Wochenkommentar
Dann kamen Greta und Corona: Diese EM zeigt Europa unter dem Brennglas

Die Fussball-Europameisterschaft ist unter Bedingungen gestartet, die es noch nie gab. Sie sagt so einiges aus über das Fussball-Business und auch über das angeblich vereinigte Europa.

Patrik Müller
Patrik Müller
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In Budapest lässt Orban vor vollen Rängen spielen. Anderswo bleiben die Stadien zur Hälfte oder zu Dreiviertel leer. (Im Bild: das Olympiastadion in Baku, Aserbaidschan)

In Budapest lässt Orban vor vollen Rängen spielen. Anderswo bleiben die Stadien zur Hälfte oder zu Dreiviertel leer. (Im Bild: das Olympiastadion in Baku, Aserbaidschan)

Bild: Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Niemand kannte Greta, und keiner ahnte, dass je ein Virus die ganze Welt lahmlegen würde, als 2013 beschlossen wurde, die Fussball-EM 2020 in elf Städten auf dem ganzen Kontinent auszutragen. Nun wirkt das Konzept wie aus der Zeit gefallen. Der damalige Uefa-Chef Michel Platini argumentierte mit der bequemen Erreichbarkeit der Spielstätten mit den boomenden Billig-Airlines. Neben dieser praktischen Begründung gab es dahinter noch eine grössere Idee: Die EM sollte zum 60-Jahr-Jubiläum nicht in einem einzigen Land stattfinden, das wäre zu bieder, sondern in den vereinigten Staaten von Europa. Sie sollte alle Grenzen sprengen.

Platini musste 2016 wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten. Im selben Jahr beschlossen die Briten, aus der EU auszutreten. So vieles hat sich seit dem bejubelten EM-Beschluss von 2013 geändert: Der Klimawandel wurde zum globalen Topthema, die Billigfliegerei geriet in Verruf, und in Europas Osten zettelte Putin einen Krieg an. Deshalb dürfen Russland und die Ukraine an der Europameisterschaft in der Gruppenphase nicht gegeneinander spielen. Und dann kam zu allem Überfluss noch diese unerbittliche Pandemie, welche die Uefa zur Verschiebung des Turniers um ein Jahr zwang.

Ziemlich viele Gründe, die nicht gerade zur Vorfreude und Heiterkeit beitragen, die sonst zum Start jeder EM fast naturgesetzlich aufkommen.

Die Organisatoren haben richtig reagiert

Trotzdem ist es richtig, dass dieses Turnier jetzt stattfindet. Wir können nicht ewig vor Corona erstarren. Der Impffortschritt und Schutzkonzepte, die sich schon in der Champions League bewährt haben, lassen eine Durchführung vernünftig erscheinen. Es ist nachvollziehbar, wenn Uefa-Berater Daniel Koch sagt: «Die EM wird den Verlauf der Pandemie nicht verändern, sie kann aber viele Leute etwas glücklicher machen.»

Glücksgefühle und Euphorie könnten sich im Verlauf des Turniers durchaus noch entwickeln. Allein die Tatsache, dass wieder Fans in den Stadien zugelassen sind, wird die Stimmung heben. Im besten Fall kann das vierwöchige Turnier zum Katalysator für die langsam zurückkehrende Lebensfreude werden, die wir, zumindest im Kollektiv, neu erlernen müssen.

Wenn noch das Wetter mitspielt, tolle Tore fallen und die eine oder andere Überraschung resultiert (dafür darf gern die Schweizer Nati sorgen), wird es vielleicht wieder fast wie früher. Ganz so muss es auch gar nicht sein. Corona ist noch da, die grosse Mehrheit der Bevölkerung nicht geimpft, feuchtfröhliches Massen-Public-Viewing wäre fehl am Platz.

Erfährt das Fussball-Business gerade einen heilsamen Schock?

Diese EM zeigt die Probleme wie unter einem Brennglas. Das Fussball-Business kann seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden. Corona zwang die Uefa, das Budget der Jubiläums-EM um 300 Millionen Euro zu reduzieren. Auf einmal ist das Prinzip des «immer grösser, immer teurer» ausser Kraft gesetzt. Wirkt Corona nun als heilsamer Schock, werden die künftigen Turniere bescheidener und nachhaltiger, sind die Exzesse vorbei? Man wird sehen, wahrscheinlich bleibt es ein frommer Wunsch.

Unter dem EM-Brennglas wird noch mehr erkennbar. Zum Beispiel, welch unterschiedliche Regeln gelten in diesem angeblich vereinigten Europa, wo sogar die Bananen normiert sind. In Rom darf das Stadion nur zu einem Viertel gefüllt werden, in Baku, wo die Schweiz spielt, zur Hälfte, und in Orbans Budapest ist das Stadion voll. Je nach Verlauf wird Boris Johnson für den Final auch das Londoner Wembley zu 100 Prozent besetzen, das hiesse dann: 90'000 Zuschauer.

Verwirrend und kaum verständlich sind die jeweiligen Einreisekriterien für Fans. Das hat seine Gründe. In Europa sind die Infektions- und Impfzahlen, aber auch die nationalen Coronastrategien sehr unterschiedlich, auch innerhalb der EU-Staaten.

Da kann man eigentlich von Glück sprechen, dass wenigstens auf dem Fussballfeld für alle dieselben Regeln gelten.