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Kolumne

Zu viel Fussball? Das ist nicht das Problem

Ansichten
Gottlieb F. Höpli

«Heute kein Fussball» lautete der Titel meines Buches aus dem Jahr 2010 mit längeren und kürzeren Texten aus meiner 15-jährigen chefredaktionellen Zeit. Das wollte schon damals kein Feldzug gegen das internationale Fussball-Business sein. Sondern war ein journalistischer Temperamentsausbruch angesichts der täglichen Überschwemmung mit Fussball-Pseudo-«News» schon lange vor Beginn der Fussball-WM 2006. Deshalb dekretierte ich damals, und tat es im «Tagblatt» wie auch auf dem Plakataushang an allen Kiosken kund, dass hier für einmal eine Zeitung ohne jeden Beitrag zum Thema Fussball erscheine.

An dieser Grundeinstellung hat sich bei mir nichts geändert. Demonstrativer bildungsbürgerlicher Abscheu oder gar der Versuch, die Leute vom Fussballgucken abzuhalten, erscheinen mir nicht nur zwecklos, sondern auch wenig liberal. Auch vor dem Fernseher soll heute, wie es der grosse Friedrich II. und Freund Voltaires für seine Untertanen wünschte, «jeder nach seiner Façon selig werden».

So ganz einfach ist es dann aber doch nicht. Denn wer nicht täglich von mittags bis abends WM-Spiele schauen will, der hat wenig Auswahl, um medienmässig selig zu werden: Das gesamte aktuelle Fernsehangebot wird nämlich rigoros zurückgefahren, Wiederholungen und uralte B-Schinken füllen die restliche Fernsehzeit. Weil, so die Überlegung der Fernsehoberen, ja doch niemand an anderen Themen interessiert ist. Was dann natürlich zu beweisen war: Niemand schaut sich das kümmerliche Spar-Angebot an. Bei den gedruckten Medien sieht es nicht viel besser aus. Viel Fussball, etwas Aktualität, aber meist wenig Aufregendes, wenig Eigenleistungen im Rest der Zeitung.

Nicht ein Zuviel an Fussball ist also das Problem, sondern ein Zuwenig an allem Anderem. Nachdem bekanntlich auf der Welt ohnehin schon mehr passiert, als auf eine Zeitungsseite oder in eine «Tagesschau» passt, ist das kein Befund, über den man leichtfertig hinweggehen darf. Und dabei geht es nicht nur um den epischen Streit um Qualität im Journalismus! Sondern um etwas viel Grundsätzlicheres, das ich anhand der Überlegungen des grossen, 1998 verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann kurz erörtern will.

Medienkommunikation ist nämlich, so schreibt der vielleicht klügste Kopf der jüngeren deutschen Soziologie, nichts anderes als die «Selbstbeschreibung der Gesellschaft»: «Jeden Morgen und jeden Abend senkt sich unausweichlich das Netz der Nachrichten auf die Erde nieder und legt fest, was gewesen ist und was man zu gewärtigen hat.» Das hiess damals: Am Morgen die Zeitung, am Abend die «Tagesschau». Was heute an repetitiver Dauerberieselung durch die Onlinemedien dazukommt, ändert grund­sätzlich nicht viel an diesem Befund.

Massenkommunikation ist laut Luhmann das «Medium der Selbst- und Weltbeschreibung der modernen Gesellschaft» – sie formt das Weltbild in unseren Köpfen. Und entwickelt sich «selbstinspirativ», das heisst aufgrund der gestern bereits vorgenommenen Weltbeschreibung, weiter – die Themen von gestern haben eine viel grössere Chance, von den Medien weiterbehandelt zu werden als jene, über die nicht bereits berichtet wurde. Ein grosser Teil der Welt bleibt somit unsichtbar. Ohne dass jemand wirklich zu begründen wüsste, weshalb. Und die Auswahl der Themen wird enger, die Aufregung grösser, und so «erscheint die Gesellschaft als eine über sich aufregende, sich selbst alarmierende Gesellschaft». Seit 1998, als Luhmann dies schrieb, hat dieser Trend nochmals zugenommen.

Das ist der Zustand, in dem wir uns heute befinden. Nicht nur, wenn Fussball-Weltmeisterschaften stattfinden, sondern auch im medialen Alltag. Immer weniger Themen werden immer aufgeregter behandelt und breitgeschlagen. Schon als junger Journalist lernte ich von den Kollegen des Boulevards eine ihrer wichtigsten Regeln kennen: «Eine Geschichte, die nicht mindestens drei Tage lang das Zeug zum Aufmacher hat, ist keine Geschichte.» Das Problem ist also nicht das Zuviel an Fussball oder an anderen grossen Aufreger-Themen. Das grössere Problem ist, was alles nicht in den Medien vorkommt.

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