SPARPLÄNE: Grafik-Schulleitung plant Offensive

Trotz drohender Schliessung: Die Fachklasse Grafik Luzern schweigt. Doch schon bald wirds laut bei den Grafikern – auch dank eines prominenten Fürsprechers.

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Werk von Absolventen der «Kunsti», Fachklasse Grafik: Illustration von Melk Thalmann. (Bilder Melk Thalmann/Keystone/Katalog Galerie Gloggner)

Werk von Absolventen der «Kunsti», Fachklasse Grafik: Illustration von Melk Thalmann. (Bilder Melk Thalmann/Keystone/Katalog Galerie Gloggner)

Zahltag – heute Vormittag präsentiert Finanzdirektor Marcel Schwerzmann das Budget 2016 des Kantons Luzern. Auf der Ausgabenseite soll es bekanntermassen ein ordentliches «Streichkonzert» geben, insbesondere auch im Bildungsbereich. Die von den Sparplänen betroffenen Stellen sind quasi mit einem Maulkorb belegt worden.

Auch die von der Schliessung bedrohte Fachklasse Grafik Luzern, die zum Fach- und Wirtschaftsmittelschulzentrum gehört, hat bislang konsequent geschwiegen – auch wenn deren Leitung aktuell mit Reaktionen und Anfragen regelrecht eingedeckt wird.

Das Schweigen der Schule hat indes bald ein Ende. Wie Recherchen zeigen, ist für den 27. Oktober im ­Schulgebäude an der Rössligasse eine erste Gegen­offensive geplant. An einer Medienkonferenz wird die Position der Fachklasse Grafik in der politischen Debatte öffentlich gemacht. Hierfür kontaktiert die Schulleitung bekannte Köpfe als Botschafter. In einem zweiten Schritt soll ab 3. November eine Ausstellung zum Schaffen der Grafik-Berufsschule eröffnet werden. Und weiter wird derzeit dem Vernehmen nach auch gezielt bei den Luzerner Politikern im Hinblick auf die kantonsrätliche Budget-Debatte (ab 30. November) geweibelt.

Emil spricht am 27. Oktober

Durchgesickert ist inzwischen auch, welcher prominente Fürsprecher unter anderen am 27. Oktober auftreten wird: Emil Steinberger (82). Der Kabarettist ist einer von vielen bekannten Absolventen der Fachklasse mit ihren aktuell 100 Schülern, die früher Kunstgewerbeschule hiess (siehe Box unten). Via Website des Fördervereins Fachklasse Grafik Luzern macht Emil schon mal deutlich: «Als ehemaliger Schüler erkenne ich die Wichtigkeit dieser Ausbildungsmöglichkeit.»

Der Förderverein hat bereits über 10 000 Online-Stimmen für die Petition zum Erhalt der Schule gesammelt – die Namen auf den papierenen Unterschriftenbögen sind noch gar nicht gezählt.

Bekannte Politiker zählen zu den Petitionären:

  • Ida Glanzmann,CVP-Nationalrätin, Altishofen: «Die Fachklasse Grafik bietet jungen Leuten eine Top-Ausbildung fürdie Berufswelt. Sie geniesst national ­einen ausgezeichneten Ruf. Dieses bewährte Bildungsangebot im Kanton ­Luzern soll auch in Zukunft bestehen bleiben.»

  • Klaus Fellmann,alt CVP-Regierungsrat, Dagmersellen: «Diese unsinnige ‹Sparmassnahme› darf nicht eintreten. Kanton Luzern: Geld für eine überflüssige Wirtschaftsfakultät – kein Geld für die Berufsbildung?»

  • Paul Huber,alt SP-Regierungsrat, Luzern: «Es gibt kaum eine Schweizer Stadt, in der Grafik und Grafik-Ausbildung eine dermassen hervorragende Geschichte und Bedeutung hat. Schweizer Grafik ist zu einem ganz gewichtigen Teil Luzerner Grafik und damit eines der wichtigsten immateriellen Kulturgüter unserer Region.»

  • Franz Kurzmeyer,alt StadtpräsidentLuzern (LPL/FDP): «Die Fachklasse Grafik muss bleiben.»

Bundeskommission warnt

Inzwischen hat sich auch die Eidgenössische Designkommission eingeschaltet. Das vom Bundesrat gewählte Gremium spricht in einer Stellungnahme von «falsch kalkulierten Sparkonzepten» und fordert den Kantonsrat auf, «unbedingt von der Schliessung abzusehen». Alternative Angebote zur akademischen Berufsbildung hätten eine hohe gesellschaftliche Relevanz, die Fachklasse sei ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die Abschaffung der Grafikfachklasse wäre ein «bildungspolitischer, kultureller und ökonomischer Verlust» für die Schweiz.

Absolventen Es gibt viele bekannte Persönlichkeiten, die die Fachklasse Grafik oder die Vorgängerin, die Kunstgewerbeschule, absolviert haben: Die Grafiker Niklaus Troxler (Gründer Jazz Festival Willisau), Tino Steinemann (Luzern) und Märt Infanger (Obwalden), der Nidwaldner Plakatgestalter und Fotograf Melk Imboden, der Luzerner Künstler Rolf Winnewisser oder der Ostschweizer Bildhauer, Zeichner, Aktionskünstler und Filmer Roman Signer. Die beiden aus Zug stammenden Brüder, Illustratoren und Künstler Werner (1932–2005) und Godi Hofmann (1934–2011) waren an der Kunstgewerbeschule auch als Lehrer tätig.

