KLASSIK: Geiger Wolfgang Schneiderhan – Ungestüm über die Klassikgötter hinaus

Eine Archiv-Aufnahme des Lucerne Festival zeigt, wo der viel gerühmte Wiener Ton der Festival Strings seinen Anfang nahm. Und dass der Geiger Wolfgang Schneiderhan auch anders konnte, wenn es darauf ankam.

Fritz Schaub
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War mit 42 Konzerten seit 1949 eine der Ikonen des Luzerner Festivals: der Geiger Wolfgang Schneiderhan (hier im Mai 1959). (Bild: Festival Strings)

War mit 42 Konzerten seit 1949 eine der Ikonen des Luzerner Festivals: der Geiger Wolfgang Schneiderhan (hier im Mai 1959). (Bild: Festival Strings)

Die jüngste CD in der Reihe der historischen Aufführungen der Internationalen Musikfestwochen (heute Lucerne Festival) ist Wolfgang Schneiderhan (1915-2002) gewidmet und damit einem Künstler, der zu den Ikonen des Festivals gehört, bestritt er doch zwischen 1949 und 1986 nicht weniger als 42 Konzerte. Die Aufnahme des Violinkonzerts A-Dur KV 219 von Mozart stammt aus dem Jahre 1952 und ist Schneiderhans frühester erhaltener Mitschnitt von den Festspielen.

Der ehemalige Konzertmeister der Wiener Philharmoniker hatte sich zwei Jahre zuvor ganz für die Solokarriere entschieden und sollte vier Jahre später gemeinsam mit seinem ehemaligen Schüler Rudolf Baumgartner das Kammerorchester der Festival Strings Lucerne ins Leben rufen, das sich noch heute auf den typischen «Wiener Ton» des österreichischen Geigers beruft. Hier kann man ihn sozusagen im Urzustand erleben.

Was heisst Wiener Klang?

Es ist ein Ton, der zuallererst die Schönheit, die Wärme sucht und technische Virtuosität hintansetzt. Schneiderhan wurde in seiner Zeit allgemein als Instanz für Mozart anerkannt und vertrat ein ganz auf Harmonie ausgerichtetes Mozart-Bild. Wie der Mitschnitt zeigt, wirkt diese Auffassung auch heute noch keineswegs veraltet. Denn die Tongebung wirkt nie aufdringlich, das Süsse und Samtweiche des Tons wird durch eine feinsinnige Gestaltung, eine auffallende Differenzierung der Dynamik und eine breite Palette der Modulationsfähigkeit in Schranken gehalten.

So kann man auch heute unterschreiben, was damals der «Vaterland»-Rezensent begeistert schrieb: «Mit welcher ton­lichen Noblesse und musika­lischen Feinnervigkeit, mit ­welchem unübertrefflichen Stilempfinden, technischer Brillanz und Eleganz wurde hier musiziert!»

Keine Scheu vor der Moderne

Aber Schneiderhan war bei seinen Festwochen-Auftritten keineswegs nur auf die Klassik-Götter eingeschworen, bei denen seine auf Schönheit ausgerichtete Tongebung besonders angemessen war. Das dokumentieren zwei Mitschnitte aus den Sechzigerjahren, die das damals topaktuelle Magnificat von Frank Martin und das 1947 entstandene erste Violinkonzert von Hans Werner Henze betreffen.

Schneiderhan scheute sich nicht, die reine Tonschönheit zu verlassen, wenn dies von der Komposition her erforderlich war, und entsprach damit genau der Strategie der Festival Strings, bei denen die zeitgenössische Musik bekanntlich eine zentrale Rolle spielt.

Mehr noch: Auch das Ehepaar Schneiderhan vergab wie die Festival Strings Kompositionsaufträge. Nach einem solchen Auftrag entstand 1968 das Magnificat von Frank Martin, das ihm und seiner Gattin, der Sopranistin Irmgard Seefried, gewidmet ist, die den expressiven Gesangspart grossartig bewältigt.

Souverän meistert Schneiderhan auch hier alle Klippen, wobei er keineswegs zurückscheut vor der Herbheit der Martinschen Tonsprache dieses Magnificats, dem Frank Martin ein Jahr später das «Ave Maria» voranstellte und das nun «Maria-Triptychon» genannte Werk mit dem «Stabat Mater» abschloss. Noch stärker gefordert war Schneiderhan in puncto Expressivität im eigenwillig-ungestümen Violinkonzert des 21-jährigen Henze, wo er gleich zu ­Beginn eine Zwölftonreihe exponiert, die in den vier Sätzen vielfältig genutzt wird.

Kompetent ist bei allen drei, aufnahmetechnisch unterschiedlichen Aufnahmen die Begleitung durch das Schweizerische Festspielorchester unter Paul Hindemith (bei Mozart), Ferdinand Leitner (bei Henze) und Bernard Haitink (bei Martin).

Fritz Schaub
kultur@luzernerzeitung.ch

Schweizer mit Fluchtpunkt Paris

Ebenfalls mit den Festival Strings Lucerne verbunden war der Schweizer Komponist Peter Mieg (1906–1990). Er hatte das Glück, mit drei Schweizer Dirigenten bekannt zu werden: mit Victor Desarzens (Chambre de Lausanne), Edmond de Stoutz (Zürcher Kammerorchester) und Rudolf Baumgartner (Festival Strings). Eine Biografie zeigt nun, wie Mieg über solche Kontakte eine Zeit lang zum meistaufgeführten Schweizer Komponisten wurde, bis er ab den 60er-Jahren aufs Abstellgleis geriet und später kein Comeback feierte.

«Schnallenschuhe der Neoklassik»

Baumgartner, der Mieg auch privat nahestand, legte ihm 1950 mit dem Auftrag für ein «Divertimento» nahe, das Stück «dürfe nicht kompliziert sein und müsse vom Hörer unmittelbar verstanden werden». Von da an entwickelte sich Miegs Musik hin zu einer lichteren Klangsprache, weg von allem Aufgerauten und Komplexen. Denn in den 30er-Jahren liess er sich in Paris, das ihm zeitlebens zu einem Fluchtpunkt wurde, von Strawinsky und Bartók zu einem expressiven Komponieren inspirieren.
Dann schlüpfte er, wie Kardos und Hellat schreiben, «in die eleganten Schnallenschuhe der Neoklassik». Die Gründe, weshalb seiner Musik kein Comeback gelang, erforschen die Autoren nicht, zeichnen aber ein anschauliches Bild des vielseitigen Komponisten und Malers.

(F.S.)