Nationale hat wieder an Bedeutung gewonnen, das europäische Projekt ist nicht nur durch den Brexit, sondern viel fundamentaler bedroht. Kooperation als zwischenstaatliche Handlungsmaxime wird nicht nur von Populisten und Nationalisten nicht mehr als opportun erachtet, nationalstaatliche Egoismen setzen sich durch. Völkerrechtliche Verpflichtungen werden da zunehmend als lästig empfunden. Selbst einen Angriffskrieg gab es in Europa wieder, wenn auch am Rand, in der Ukraine.

Die Öffentlichkeit reagierte auf diesen Tabubruch in der Nachkriegsordnung erstaunlich gelassen. Territoriale Integrität? Nicht so wichtig. Es ist in Europa wieder möglich, was nach Krieg undenkbar war. Und es ist in gewissen politischen Kreisen auch wieder sagbar, was lange Zeit als unsäglich galt. Gewiss, wir stehen nicht unmittelbar vor einer Katastrophe. Aber die Geschichte ist vom Nachkriegs-Pfad abgekommen. Wohin sie steuert, ist nicht auszumachen.

Die Politikergeneration, welche den Krieg noch aus eigener Anschauung kannte, ist mittlerweile ausgestorben, die Erinnerung verblasst. Das ist ein enormes Risiko. Wir müssen uns stets versichern: Wir alle sind Kinder, Enkel und Urenkel des Zweiten Weltkriegs. Die bittere Lektion, die er uns gelehrt hat, dürfen wir niemals vergessen. Das sind wir den 80 Millionen Toten schuldig. Und unserer Zukunft.

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