Notenserie auch dank Fachklasse

Eine Vertreterin der jungen Fachklasse-Generation ist Manuela Pfrunder. Die 36-Jährige ist ein bekannter Name in der Schweizer Grafikerszene. Sie gestaltet die neue (noch geheime) Banknotenserie für die Schweizerische Nationalbank, welche ab April 2016 (Start mit der 50er-Note) herausgegeben wird. Pfrunder hat im Jahr 2000 die Fachklasse Grafik in Luzern abgeschlossen, später war sie mehrere Jahre als Expertin und schliesslich auch als Chefexpertin für die Schule tätig. Heute betreibt sie in Zürich ihr eigenes Grafikbüro. Für Pfrunder ist klar: «Wenn ich die Fachklasse Grafik in Luzern nicht besucht hätte, würde ich heute keine Banknoten gestalten.»

An ihrer eigenen Karriere zeigt Pfrunder auf, was die Fachklasse Grafik in der Branche so einzigartig macht. Ihre Abschlussarbeit «Neotopia» sei exemplarisch für die Schule, meint sie im Gespräch mit unserer Zeitung. «Die Schule fördert selbstständiges Denken, die Studenten arbeiten sehr frei.» Pfrunder hat zum Thema Uniform einen Atlas entworfen, der eine utopische Welt – eine Welt mit einer gerechten Verteilung der Ressourcen – zeigt. Damit gewann sie 2000 den Förderpreis des Schweizer Grafikerverbands. Die Schule fordere ihre Schüler dazu auf, immer wieder Neues zu entdecken und sich nicht mit Wiederholungen von Bekanntem zufrieden zu geben, so die Grafikerin. «Die Qualität dieser Schule ist einmalig, der Schulstandort an der Rössligasse bietet ein kreatives Umfeld. Hier wird Grafik nicht allein in der Theorie studiert, zentral ist das praktische Arbeiten und Experimentieren.»

Pfrunder ist im Seetal aufgewachsen. Dass jetzt ausgerechnet ihr Heimatkanton bei dieser Schule die Sparschraube ansetzt, bedauert sie sehr. «Das tut weh. Wenn die Fachklasse geschlossen werden müsste, wäre das ein grosser Verlust, nicht nur, aber im Besonderen auch für die Stadt Luzern.» Dennoch bleibt sie zuversichtlich: «Diese Schule hat schon manche Turbulenzen gemeistert.»

Luzerner Kunst an Zürcher S-Bahn

Der für Presse, Werbung und Verlage freischaffende Comic-Zeichner und Illustrator Melk Thalmann besuchte die Schule von 1985 bis 1991. Seine Illustrationen sind breit bekannt, so zeichnet der 48-jährige Luzerner etwa für die «NZZ am Sonntag», die «Sonntagszeitung», die «Bilanz» oder das «Migros-Magazin». Für den Zürcher Verkehrsverbund hat er einen 100 Meter langen S-Bahn-Zug bemalt. Thalmann – sein Atelier ist mitten in Luzern – ist unter anderem Träger des Kunstpreises der Stadt Luzern (2005). Aus seinem Comic-Schaffen dürfte einigen sein Werk von 2000, «Der dritte Tell», bekannt sein (Co-Autor: Markus Kirchhofer). Der historische Comic thematisiert Geschehnisse aus dem Bauernkrieg von 1653.

Melk Thalmann, der als 18-jähriger an die Kunstgewerbeschule kam, sagt zu den Sparplänen: «Eine Schliessung dieser renommierten Schule wäre äusserst bedauerlich. Es braucht im grafisch-illustrativen Bereich unbedingt auch den nicht-akademischen Weg. Die praxisfokussierte Ausbildung der Berufslehre halte ich ganz allgemein für sehr wichtig.»

Hans Erni glänzte mit Note 6

Auch der jüngst verstorbene Luzerner Künstler Hans Erni (1909–2015) war in den 1920er-Jahren Kunsti-Schüler. Dies unter dem damaligen Rektor, Maler und Zeichner Joseph von Moos (1859–1939). Im Buch «Zeitzeuge Hans Erni» (NZZ Libro, 2009) heisst es etwa, dass er als 13-Jähriger im Vorkurs bloss mittelmässige Noten hatte, sein Fleiss sei indes gelobt worden. Und weiter: «Nach der Lehrzeit bei Felder & Sohn (ein Architekturbüro; d. Red.) schreibt sich Hans Erni dann für ein volles Pensum ein. Jetzt glänzt er mit besten Noten. Das letzte Trimesterzeugnis vom 25. Juli 1928 enthält lauter Sechser – für Aktzeichnen, Figurenzeichnen, Naturformenzeichnen, Kunstgewerbliches Zeichnen, Wandbemalung.»

Jérôme Martinu