Zum Jahreswechsel

2021 wird das Jahr der Bewährung – fünf Thesen zum alten und zum neuen Jahr

Corona hat das ablaufende Jahr geprägt. Die Schweiz hat sich, aller berechtigter Kritik zum Trotz, passabel geschlagen. Ob das Land in einer Dauerkrise versinkt, oder ob es zu neuer Stärke finden wird, das entscheidet sich 2021. Fünf Thesen.

Pascal Hollenstein
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Krise oder neue Stärke im kommenden Jahr? Fünf Thesen zum endenden Corona-Jahr und dem bevorstehenden 2021.

Krise oder neue Stärke im kommenden Jahr? Fünf Thesen zum endenden Corona-Jahr und dem bevorstehenden 2021.

Keystone

Corona, Corona, Corona. Es gab im Jahr 2020 kaum ein anderes Thema. Die Abwahl von Donald Trump als Präsident der USA war womöglich das einzige Ereignis, das die Seuchenlitanei zu durchbrechen vermochte. Aber sonst? Brexit? Hat man zur Kenntnis genommen. Die anhaltenden Kriege im nahen Osten? Schafften es schon gar nicht mehr ins Fernsehen. 2020 war das Jahr, als ein Virus eine Filterblase von historischem Ausmass schuf. Was sonst die Gemüter erregt hätte, blieb gedämpft und ausserhalb.

Pascal Hollenstein. Publizistischer Leiter CH Media.

Pascal Hollenstein. Publizistischer Leiter CH Media.

Corona 2020 also. Die Ereignisse in der Schweiz sind rasch zusammengefasst. Ein bisweilen überfordertes Politsystem hat auf das Virus mit sinnvollen und manch grotesken Massnahmen reagiert. Allerorten zeigte sich, dass die angebliche Wohlorganisiertheit des Landes wenig mit der Realität zu tun hatte: Das Contacttracing kollabierte umgehend, vernünftiges Zahlenmaterial zur Seuche war im Staat, der jede Braunvieheinheit akribisch erfasst, über lange Strecken nicht vorhanden.

Die Schweiz hat Grund zur Bescheidenheit. Sie hat nicht gezeigt, dass sie Corona besonders gut kann. Die im internationalen Vergleich hohen Zahlen von Menschen, die mit oder an diesem Virus gestorben sind, stellen dem Land kein gutes Zeugnis aus. Umgekehrt hat die Schweiz aber auch vieles richtig gemacht. Ein kompletter Lockdown konnte vermieden werden, es wurden - anders als in Spanien zum Beispiel - nicht Kinder monatelang eingesperrt. Dank den raschen und gezielten staatlichen Interventionen konnten die Schäden in der Binnenwirtschaft minimiert werden.

Gewiss, die Schweiz ist wie fast jedes andere Land in eine Rezession geschlittert. Die Schrumpfung war mit 3,5 Prozent indes milde verglichen mit den 7 Prozent in der EU. Das ganze Ausmass des Schadens wird erst sichtbar werden, wenn in manchen Branchen eine Konkurswelle einsetzen wird. Und doch besteht Anlass zur Hoffnung: Es ist nicht gottgegeben, dass 2020 zum Ausgangspunkt einer langen Depression werden muss. Zumindest dann nicht, wenn das anbrechende Jahr genutzt wird, um - nebst der Impfung - die Weichen richtig zu stellen.

Was ist zu tun? Fünf Thesen.

Heraus aus der Seuchenwirtschaft

Bund und Kantone haben 2020 Milliarden in die Stützung von Wirtschaftszweigen investiert, die in von den Auswirkungen der Pandemie besonders gebeutelt wurden. Das war in der akuten Phase der Krise richtig. Dennoch muss, sobald dank der Impfung wieder so etwas wie Normalität einsetzt, das süsses Gift der Subventionen rasch abgesetzt werden.

