Gastkommentar

Zu viele Raser auf den Skipisten

Gegen Raser auf der Skipisten soll – ähnlich wie im Strassenverkehr – konsequent vorgegangen und die Temposünder in einem Register festgehalten werden.

Art Furrer
Drucken
Teilen

Als ich hörte, dass die Jungfrau-Bahnen ab der Saison 2020/21 die Anzahl Gäste im Skigebiet bei 17800 pro Tag limitieren wollen, war dies für mich keine Überraschung. Denn mit den ständig wachsenden Kapazitäten der Bergbahnen und Lifte wird auch der Verkehr auf den Pisten immer dichter. Zwischen Wengen und Grindelwald ist dies insofern ausgeprägt, als es in diesem Skigebiet diverse Nadelöhre gibt, bei denen vergrösserte Staugefahr herrscht. Eine ähnliche Konstellation findet sich auch in Zermatt. Bei uns in der Aletsch-Region dagegen verfügen wir fast ausnahmslos über breite und sanfte Abfahrten mit genügend Auslauf.

So oder so: Der alpine Stossverkehr stellt uns nicht zuletzt vor grosse sicherheitstechnische Herausforderungen. Denn mit den Carvingski sind Tempi und Frequenz auf den Abfahrten deutlich gestiegen – an vielen Orten bis zur Schmerzgrenze – oder darüber hinaus. Der technische Fortschritt und die taillierten Ski haben das Skifahren stark verändert. Ich behaupte: Heute machen auch weniger begabte Fahrer viel schneller Fortschritte als früher und fühlen sich so im Schnee sicherer. Es ist aber oft eine falsche Sicherheit. Denn die modernen Ski zwingen die Hobbysportler quasi zu hohen Geschwindigkeiten, können so aber auch den Kontrollverlust auslösen. Dazu kommt, dass die Pisten immer besser präpariert und frei von natürlichen Hindernissen sind.

Gab es früher noch viele bucklige und eisige Abfahrten, die das Tempo der Skifahrer natürlich reduzierten, ist das Terrain heute in der Regel breit und planiert. Man kann schon fast von «Autobahnen» sprechen. Diese Konstellation führt unweigerlich zu Konflikten und Gefahrensituationen – umso mehr, als immer noch verschiedenste Stilrichtungen der Fahrer exis­tieren. Zieht beispielsweise ein Carver seine langen Kurven in den Schnee und trifft dabei auf einen Fahrer, der den Hang mit Kurzschwüngen bewältigt, droht akute Kollisionsgefahr. Denn die unterschiedlichen Schwungformen und Geschwindigkeiten sind auf derselben Piste kaum kombinierbar. Die Unfallstatistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung spricht Bände: 2018 kam es auf den Schweizer Skipisten zu 60000 Schadensfällen. Besonders gravierend dabei ist: Die Schwere der Verletzungen hat zugenommen. Erlitten die Skifahrer früher vor allem Bein- oder Knieverletzungen, sind heute Kopf- und Oberkörperverletzungen viel häufigen. Auch mich persönlich zwang dies zum Umdenken: War ich früher immer mit meinem Cowboyhut auf den Pisten unterwegs, trage ich seit zirka zehn Jahren konsequent einen Helm.

Es ist höchste Zeit, dass die Skiorte ihr Sicherheitskonzept den neuen Gegebenheiten anpassen – und da ist das Limit im Kartenverkauf nur ein Anfang. Auf den Pisten selber muss die Situation entflechtet werden. Es kann nicht sein, dass sich viele ältere Skifahrer nicht mehr in den Schnee getrauen. Es muss in unseren Alpen für alle Platz geben. Ein wichtiger Schritt ist die Einführung von Pisten für verschiedene Tempostufen (Slow Slope) – wie sie beispielsweise Grindelwald schon jetzt kennt. Ausserdem muss die Pistenpatrouille verschärft und verbessert werden. Ich plädiere dafür, dass gegen Raser auf der Piste (ähnlich wie im Strassenverkehr) konsequent vorgegangen und die Temposünder in einem Register festgehalten werden. Spätestens bei der zweiten Verfehlung ist der Entzug des Tickets zwingend. In der Pflicht stehen die Bahnunternehmer, Skischulen und Pistendienste. Sie haben es in der Hand, die Anarchie in den Schweizer Skigebieten einzudämmen und das allgemeine Sicherheitsgefühl wieder herzustellen. Wenn ich lese, dass die Skiunfälle pro Winter bei den Versicherungen eine Schadenssumme von fast 300 Millionen Franken verursachen, kann ich nur den Kopf schütteln.

Skifahren bleibt für mich der schönste Sport der Welt. Aber die Entwicklung bereitet mir Sorgen. Wenn sich Carver auf den öffentlichen Pisten im Tempo eines Weltcupfahrers bewegen, stimmt etwas nicht mehr. Deshalb gilt neben allen Regeln, Regularien und Richtlinien ein oberstes Gebot: Wer sich ohne Rücksicht auf die anderen und ohne Eigenverantwortung den Hang hinunterstürzt, soll am besten zu Hause bleiben.

Jungfraubahnen planen Limitierung der Anzahl Skifahrer

Die Jungfraubahnen wollen künftig in einem Teil des Jungfrau-Skigebiets die Zahl der Ski- und Snowboardfahrer limitieren. Auf den Pisten oberhalb von Wengen und Grindelwald sollen künftig maximal 17’800 Menschen pro Tag herumfahren.