EXTRAZÜGE: Berner Modell ist für FCL-Fanarbeit «eine Alibiübung»

YB praktiziert bei Fantransporten ein Regime mit Selbstkontrolle. Beim FC Luzern sei das unnötig, weil es keine Probleme gebe, sagt Fanarbeit-Präsident Jörg Häfeli.

Alexander von Däniken
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Die Fans der Berner Young Boys sorgen seit zwei Jahren in Extrazügen selber für Sicherheit und Ordnung, die SBB befürworten dieses Modell. (Bild: Keystone/Alessandro della Valle)

Die Fans der Berner Young Boys sorgen seit zwei Jahren in Extrazügen selber für Sicherheit und Ordnung, die SBB befürworten dieses Modell. (Bild: Keystone/Alessandro della Valle)

Schäden von rund 300 000 Franken pro Jahr verursachen Anhänger der obersten Schweizer Fussballclubs in den Zugwaggons. Dazu kommen ungedeckte Kosten von rund 3 Millionen Franken für die Reinigung, zusätzliche Zugbegleiter oder Behinderungen im Bahnverkehr, wenn unrechtmässig die Notbremse gezogen wird. Der Bundesrat will die Notbremse jetzt ziehen und mit einem revidierten Personenbeförderungsgesetz die Fans in Extrazüge zwingen. Dazu braucht es allerdings noch die Zustimmung des Parlaments.

Derweil fährt der Berner Club Young Boys (YB) auf einem anderen Gleis – und zwar sehr erfolgreich, wie die Verantwortlichen betonen. Zusammen mit den SBB hat YB vor zwei Jahren ein neues System eingeführt: Die YB-Fans sorgen in den Extrazügen selber für Ordnung. Für allfällige Schäden haftet YB nicht. Dafür stellt der Club rund 20 eigene Sicherheitsleute, welche die Fans an die Auswärtsspiele begleiten. Die sogenannten «Stewards» sind Fans, welche von Bahn- und Sicherheitsspezialisten ausgebildet worden sind. Das erspart den SBB den Einsatz der Bahnpolizei. Auf diesen Zug ist kürzlich auch der FC Aar­au aufgesprungen (Ausgabe vom Sonntag).

FCL bräuchte mehr Personal

Kann sich die Fanarbeit des FC Luzern die Einführung des «Berner Modells» ebenfalls vorstellen? Jörg Häfeli, Präsident des Trägervereins, erklärt: «Das Berner Modell mag sinnvoll sein, wenn es bei den Luzerner Fans in den Extrazügen Probleme gäbe. Aber die gibt es meines Wissens nicht.» Bisher habe sich bewährt, dass bei Auswärtsspielen zwei Fanarbeiter die FCL-Fans in den Extrazügen begleiten. «Dabei appellieren die Fanarbeiter an die Eigenverantwortung der Fans, wie dies ja auch bei YB gemacht wird.»

Daraus schliesst Häfeli: «Es geht auch ohne Berner Modell.» Eine Einführung in Luzern «wäre in der jetzigen Zeit eine Alibiübung». Und sie berge auch Gefahren: «Der FC Luzern müsste mehr Personal zur Verfügung stellen. Dieses müsste aber in der Fanszene unbedingt akzeptiert sein. Ausserdem könnten sich die Fans bevormundet fühlen, was sich negativ auf das Verhältnis zwischen Verein und Fans auswirken könnte.» Trotzdem werde die Sicherheit nach jedem Vorfall mit dem FC Luzern und den Fans thematisiert; zweimal im Jahr sitze auch Justizdirektorin Yvonne Schärli am runden Tisch.

SBB «führen keine Hitliste»

Die FCL-Vereinsspitze jedenfalls will – anders als die eigene Fanarbeit – die Tür zum «Berner Modell» nicht gleich zuschlagen. Man sei im Gespräch mit den SBB, wie FCL-Mediensprecher René Baumann unserer Zeitung sagte. Ob die Luzerner Fans in den Extrazügen tatsächlich keine Probleme machen, kann SBB-Mediensprecher Christian Ginsig auf Anfrage weder bestätigen noch dementieren: «Wir führen keine Hitliste über die Vereine und deren Fans.» Gesichert sei einzig, dass sich das Berner Modell bisher bewährt, sowohl bei den YB-Fans als auch der Pilotversuch bei den Anhängern des FC Aarau: «Diesbezüglich haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht.»

Generell begrüssten es die SBB, wenn zwischen Transportunternehmen, Vereinen und Fangruppierungen eine einvernehmliche Lösung gefunden wird: «Wenn ein Club Verantwortung übernimmt, wird das über die Fanarbeiter an die Fans weitergetragen, und alle profitieren davon.» Heisst konkret: «Unser Ziel ist es, dass möglichst alle Fans in Extrazügen reisen und dadurch der Regelverkehr nicht beeinträchtigt wird. Darüber hinaus begrüssen wir die Förderung der Eigenverantwortung, wie zum Beispiel beim ‹Berner Modell›.» Die SBB befürworten deshalb auch die Stossrichtung des Bundesrats, dass Extrazüge bestellt werden müssen, die Transportpflicht aufgehoben werden kann und bei Schäden die Haftungsfrage klar geregelt ist.

YB kompensiert SBB-Kosten

Wie viel sich YB den zusätzlichen Personalaufwand kosten lässt, gibt der Club nicht bekannt. Fest steht, dass im Gegenzug die SBB profitieren. Gemäss Medienberichten von Ende 2012 resultierten Einsparungen von rund 12 000 Franken, da in den YB-Extrazügen auf Sicherheitspersonal verzichtet werden konnte. Auf Nachfrage will sich SBB-Sprecher Ginsig nicht auf Franken­beträge festlegen, weil das Sicherheitskonzept jeweils ändere: «Aber ja, der Aufwand im Bereich der Zugbegleitung konnte ebenfalls reduziert werden, da die Billettkontrolle durch YB-Fanbetreuer sichergestellt wird.»