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Kommentar

Zivis braucht das Land

Eine Analyse zu den Plänen des Bundesrats, den Zivildienst unattraktiver zu machen.
Michel Burtscher
Michel Burtscher, Inland-Redaktor

Michel Burtscher, Inland-Redaktor

Der Zivildienst steht unter Beschuss, und das schon seit geraumer Zeit. Sein Problem ist eines, um das ihn viele beneiden würden: Er ist beliebt. Kritiker finden, er sei zu beliebt. Denn weil immer mehr Diensttaugliche in den Zivildienst statt ins Militär gehen, sind die Armeebestände gefährdet. Der Bundesrat will nun handeln und die Hürden erhöhen. Sprich: Der Zivildienst soll unattraktiver werden, damit weniger Personen der Armee den Rücken kehren. Acht Massnahmen hat die Landesregierung kürzlich präsentiert. Geplant ist unter anderem, die Dienstzeit jener Zivis zu verlängern, die nach der Rekrutenschule wechseln. Zudem soll eine Wartefrist für den Wechsel eingeführt und sollen Auslandeinsätze verboten werden. So soll – das ist jedenfalls die Hoffnung des Bundesrates – die Zahl der Zulassungen «signifikant» gesenkt werden.

Einigen geht das aber noch nicht weit genug: Stefan Holenstein, der Präsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft, will die sogenannte Gewissensprüfung wieder einführen, die 2009 abgeschafft worden war. Damit müsste wieder eine persönliche Anhörung absolvieren, wer vom Militär- zum Zivildienst wechseln möchte. Heute reicht es, ein Formular auszufüllen – und gleichzeitig bereit zu sein, einen eineinhalb Mal längeren Dienst als Armeeangehörige zu leisten. Auch SVP-Bundesrat Ueli Maurer soll einen solchen Systemwechsel angeregt haben, als die Landesregierung letzte Woche über das neue Zivildienstgesetz diskutiert hat.

Es ist ein sonderbares Vorgehen, aus dem auch ein wenig Verzweiflung spricht. Natürlich wurde der Zivildienst für jene geschaffen, die das Militär nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Und natürlich wechseln heute auch solche zum Zivildienst, die einfach keine Lust haben auf die Armee. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Vor Abschaffung der Gewissensprüfung pendelte die Zahl der Zulassungen für den Zivildienst jedes Jahr meist so um 1500. Nachher nahm sie explosionsartig zu auf fast 7000. Vergangenes Jahr waren es noch rund 6200. Dass man bei der Armee alarmiert ist über diese Entwicklung, ist durchaus verständlich. Trotzdem mutet es seltsam an, wenn man sich jetzt darauf fokussiert, den Zivildienst weniger attraktiv zu machen, und nicht beim eigentlichen Problem ansetzt: bei der Unbeliebtheit der Armee.

Gesellschaftlicher Wandel, der sich
kaum aufhalten lässt

An ihrer Unbeliebtheit hat die Armee nicht alleine Schuld. Sie kämpft gegen einen gesellschaftlichen Wandel, der sich kaum aufhalten lässt. Das Militär hat heute nicht mehr den Stellenwert, den es einmal hatte. Viele Junge wollen sich nicht mehr monatelang ins grüne Tenue stecken lassen, weg von der Familie, weg von den Freunden, weg vom gewohnten Umfeld. Und dabei Aufgaben erledigen müssen, die nicht immer sinnvoll erscheinen. Viele fragen sich, wofür das Ganze gut sein soll – und wechseln zum Zivildienst.

Doch diese Flucht von der Armee ist nicht schlecht für das Land, denn die Zivis leisten wichtige Arbeit: in Pflegeheimen, in Kinderheimen, in Asylzentren, in Spitälern, in Schulen, in der Landwirtschaft, im Naturschutz. Fast 17000 Einsatzplätze gab es im Jahr 2017 in der ganzen Schweiz, in über 5000 Betrieben. Dort will man die Zivis nicht mehr missen – zumal es sich meistens sowieso um Branchen handelt, die unter Personalmangel leiden.

Einige Fortschritte bei der Attraktivität hat die Armee durchaus gemacht in den letzten Jahren. So gibt es neu beispielsweise sogenannte Jokertage: Rekruten können während der RS ohne Begründung zwei Tage freinehmen. Zudem können sich Kader ihre militärische Ausbildung heute teilweise an ihr ziviles Studium anrechnen lassen. Es braucht mehr solcher Lösungen, die darauf abzielen, den Armeedienst für die Jungen – und besonders auch die Frauen – attraktiver zu machen. Viele von ihnen sind durchaus bereit, etwas für die Gesellschaft zu tun. Es muss einfach sinnvoll und nachhaltig sein.

Genau hier sollte die Armee ansetzen. Das ist eine schwierige Aufgabe, natürlich. Und sie wird Zeit in Anspruch nehmen. Doch einfach den Zivildienst zum Sündenbock zu machen, ist der falsche Weg.

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