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Kolumne

Wollen wir diese Intoleranz?

Alex Miescher, den Generalsekretär des Schweizerischen Fussballverbandes, ist wegen seiner Aussagen zu Doppelbürgern in die Kritik geraten. Wäre eine Diskussion nicht sinnvoller?
Thomas Bornhauser
Thomas Bornhauser.

Thomas Bornhauser.

«Mir ist wichtig, dass wir weiterhin und im Detail darüber sprechen. Wenn wir alle notwendigen Aspekte einbeziehen, bin ich sicher, dass wir eine Lösung finden.» So was ist medialer Teflon. Die zitierte Antwort ist schlicht aussagelos; so aussagelos, dass man ohne Kenntnis der vorausgehenden Journalisten-Frage nicht einmal erahnen kann, worum es inhaltlich gehen dürfte. Doch so funktioniert in vielen Fällen öffentliche Kommunikation. Viel reden, öffent­liche Präsenz in Anspruch nehmen, aber möglichst wenig sagen. Denn, so die zynische Überlegung: Wer nichts sagt, kann nichts Falsches sagen. Auch wenn der Erkenntnisgewinn fürs Publikum nahe null ist. EU-Digitalkommissarin Marlya Gabriel beherrscht diese Technik offenbar 1a. Jedenfalls ist sie die Absenderin des Zitats. Damit hat sie vor wenigen Wochen auf eine Frage nach den Roaming-Gebühren für Schweizer im EU-Raum «geantwortet». Und danach wohl perfekt geschlafen.

Eine andere öffentliche Figur hingegen dürften in diesen Tagen Albträume plagen. Ich meine Alex Miescher, den Generalsekretär des Schweizerischen Fussballverbandes. Er wollte nach dem enttäuschend frühen Ausscheiden der Schweiz an der WM in Russland zuhanden der Öffentlichkeit Denkanstösse liefern. Nach dem albanischen Doppeladler von Xhaka mitsamt Kameraden vor serbischen Anhängern und nach den darauffolgenden blutleeren Auftritten der Schweiz gegen Costa Rica und Schweden. So suchte Miescher das Gespräch mit zwei Jour­nalisten vom «Tagesanzeiger» und der NZZ. Aber er redete mit ihnen nicht nach dem Vorbild der EU-Digitalkommissarin. Stattdessen machte er Aussagen mit Inhalt, nicht zuletzt mit Blick auf die Rolle unserer Fussballer mit Migrationshintergrund. Im Originalton sagte er dazu: «Wir schaffen Probleme, wenn wir die Mehrfach­nationalität ermöglichen. Nicht nur im Fussball. Man müsste sich vielleicht fragen. Wollen wir Doppelbürger»?

Das war für das bei uns medial geltende Mass an Toleranz zu viel. Der Mann erlebte innert Tagen einen öffentlichen GAU. Kaum ein Medium von Rang und Namen, das den Fussballfunktionär nicht in die Pfanne haute. Nach einer Woche machte sich dann der Verbandspräsident Peter Gilliéron die Mühe, vor die Medien zu treten. «Sorry», war seine Botschaft. So sei das nicht gemeint gewesen. Miescher habe einen Fehler gemacht. Man habe gar nichts gegen fussballernde Doppelbürger. Intern werde man analysieren. Was die «NZZ am Sonntag» nicht daran hinderte, Miescher noch einmal zwischen die Augen zu zielen. In der Privatwirtschaft, so der Autor, müsste so einer wohl den Hut nehmen. «Das Desaster, das er (Miescher, Anmerkung des Autors) über Doppelbürger angerichtet hat, wäre ein Entlassungsgrund.»

Fehler sind dem Generalsekretär in der Tat unterlaufen. Der schwerwiegendste war vielleicht sein Glaube an eine offene Diskussionskultur. Hinzu kam ein Lapsus, der einem politischen Profi kaum unterlaufen wäre. Denn Miescher hätte präsent haben müssen, dass in Migrationsfragen die grösste Partei des Landes, die SVP, noch immer die Rolle des Bad Boy spielt. In der Doppelbürgerfrage heisst das konkret: Wenn die SVP hier geltende Regeln in Frage stellt, und das tut sie seit Jahren, dann muss, respektive darf sie, reflexartig auf die geschlossene Front ihrer politischen Konkurrenz zählen. Für die SVP sind diese Reflexe Fluch und Segen zugleich. Medial steht sie im Abseits. Aber an den Wahlurnen geben ihr vergleichsweise die meisten Bürger des Landes ihre Stimme. Miescher aber steht nun mit seinem Vorstoss ohne Parteienschutz da und allein im medialen Sturm. Es wird ihm wohl eine Lektion fürs Leben sein.

«Es gehört zu unserer gutschweizerischen Tradition, dass wir miteinander reden und streiten», sagte Bundesrat Alain Berset vor wenigen Tagen in dieser Zeitung. Zu den Aufgaben unseres Bundespräsidenten gehören halt auch Sonntagsreden. Das aktuelle Fallbeispiel Miescher jedenfalls illustriert anderes. Wir hätten in politikarmen Sommertagen über die Rolle von Fussball-­Nationalmannschaften in heutiger Zeit diskutieren können. Oder über die Vorbildfunktion von Spitzensportlern. Oder im Quervergleich über Stärken und Schwächen von Integration in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder der Schweiz. Stattdessen hat man einen ziemlich wehrlosen Verbandsfunktionär umgebrüllt. Ist das die Meinungsvielfalt, die Toleranz, die wir um den ­ 1. August herum beschwören?

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