KUNST: «Zurück ins Grüne»: Ein Blick in vier Luzerner Kunstausstellungen

Sand, Strandgut, Tierstimmen und viel Dreck. Mit dem Beginn des Frühlings kehrt in die Zentralschweizer Kunsträume die Natur ein. Ein Rundgang durch vier Ausstellungen.

Julia Stephan
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Ein Frauenschoss als Kissen hat die Kubanerin Carla Maria Bellido zu diesem Bild inspiriert. (Bild: PD)

Ein Frauenschoss als Kissen hat die Kubanerin Carla Maria Bellido zu diesem Bild inspiriert. (Bild: PD)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Galerie Vitrine: Carla Maria Bellido

Was die junge Künstlerin Carla Maria Bellido (*1993) an Gegenständen durch die Ritzen der kubanischen Internetzensur aufblitzen sieht, das archiviert sie in ihrer persönlichen Bilddatenbank. Etwa das Foto von einer elektrisch beheizbaren Bettdecke oder das Foto von einem den Umriss eines Frauenschosses imitierenden Kissens eines japanischen Spielzeugherstellers (siehe Bild rechts).

Von ihren Kontexten isoliert, hat die Kubanerin diese Stellvertreter der westlichen Überflussgesellschaft, die auch etwas vom Wunsch nach Geborgenheit erzählen, in ihrem Atelier in Havanna auf verschiedene Leinwandformate in Öl gemalt. In ihrer Isoliertheit mindestens so vielsagend wirken die herangezoomten Körperteile, die sich in der Ausstellung «Play Dirty» in der Luzerner Galerie Vitrine aufs Sofa fläzen.

Bellido hat an der einzigen staatlichen Kunsthochschule Havannas studiert und war eine von mehreren kubanischen Künstlerinnen, welche die Luzerner Galeristin Evelyne Walker letztes Jahr nach Luzern zu sich eingeladen hat. Die Vitrine will den schweizerisch-kubanischen Austausch künftig weiter ausbauen.

Galerie Vitrine, Stiftstrasse 4, Luzern. Carla Maria Bellido: «Play Dirty». Do–Fr, 14–18 Uhr. Sa, 12–16 Uhr. Bis 21.4.

www.galerie-vitrine.ch

Sic! Raum für Kunst: Sara Gassmann

Der Ausstellungstitel «Poncho» meint die fast 100 glasierten, luftig-leicht wirkenden, in Wahrheit aber unglaublich schweren Keramikschindeln, mit der die Künstlerin Sara Gassmann (*1980) einen fast die gesamte Ausstellungsfläche des sic!-Raums für Kunst einnehmenden Quader ummantelt hat. Auf dessen Oberseite hat die in Basel arbeitende Luzernerin mit Sand eine Wüstenlandschaft gezaubert. Auf der stehen eine Handvoll ihrer Keramikfiguren wie eine verlorene Kuhherde. «Domestic Stare» nennt sie ihre skulpturalen Objekte. Die Wirkung, etwas Lebendigem gegenüberzutreten, entsteht dadurch, dass diese Keramikröhren auf je zwei Füssen stehen, was ihnen den Anschein von Tierkörpern verleiht.

Gassmann interessierte sich bei der aufwendigen Herstellung – beim Brennen verloren die Objekte rund einen Drittel ihrer Grösse – vor allem für die Oberflächengestaltung, bei der ihre Handschrift als Malerin besonders stark zum Vorschein tritt. Die Künstlerin hat verschiedene Tonsorten verwendet und variierte nicht nur in der Bemalung, sondern auch bei der Glasur. Da stehen glänzende, raue und gerillte Röhren nebeneinander und geben für neugierige Augen wie Fernrohre bestimmte Raumausblicke frei. Gassmann begreift ihre Arbeiten als räumliche Erweiterungen ihres malerischen Werkes. Das wiederum kann man zeitgleich im Benzeholz in Meggen besichtigen (siehe Artikel).

Sic! Raum für Kunst, Neustadtstrasse 14, Luzern. Sara Gassmann: «Poncho». Do/Fr, 15–19 Uhr, Sa, 14–17 Uhr. Bis 28.4.

www.sic-raum.ch

Benzeholz: Sara Gassmann und Simon Kindle

Benzeholz, der Megger Raum für Kunst am beschaulichen Ufer des Vierwaldstättersees, hat nach längeren Renovationsarbeiten ein neues Kleid! Eigentlich müsste man sagen: ein neues Unterkleid! Denn der ortsansässige Architekt Robert Kraushaar hat an dem alten Fachwerkbau nicht viel verändert, sondern lediglich die Innenräume mit einer zweiten Schicht verhüllt. Das Ergebnis: ruhigere Wandverläufe und mehr Raum für Kunst.