Obwohl es für die Betroffenen hart ist, so sind doch Strukturbereinigungen und Konkurse das reinigende Feuer, das den ökonomischen Wald auslichtet und neuen wirtschaftlichen Unternehmungen erst das Licht verschafft, um zu wachsen. Teile der Gastronomie, des Detailhandels und des Tourismus etwa befanden sich schon ohne Virus in einer prekären Lage. Es wäre langfristig schädlich, die Agonie dieser Betriebe mit zu verlängern.

Heraus aus der Schuldenwirtschaft

2020 war das Jahr, in dem öffentliche Hand in die Schuldenwirtschaft abgerutscht ist. Es griff dabei auf der politischen Ebene eine beunruhigende Art der geistigen Inflation Platz. Was waren schon Milliarden! Politisch profiliert hat sich nicht der sorgenvolle Rappenspalter, sondern der grosszügige Spender.

Es ist zwar sinnvoll, wenn ein Staat in einer solchen Situation Schulden macht. Doch der Trend muss 2021 rasch gedreht werden. Denn eine langfristige Schuldenwirtschaft beraubt ein Land der Handlungsfähigkeit. Der Übergang zu mehr finanzpolitischer Austerität wird politisch unpopulär sein - und doch muss er 2021 in Angriff genommen werden.

Hinein in neue Arbeitswelten

Das Corona-Jahr hat zu einem eigentlichen Schub bei modernen Arbeitsmodellen geführt: Homeoffice wurde plötzlich dort möglich, wo sich Arbeitnehmer wie Chefs zuvor dagegen gesträubt hatten. In den allermeisten Fällen hat dabei die Produktivität nicht gelitten, die Work-Life-Balance profitierte.

Es wird nicht möglich sein, diese neuen Arbeitsformen in jedem Fall eins zu eins in eine postpandemische Arbeitswelt zu transferieren. Der physische Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen bleibt unersetzlich. Und doch sind Firmen wohl beraten, den Schwung aus dem Corona-Jahr mitzunehmen. Die Gefahr einer staatlichen (Über)-Regulierung lauert aber auch hier. Das ist zu vermeiden. Denn Corona hat uns gelehrt, dass Vertrauen in aller Regel besser ist als jede feinziselierte Vorschrift.

Hinein in eine neue Freizeitwelt

Wandern, Velofahren, Langlaufen, Kochen, Lesen, Freunde treffen, Zeit geniessen. Corona hat die Prioritäten bei der Freizeitgestaltung bei vielen zwangsweise verschoben.

Man muss kein Konsumpessimist sein, um sich an dieser entschleunigten Einfachheit des Seins zu erfreuen. Sie bietet zudem Tourismusdestinationen und Kulturinstitutionen eine Chance. Für einige wird es 2021 die letzte sein. Sie sollten sie ergreifen.

Hin zu einer neuen Medienwelt

Richtig beunruhigend an der Krise war, wie sich ganze Milieus hin zu allerlei Verschwörungstheorien gewendet haben. 2020 legte offen, wie brüchig ein rationaler Diskurs sein kann und wir gefährdet demokratische Willensbildung ist. Diese Warnsignale muss man ernst nehmen. Auf politischer Ebene, indem man Sachlichkeit mehr Platz einräumt als Rechthaberei.

Und es ist an der Zeit, Strukturen zu schaffen, um denn entfesselten Fake-News-Fabrikaten im Internet zu begegnen. Sei es, indem man die grossen Player dort ökonomisch zurückbindet, wie das beispielsweise in Australien schon begonnen hat. Sei es aber auch, indem man Gewähr bietet, dass nach journalistischen Kriterien erstellte Medienprodukte eine ökonomische Zukunft haben.

Die Schweiz braucht keine Gesinnungspolizei. Aber die Pandemie hat den Wert unabhängiger, seriöser Medien gezeigt. Auf dieser Erkenntnis sollte man aufbauen.