OPER: «Alles ist da – fürs Ohr und fürs Auge»

Die Sängerin Jutta Böhnert kehrt in Händels «Alcina» zurück ans Luzerner Theater. Und sagt, wieso die weibliche Liebeszauberei im Stück nicht nur barockes Theater ist.

Interview Urs Mattenberger
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Pendelt zwischen Luzern und grossen Häusern: Jutta Böhnert. (Bild Manuela Jans)

Pendelt zwischen Luzern und grossen Häusern: Jutta Böhnert. (Bild Manuela Jans)

Jutta Böhnert, in Händels Oper «Alcina» wird weibliche Verführungskraft mit Zauberei gleichgesetzt. Können Sie als Frau damit etwas anfangen?

Jutta Böhnert: Ja, wenn zwischen zwei Menschen die Chemie stimmt und Gefühle aufkommen, ist das schon eine Art Zauber. Und Händel selbst gibt dem Zauber eine solch menschliche Bedeutung: Alcina ist zwar eine Zauberin, aber in der Musik wird sie doch ganz menschlich als Frau gezeichnet.

Dass gefährlicher Liebeszauber einer Frau und nicht einem Mann zugeschrieben wird, ist kein Zufall. Ist dies antiquierte Barocksymbolik, oder ist die Liebe von Frauen zauberhafter, gar bedrohlicher?

Böhnert: Eine schwierige Frage! Mag sein, dass sich darin die Erfahrung spiegelt, dass Frauen vielleicht doch ein paar Ebenen mehr besitzen, was Gefühle anbelangt. Und damit tiefer empfinden, wie man so sagt, als das bei manchen Männern der Fall ist. Aber verallgemeinern konnte man das wohl schon zur Zeit Händels nicht. Immerhin sind da auch männliche Figuren differenziert dargestellt, wie Ruggiero, in den sich Alcina wirklich verliebt, der aber seiner Verlobten Bradamante am Ende treu bleibt.

Was war denn Ihre Idee von der Figur, als Sie erfuhren, dass Sie die Rolle der Alcina übernehmen?

Böhnert: Meine erste Idee war natürlich auch: Das ist eine gefährliche Zauberin, die reihenweise Männer verführt und sie in Tiere, Pflanzen oder Steine verwandelt. Aber dann hörte ich Händels Musik, die in eine ganz andere Richtung weist. Schon in ihren ersten Arien wird die Figur der Alcina unglaublich menschlich und liebend dargestellt: mit einer tiefgründigen Musik, die elementare Gefühle zum Ausdruck bringt. Und die Regisseurin Nadja Loschky deutet Figur und Stück stark von dieser psychologischen Seite aus.

Inwiefern?

Böhnert: Sie verlegt das Stück nicht zwanghaft auf eine andere Ebene oder in einen modernen Kontext, sondern konzentriert sich ganz auf die Personen und ihre Gefühle. «Alcina» ist ja ein Spätwerk von Händel, wo jede Note, jede Figur bedeutsam ist und alles meisterhaft in einen dramaturgischen Ablauf gebettet wird. Loschky entwickelt ihre Regie ganz von dieser Musik aus. Dass Regisseure die Partitur derart detailliert kennen, ist leider nicht selbstverständlich. Oft sitzen sie mit einem Reclam-Heftchen da und gehen nur vom Text aus. Das finde ich nicht nur traurig. Da fühlt man sich als Sänger auch allein gelassen. Fantastisch bei Loschky ist, dass sie die Partitur sehr genau kennt und ganz klar ihre Vorstellungen umsetzt, aber den Sängern Raum lässt, ihre Persönlichkeit einzubringen.

Bei barocker Zauberoper denkt man an spektakuläre Bühnenmaschinerien. In diesem Punkt wird man in dieser psychologisierenden Inszenierung also einmal mehr enttäuscht?

Böhnert: Nein! Es gibt hier tatsächlich auch diese Bühnenmaschinerie, mit vielen schönen Bildern, Perspektivenwechseln und Verwandlungen. Das ist meist schlicht, aber wirkungsvoll gemacht. Und das gilt auch für die Kostüme. Diese lassen sich zwar nicht eindeutig einer Zeit zuordnen, sind aber teilweise sehr aufwendig gestaltet und gehen unglaublich ästhetisch von Rokoko bis hin zur Avantgarde. Das klingt jetzt wie ein Werbeslogan, aber ich meine das wirklich: Da ist alles da fürs Ohr wie fürs Auge.

