UMFRAGE: Schlechte Karten fürs Frühfranzösisch

Französisch soll erst ab der Oberstufe unterrichtet werden, findet eine Mehrheit der Nidwaldner Lehrer. Sie wünschen sich mehr Deutsch und Mathematik.

Kari Kälin
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Heute üblich: Französisch in der Primarschule. (Bild: Archiv Neue LZ)

Heute üblich: Französisch in der Primarschule. (Bild: Archiv Neue LZ)

In den meisten Deutschschweizer Kantonen lernen die Kinder ab der 3. Klasse Englisch und ab der 5. Klasse Französisch. Das Konzept, das auf einem Beschluss der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) fusst, gerät immer stärker ins Wanken. Während das Frühenglisch unbestritten scheint, wächst das Unbehagen gegenüber dem «Français». Kritik formulieren Lehrer, Politiker und auch Wissenschaftler.

Der Nidwaldner Bildungsdirektor Res Schmid (SVP) wollte den Puls an der Basis direkt fühlen. Anfang Jahr hat er bei allen Lehrern der 3. bis 6. Primarklasse, der 1. bis 3. Orientierungsstufe sowie den Schulleitern des Kantons eine Internetumfrage mit 20 Fragen durchgeführt (vgl. Grafik). 55 Prozent davon füllten den Fragebogen aus. Damit haben insgesamt 129 Personen (Lehrer und Schulleiter) teilgenommen. 59 Prozent der Lehrer fänden es besser, wenn die Schüler erst an der Oberstufe, dafür mit mehr Lektionen pro Woche, Französisch lernen würden. 56 Prozent der Lehrer sind überzeugt: Der Nutzen wäre grösser, wenn die zwei Wochenstunden Französisch in der 5. und 6. Klasse für andere Fächer, beispielsweise Deutsch und Mathematik, eingesetzt würden.

Die Umfrage fördert auch widersprüchliche Ergebnisse zutage. Eine Mehrheit der Lehrer ist überzeugt, dass die Schüler mit zwei Fremdsprachen an der Primarschule gut zurechtkommen. 80 Prozent geben sogar an, die Schüler würden die Lernziele erreichen. Gänzlich überraschend sind die Widersprüche nicht. Hätten die Lehrer bei der Umfrage das Gegenteil angeklickt, hätten sie sich quasi selbst disqualifiziert – als Pädagogen, deren Schützlinge die geforderte Leistung nicht bringen.

Englisch höher gewichtet

Dass die Karten für das Frühfranzösisch schlecht stehen, zeigt vor allem ein Befund: Nur 10 Prozent glauben, dass an der Primarschule Französisch als alleinige Fremdsprache unterrichtet werden soll. Das Englisch bringt es immerhin auf 49 Prozent.

Die Umfrageergebnisse leiten Wasser auf die Mühlen der beiden SVP-Landräte Christian Landolt und Armin Odermatt. Sie fordern in einem Postulat die Abschaffung des Frühfranzösisch zu Gunsten von mehr Deutsch und Mathematik – was offenbar ganz im Sinne der Mehrheit der Nidwaldner Lehrer wäre. Voraussichtlich bis im Juni wird die Regierung den Vorstoss beantworten. Für Bildungsdirektor Res Schmid ist klar: Sollte der Regierungrat zum Schluss kommen, das Frühfranzösisch zu opfern, müsste es dafür auf der Oberstufe ausgebaut werden – zum Beispiel auf fünf Lektionen pro Woche. «Wir wollen das Französisch auf keinen Fall schwächen», sagt Schmid, der während fünf Jahren in der Westschweiz lebte und die Sprache Voltaires fliessend spricht.

Französisch erst später, dafür intensiver: Theoretisch könnte Nidwalden diesen sprachpolitischen Weg problemlos beschreiten, weil es – wie alle anderen Zentralschweizer Kantone – nicht Mitglied des Harmos-Konkordats ist. Harmos definiert die wichtigsten gemeinsamen Bildungsziele der Kantone.

Spätlerner holen Frühlerner ein

Für eine Verschiebung des Fremdsprachenunterrichts auf die Sekundarstufe sprechen die Erkenntnisse des Bündner Sekundarlehrers Urs Kalberer. In seiner Masterarbeit an der Universität Manchester untersuchte er, welchen Einfluss früher Englischunterricht auf den langfristigen Lernerfolg hat. Das Ergebnis: «Spätlerner» erreichten sehr rasch das Niveau von «Frühlernern». «Es gibt keine Studie, die belegt, dass Fremdsprachen besser gelernt werden, nur weil die Schüler jünger sind», sagt Kalberer.

Anders sieht dies die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren: «Frühes Lernen ist aus neuropsychologischen Gründen namentlich für den Erwerb von Sprachen besonders wichtig und profitabel: Frühes Sprachenlernen ist effizienter, schafft günstige Voraussetzungen für das Erlernen weiterer Sprachen und fördert das Entwickeln von Strategien für das Sprachenlernen» heisst es im Papier «Sprachenunterricht in der obligatorischen Schule» aus dem Jahr 2004.

