Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Kolumne

Wollen wir Engpässe und Zwang?

Für die Generation Ü50 wird es zunehmend schwerer, Arbeit zu finden. Politik und Wirtschaft sollen das Problem nicht ignorieren - sonst drohen einige Probleme.
Thomas Bornhauser
Thomas Bornhauser.

Thomas Bornhauser.

Endlich spricht einer Klartext! Erst hatte es der Unternehmer und Nationalrat Franz Grüter (SVP) mit einer Motion versucht. Jetzt aber geht er an die Öffentlichkeit und klagt in der Presse an: Unsere Arbeitslosenzahlen sind geschönt. Und wie! Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft gibt es in der Schweiz aktuell knapp 20000 Langzeitarbeitslose. Die internationale Fachorganisation aber, die ILO (International Labour Organisation) zählt für die Schweiz fast 100000 Betroffene, also fünfmal mehr. Denn: Viele Betroffene gehen nicht oder nicht mehr zu den Arbeitsvermittlungszentren. Zum Beispiel aus Scham. Und die Ausgesteuerten fallen in der Schweiz gänzlich aus der Arbeitslosenstatistik. So werden sie buchhalterisch entsorgt.

Speziell betroffen ist von dieser Problematik die Generation Ü50. Diese Menschen brauchen deutlich länger, bis sie, vielleicht, noch einmal Erwerbs- und damit Einkommensboden unter die Füsse kriegen. Diese Entwicklung kann zu einem sehr langen und sozial gefährlichen Weg werden in einem Land mit Pensionsalter 64 respektive 65. Dies umso mehr, als diese Altersgrenze nach oben verschoben werden soll, aus gut nachvollziehbaren Gründen, wie die Hochrechnungen von AHV und Pensionskassen zeigen. In die Quere kommt derlei Berechnungen und Forderungen allerdings die heutige Realität des Arbeitsmarktes: Denn: Nicht für immer mehr Angestellte über 50 wird es laufend enger. Ab 60 gibt es für Betroffene überhaupt keinen Arbeitsmarkt mehr. Der Headhunter Helmut Zimmerli hat das im Gespräch mit der NZZ so formuliert: «Mit sechzig ist es einfach vorbei.»

Diese radikale Veränderung des Schweizer Arbeitsmarktes ist jüngeren Datums. Noch vor 10, 20 Jahren fühlten sich Firmen selbst für Mitarbeiter verantwortlich, die nicht mehr wirklich mitkamen. Geradezu rührend fand ich den kürzlich publizierten Nachruf einer Trauerfamilie auf ihren Vater. Der hatte als 60-Jähriger offenbar noch einmal eine Stelle bei einer KMU erhalten, obwohl «sein Kampf gegen die Alkoholsucht» schwierig gewesen sei. Das muss vor rund 20 Jahren gewesen sein – und wirkt heute wie aus einer anderen Welt. Jedenfalls können sich derlei Sozialpolitik heute immer weniger Firmen leisten. Der mit der Globalisierung einher­gehende internationale Wett­bewerb lässt grüssen.

Die Entwicklung des Arbeitsmarktes hat allerdings nicht nur mit Wettbewerb zu tun, sondern auch mit Opportunismus und Dummheit. Zum Opportunismus lädt seit gut 10 Jahren vor allem die europäische Freizügigkeit ein. Weshalb soll ich mir nicht einen günstigen 35-Jährigen aus dem EU-Raum auswählen, anstatt am vergleichsweise teuren Ü50er aus der Schweiz festzuhalten? Nur: Andere Länder um uns herum holen bekanntlich auf. Deutsche zum Beispiel gehen vermehrt wieder zurück in ihre Heimat. Und mit Arbeitnehmern aus Rumänien oder Migranten aus dem Maghreb werden viele Herausforderungen unseres Arbeitsmarktes nicht zu lösen sein. Ganz abgesehen von den zukünftigen sozialen Problemen, die wir uns in der Schweiz mit der vorzeitigen Entsorgung älterer Arbeitnehmer einbrocken.

Es ist also keineswegs nur eine Frage des Anstandes. Mindestens ebenso sehr geht es um soziale und wirtschaftliche Interessen des Landes. Mehr als alles andere leben wir in der Schweiz von der Stabilität unserer Gesellschaft. Das setzt im Funktionieren der Gesetze Gleichgewichte voraus. Zum Beispiel zwischen Familien und Singles. Zwischen Mann und Frau. Und eben auch zwischen den Generationen, auch auf dem Arbeitsmarkt. Viele Junge haben das längst begriffen. Nicht umsonst sorgen sie sich mittlerweile sehr um ihre längerfristigen Arbeitsmarktchancen und um ihre Altersvorsorge, wie die Entwicklung des Sorgenbarometers in der Schweizer Bevölkerung zeigt.

Nun müssten sie nur noch in der Führung von Politik und Wirtschaft den Blick frei­kriegen für die Verzerrungen, die in unserem Land Einzug halten. Das setzt mehr Ehrlichkeit in der Politik voraus; zuallererst, wenn es um Zahlen und Fakten des Arbeitsmarktes geht. Und in den Firmen braucht es Führungsleute, die mehr vor Augen haben als den nächsten Quartals- oder Jahresabschluss. Und die auch nicht ganz vergessen, dass nicht nur die anderen älter werden.

Ansonsten drohen erst Engpässe und dann (politische) Zwänge. Sympathischer, klüger, besser aber wären Einsicht und Vorsorge. Auf allen Ebenen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.