Als Erstes austoben durften sich in der Ausstellung nach der Renovation – «schwingen auf» – die Luzerner Künstlerin Sara Gassmann und der in Adligenswil, Luzern und Balzers lebende Simon Kindle. Kindle zeigt dem Megger Publikum metaphorisch einen Vogel. Nicht irgendeinen, sondern den, der normalerweise das Gemeindewappen Meggens ziert. Ist’s ein Kuckuck, ein Habicht oder ein Schwan? So einig sind sich die Megger da bis heute nicht. Kindle hat dem Vogel im Dachgeschoss eine raumfüllende Voliere gebaut, die den Käfigraum durch das Fenster bis ins Freie erweitert. Ein Megger Gemeindewappen ohne Vogel ziert den Käfigeingang, der je nach Perspektive auch an ein Hochsicherheitsgefängnis erinnert – das mag jeder Megger für sich selbst entscheiden! Ab und zu krächzt und flattert das Tier dank der Soundeffekte von Marco Baltisberger. Die Grenzen zwischen innen und aussen, zwischen symbolhafter Verallgemeinerung und konkreter Naturanteilnahme verschwimmen. Vogelstimmen aus dem Freien und aus dem Inneren sind nicht mehr unterscheidbar.

Derweil zeigt Sara Gassmann in den zwei ersten Geschossen neun Acryl- und Tuschearbeiten. Die beiden grossformatigen Werke im Erdgeschoss zitieren im Titel die Namen von Salatsorten: Cimata und Radicchio heissen sie. Gassmann hat die Wörter aus ihrem Namensbuch entnommen, das parallel zu ihrer Malerei kontinuierlich weiterwächst und Anreize für künftige Werksbezeichnungen bietet.

Ähnlich wie im Sic! erkennt man auch im Benzeholz Gassmanns Interesse für räumliche Gestaltung über die Farbe. Gassmann verwendet für ihre harmonischen, wohlkomponierten und nie unruhigen Acrylmalereien auch Acrylspray. So bleibt es für den Betrachter beinahe unmöglich, die Chronologie des Farbschichtauftrags zu bestimmen. Die angedeutete Gegenständlichkeit bleibt hinter einem zarten Schleier Anstoss für ein grosses Rätselraten.

Benzeholz. Raum für zeitge- nössische Kunst, Seestrasse, Meggen. Sara Gassmann/ Simon Kindle: «schwingen auf». Do/Sa/So, 14–18 Uhr. Bis 22. 4. www.meggen.ch/benzeholz

Galerie Hofmatt: Ursula Stalder

65 Jahre ist die Luzerner Künstlerin Ursula Stalder gestern geworden, und sie begeht ihren Runden mit zwei Ausstellungen in unserer Region: eine in der Galerie Hofmatt in Sarnen und eine im Café Arlecchino in Luzern.

Seit Jahrzehnten sammelt Ursula Stalder unermüdlich an den europäischen Küstengebieten ihr Material zusammen. Dort, wo Feriengäste sich von jeder Plastikflasche in ihrem teuer erkauften Paradies provoziert und aus ihrer Illusion herausgeworfen fühlen, sammelt und fischt Stalder genau denjenigen Abfall zusammen, dessen Schönheit sie vor vielen Jahren an der kalabrischen Küste für sich erkannt hatte. Mit den von der Natur wieder ausgespuckten Hinterlassenschaften der Zivilisation setzt sie seither mit diversen Ausstellungen selbst Spuren der Erinnerung.

Einen der Ausstellungsräume der Hofmatt hat Stalder mit Sand befüllt. Unter dem Titel «Dinge, die bleiben» kommen dort die von der Natur wieder ausgespuckten, stark verformten und von ihrer ursprünglichen Farbigkeit befreiten oder schon vor ihrer Deklaration zum Müll schwarzen Gegenstände zusammen. Auf dem Sand tummeln sich Schläuche, Stäbe und Trinkflaschen wie eine riesige düstere Skyline.

Kleinere Objekte – vom Puppengesicht ohne Augen bis zum Haarband – werden Teil von riesigen Collagen, für deren Hintergrund auch mal eine alte, vom Wasser gewellte Karte oder ein rasterförmiges Plastikding herhalten muss, dessen ursprünglichen Zweck der Erosionsprozess schon längst zum Verschwinden gebracht hat. Das gestalterisch geschulte Auge der gelernten Hochbauzeichnerin und Illustratorin weiss die Gegenstände dabei so geschickt in Szene zu setzen, dass dabei sogar ornamentale Eindrücke entstehen.

Berückend schön sind auch Stalders hinter Glas gerahmte Bilder aus rhythmisch komponierten Glassplittern. Die verrosteten Objekte im Kellergeschoss der Hofmatt sind zwar längst nicht so filigran, besitzen aber eine faszinierende Zeichenhaftigkeit. An der weissen Kellerwand gereiht, erscheinen die Objekte wie Buchstaben eines fremden Alphabets, die Ab- stände zwischen den Objekten wie Weissräume. Im Gesamtarrangement schicken sie den Betrachter auf eine unentwegte Suche nach Sinn.

Apropos: Gestern wurde im Café Arlecchino in Luzern eine weitere Ausstellung von Ursula Stalder eröffnet.

Galerie Hofmatt, Rütistrasse 23, Sarnen. Ursula Stalder: «Dinge, die bleiben». Sa/So, 14–17 Uhr. Vernissage: Sa, 7.4., 17 Uhr. Bis 6.5. Stalder stellt bis 7. 7. auch im Café Arlecchino in Luzern aus. www.galerie-hofmatt.ch