Misstrauischer Zuger Regierungsrat

Anzeichen, dass die EDK ihre Meinung revidiert, gibt es nicht. Im Gegenteil. An einem Vortrag zitierte der Zuger Bildungsdirektor Stephan Schleiss (SVP) neulich folgende Passage aus dem Zwischenbericht 2008–2012 des Koordinationsstabs Harmos: «Das Schweizerische Kompetenzzentrum Mehrsprachigkeit wird in Zukunft zweifellos vermehrt geeignete Erkenntnisse zu Tage fördern, welche die weitere Einführung und Evaluation eines Sprachenunterrichts befördern helfen.» Auf gut Deutsch heisst das: Die Studienergebnisse werden dann schon im Sinne der EDK ausfallen – und eine wissenschaftliche Legitimation für deren Strategie liefern. Das mache ihn schon etwas misstrauisch, sagt Regierungsrat Schleiss. Die Debatte über Sinn und Unsinn von Fremdsprachen an der Primarschule sei auf jeden Fall noch nicht abgeschlossen. Der Kanton Zug stehe jedoch nicht im Fokus der Debatte. Der Grund: Erst vor rund sieben Jahren hat das Volk Ja zu zwei Fremdsprachen an der Primarschule gesagt.

Fremdsprachen: Ein Härtetest steht auch in Thurgau bevor

Bildung. Nidwalden ist nicht der einzige Kanton, im dem das Frühfranzösisch unmittelbar vor einem politischen Härtetest steht. Im Kanton Thurgau haben im Februar knapp die Hälfte aller Mitglieder des Kantonsrats eine Motion zur Abschaffung des Französischunterrichts an der Primarschule unterzeichnet. Den Vorstoss formuliert haben drei SVP-Politiker sowie je ein Vertreter der Grünen, der CVP und der EVP/EDU – das Anliegen stösst von links bis rechts auf Anklang.

Harsche Kritik am Frühfranzösisch kommt auch von Lehrerseite. Die Mittelstufenkonferenz aus den sechs Kantonen Schwyz, St. Gallen, Glarus, Appenzell Innerhoden, Zürich und Thurgau forderte ihre kantonalen Erziehungsdirektoren im letzten Sommer auf, das Frühfranzösisch gänzlich von der Primarschule zu verbannen. «Viele Kinder sind mit zwei Fremdsprachen überfordert», sagt Harry Huwyler, Präsident der Zürcher Mittelstufenkonferenz.

«Wir müssen über die Bücher», sagt auch Beat W. Zemp, Präsident des Verbandes der Schweizer Lehrer (LCH). In der Lehrerschaft brodle es. Der LCH analysiert derzeit, wie das Fremdsprachenkonzept in den einzelnen Kantonen umgesetzt ist. Voraussichtlich in diesem Sommer wird der LCH ein Positionspapier mit Forderungen verabschieden.

«Urner Modell» kommt gut an

Es ist gut denkbar, dass der LCH das so genannte Urner Modell ins Spiel bringt. Im Kanton Uri lernen die Schüler ab der 3. Klasse Englisch. Ab der 5. Klasse kommt Italienisch hinzu, jedoch nur als Wahlpflichtfach. Es handelt sich also um eine Art Begabtenförderung. In der Praxis bedeutet das: Während starke Schüler Italienisch lernen, erhalten schwächere in dieser Zeit Stützunterricht in Mathematik oder Deutsch. Das «Urner Modell» stösst bei diversen Zentralschweizer Lehrerverbänden auf Anklang. Zweifel an der Wirksamkeit des frühen Fremdsprachenunterrichts äusserte kürzlich die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich. Wenige Lektionen Fremdsprachenunterricht an der Primarschule würden nichts helfen. Mit anderen Worten: Den Schülern fehlt ein intensives Sprachbad, das für Fortschritte nötig wäre.

Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) wird per 2015 eine Bilanz ziehen, wie weit die Schulharmonisierung fortgeschritten ist – und dabei auch auf den Fremdsprachenunterricht eingehen. Es sei richtig und wichtig, die Forderungen der Lehrpersonen auf ausreichende Unterstützung und gute Rahmenbedingungen ernst zu nehmen, sagt Sandra Hutterli, Leiterin Koordinationsbereich Obligatorische Schule bei der EDK. Die «pauschale Aussage», Schülerinnen und Schüler seien mit zwei Fremdsprachen an der Primarstufe überfordert, ist gemäss Hutterli falsch. Eine Überforderung könne zwar – wie in anderen Fächern auch – vorkommen. «Mit einem altersangepassten Unterricht und Unterstützung ist dem Rechnung zu tragen», sagt Hutterli. Sie ist überzeugt, dass früher Fremdsprachenunterricht etwas bringe. «Jüngere Kinder haben definitiv einen anderen Zugang zur Sprache», so Hutterli.