Das klingt auch fast nach konservativer Ausstattungsoper. Muss man diese Multimedia-Gattung nicht – zum Beispiel – mit dem Einbezug neuer Medien aktualisieren, um damit auch ein jüngeres Publikum erreichen zu können?

Böhnert: Konservativ ist diese Inszenierung keinesfalls – es gibt auch tatsächlich Toneinspielungen und Videoprojektionen. Aber die Aktualität eines Werks hängt von ganz anderen Sachen und letztlich von diesem selbst ab. Wenn es gelingt, die Gefühle von Liebe, Leidenschaft, Sehnsucht und Eifersucht, um die es letztlich in «Alcina» geht, glaubwürdig und existenziell erfahrbar zu machen, ist das ohnehin immer aktuell und zeitgemäss.

Wie kamen denn Sie selber zur Oper?

Böhnert: Nicht übers Elternhaus, sondern über einen Musiklehrer, der mit uns Konzertreisen unternahm und spannende Projekte machte. Dadurch entdeckte ich die klassische Musik. Als ich mit 16 meine erste Oper sah, die «Zauberflöte», sprang der Funke sogleich rüber.

Nach Auftritten an grossen Bühnen sind Sie jetzt im Ensemble des Luzerner Theaters. Verläuft der Karriereweg in der Regel nicht umgekehrt?

Böhnert: Ich hatte erste Festengagements in Nürnberg und Kassel, bevor ich als freie Sängerin an grossen Häusern sang. Jetzt habe ich das Glück, dass ich beides kombinieren kann. Ich singe in Luzern nach der «Alcina» die Micaëla in «Carmen» und habe neben diesen Rollen Zeit für Auftritte an anderen Bühnen. Ein Gastspiel des Bolschoi-Theaters in St. Petersburg etwa, wo ich die Gräfin in Mozarts «Figaro» singe, oder in der Philharmonie Dresden als Marzelline in «Fidelio».

Und was führte Sie nach Luzern?

Böhnert: Ich bin hier als Gast bereits vor acht Jahren aufgetreten – als Gilda in «Rigoletto» und Belinda in Purcells Oper «Dido und Aeneas». Da habe ich Howard Arman kennen gelernt und fand die Zusammenarbeit mit ihm fantastisch. Dass man sich musikalisch mit einem Dirigenten derart gut versteht, ist eben auch eher selten. Als ich hörte, dass er hier musikalischer Direktor wurde, hatte mich das gleich interessiert. Und als ich für Micaëla angefragt wurde, ergab sich das Engagement auch für die Alcina.

Seit diesem Jahr leben Sie in Luzern. Wie erleben Sie die Stadt?

Böhnert: Die Stadt mit ihrem See und den Bergen ist natürlich auch ein Grund, gern hierher zu kommen. Für mich ist das fast ein bisschen wie Ferien. Vor allem weil ich gerne wandere! Schon in meiner Jugend habe ich die Sommer regelmässig in einer Hütte oberhalb von Sarnen verbracht.

Das können Sie heute noch, weil Sie Ihr Instrument, die Stimme, immer mit dabei haben?

Böhnert: Nein, ich habe keineswegs das Bedürfnis, auch in den Ferien jeden Tag zu singen. Im Gegenteil. Solche Auszeiten sind gut für die Stimme wie für die Seele.

Hinweis

Premiere: Samstag, 11. Januar, 19.30 Uhr, Luzerner Theater. VV: Tel. 041 226 05 15.

Jutta Maria Boehnert, die ihr Alter nicht verraten will, stammt aus Baden-Baden, studierte in Stuttgart und sang nach Festengagements als freie Sängerin an grossen Häusern. In Luzern gastierte sie 2005 in «Dido und Aeneas» und «Rigoletto».

Wir verlosen 3-mal 2 Tickets für die Aufführung von «Alcina» am Freitag, 17. Januar, 19.30 Uhr, im Luzerner Theater. Wählen Sie heute die Telefonnummer 0901 83 30 25 (Fr. 1.– pro Anruf, Festnetztarif), oder nehmen Sie teil auf www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe