TOURISMUS: Luzerns touristisches Luxusproblem

Luzern ist eine Tourismus-Hochburg – doch der Ton gegenüber Besuchern aus dem asiatischen Raum verschärft sich. Auch Luzern Tourismus gerät in die Kritik. Deren Chef wehrt sich.

Pascal Imbach
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Asiatische Touristen prägen gerade im Sommer das Stadtbild Luzerns – ihr Verhalten gibt aber vermehrt Anlass zur Kritik in der Bevölkerung. (Bild Roger Grütter)

Asiatische Touristen prägen gerade im Sommer das Stadtbild Luzerns – ihr Verhalten gibt aber vermehrt Anlass zur Kritik in der Bevölkerung. (Bild Roger Grütter)

Pascal Imbach

Da hat einer in ein Wespennest gestochen. Nachdem sich unser Gast-Kolumnist Kurt Zurfluh letzten Sonntag über Touristen enervierte, «die wie Hornissen Pilatus und Rigi bevölkern, Lokalitäten in Luzern stürmen, an den Pralinés in Cafés schlecken, auf der Kapellbrücke herumspucken und Toiletten auf den Vierwaldstättersee-Schiffen verstopfen», hagelte es Rückmeldungen aus der ganzen Zentralschweiz. Alle waren sie voll der Begeisterung und des Lobes für den in Weggis wohnhaften Moderator. Grundtenor: «Endlich sagt das mal einer!» Und: «Wie recht er doch hat!» Selbst Tage nach Veröffentlichung trafen noch Briefe auf der Redaktion ein mit Bitte um Weitersendung (vom elektronischen Schriftverkehr mal ganz abgesehen).

Zurfluhs Botschaft in seinem Text lautete: «Ehret Einheimisches», sein Vorschlag war simpel – und provokativ: Hört doch endlich auf, massenhaft asiatische Touristen in Cars in die Stadt zu karren, wo sie ausser den Uhrenläden doch kaum jemandem wirklich Freude bereiten – und setzt stattdessen vermehrt auf Qualitätstourismus. Auf Gäste also, die ihren Aufenthalt länger, stilvoller und gesitteter geniessen – vielleicht auch mal bereit sind, «in einem Restaurant für über 30 Franken zu essen und nicht nach einem Tag schon wieder weiter Richtung Mailand davonfahren». Zurfluh zielt damit natürlich direkt auf die Luzerner Tourismusakteure.

Massiver Anstieg der Gäste

Doch was ist dran an der Kritik, die zahlreiche Luzernerinnen und Luzerner zu teilen scheinen? Ist sie gerechtfertigt – oder weiss man in der tourismusverwöhnten Vierwaldstätterseeregion seine Gäste einfach nicht mehr zu schätzen? Hat man vergessen, dass Touristen aus fernen Ländern mit einem anderen kulturellen Hintergrund (und somit halt teils auch anderen Verhaltensweisen) nach Luzern kommen?

Für Tourismusdirektor Marcel Perren ist klar: Zurfluh übertreibt. «Sein Beitrag erscheint mir sehr populistisch.» Perren entgegnet, dass Luzern Tourismus bereits eine Premium-Qualitätsstrategie aufgegleist habe. Dass dies keine leeren Worte sind, kann man schwarz auf weiss nachlesen. Tatsächlich hat Luzern Tourismus im Rahmen der «Strategischen Ausrichtung 2020» bereits eine Premium-Qualitätsstrategie erarbeitet, welche jetzt und in den kommenden Jahren umgesetzt wird. Darin sind Eckpunkte und Entwicklungsmöglichkeiten festgehalten, um den örtlichen Tourismus weiterzuentwickeln und eben auch zu kultivieren, beispielsweise in Sachen Dienstleistungen, Infrastruktur und Umgang. Konkret enthält die Premium-Strategie folgende vier Punkte:

  • Die Anzahl der Wiederholungsgäste steigern.
  • Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste erhöhen.
  • Einen idealen und beständigen Gästemix erreichen (bessere Auslastung in der Nebensaison und unter der Woche, besserer Mix der Quellmärkte).
  • Moderates Wachstum der Logiernächte bei höherer Wertschöpfung pro Gast.

Neuste Zahlen von Luzern Tourismus zeigen: Die asiatischen Gäste haben in Luzern von Januar bis Ende Juni dieses Jahres rund 182 000 Logiernächte generiert. Das sind rund 24 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode, wobei zu berücksichtigen ist, dass der tolle Sommer in fast allen Segmenten zu einem Anstieg der Gästezahlen geführt hat. Prozentual macht das Segment der «Asiaten» (zu ihnen werden auch Indien oder die Golfstaaten gezählt) rund einen Drittel des Gästeanteils aus. Der grosse Rest besteht nach wie vor aus einheimischen Gästen sowie Besuchern aus Europa und Amerika. «Der Anteil der Logiernächte von asiatischen Gruppenreisenden ist in den vergangenen Jahren zwar gestiegen, jedoch moderat», sagt Marcel Perren. Der Anteil liege immer noch «in einem absolut erträglichen Bereich» (siehe Grafik).

Asiaten sind keine «Billig-Touristen»

Rund ein Drittel aller Luzern-Touristen ist in Gruppen unterwegs. Auch das sei, verglichen mit anderen Städten, absolut in der Norm. Perren findet es falsch, wenn man alle asiatischen Touristen übers gleiche Knie bricht. «Natürlich gibt es immer mal wieder Aufreger, einzelne, die sich danebenbenehmen. Aber der ganz grosse Teil der Gruppenreisenden besucht unsere Stadt mit riesiger Begeisterung und sehr viel Anstand.» Dass Asiaten knauserige Touristen sind, die in der Stadt wenig Geld ausgeben, kann Perren nicht bestätigen. «Ein asiatischer Übernachtungsgast gibt in der Schweiz pro Tag rund 330 Franken aus. Das ist ein sehr hoher Wert.» Zum Vergleich: Der Durchschnitts-Europäer lässt sich einen Ferientag in der Schweiz nur halb so viel kosten.

Tagestrips verzerren die Statistik

Dass trotz allem der Eindruck entsteht, Luzern werde von immer mehr Asiaten aufgesucht, kann Perren nachvollziehen. Das hat einen speziellen Grund: In den letzten Jahren ist in Luzern eine Zunahme von Tagesaufenthaltern zu beobachten. Das heisst: Eine Touristengruppe kommt, beispielsweise aus Zürich, mit dem Car morgens nach Luzern, schaut sich einen Tag lang die Stadt an und fährt am Abend wieder weiter. «Diese Gäste können wir statistisch schlicht und einfach nicht erfassen», räumt Perren ein. «Wir wissen nicht, wie viele das sind.» Der Tourismusdirektor verweist darauf, dass Luzern und die ganze Region Vierwaldstättersee vom Tourismus einen enormen Nutzen haben. Andere Tourismusverbände hätten bei ihrer Arbeit mit ganz anderen Themen zu kämpfen: nämlich dass die Anzahl leerer Betten zunimmt und die Gäste fernbleiben. «Da haben wir hier in Luzern doch eine Art Luxusproblem!»

Mehr Wertschätzung, bitte

Perren und sein Team sind sich bewusst, dass man auf die Anliegen der Bevölkerung eingehen müsse. «Wir nehmen das sehr ernst», sagt er – und zwar nicht nur in der Stadt Luzern. Auch hier wird der Tourismusdirektor konkret: Erst kürzlich hat Luzern Tourismus zusammen mit der Region Weggis–Vitznau–Rigi eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, in der es darum geht, wie man sich, auch abseits der Stadt, bestmöglich auf internationale Gäste einstellen kann. Mit von der Partie sind sowohl Gemeindevertreter wie auch Beizer, Hoteliers, Bergbahnvertreter und weitere Interessierte oder Direktinvolvierte. «Es geht darum, dass jeder seine Probleme definieren kann – und wir gemeinsam Lösung erarbeiten», so Perren. Wo brauchts mehr öffentliche WCs? In welchen Sprachen muss ich die Speisekarte übersetzen? Braucht es da und dort Warn- oder Hinweisschilder? Was ist in Sachen Unterhaltung und Attraktionen gefragt? Fragen über Fragen. «Da bieten wir aktive Unterstützung an.»

Für Perren ist klar: «Auch wenn wir Luzern künftig noch stärker in Richtung Premium-Destination entwickeln. Obwohl der Trend zu Kleingruppen zunimmt, werden viele Gäste aus Asien auch weiter in Gruppen reisen. Und ich plädiere dafür, dass wir sie hier in Luzern auch künftig herzlich und ohne Vorurteile empfangen.»

Salzburg erträgt es mit Charme

pi. Nicht nur Luzern ist bei Touristen aus Asien zunehmend beliebt – die gleiche Situation kennt man auch in anderen Städten, die mit Luzern vergleichbar sind. Etwa im österreichischen Salzburg, dessen Stadtkern flächenmässig etwa gleich gross ist. Hier setzt sich der Gästemix ähnlich zusammen wie in Luzern. Auch hier gehören asiatische Touristen zum Stadtbild.

Boom wegen Donau-Schifffahrt

In der viertgrössten Stadt Österreichs nimmt man die asiatischen Reisegruppen jedoch gelassen. Man hebt lieber die positiven Seiten hervor – obwohl man auch negative durchaus finden würde. Im Gegensatz zu Luzern etwa, wo Cartouristen oft wenigstens noch über Nacht bleiben, erlebt Salzburg durch die boomenden Donau-Schiffsreisen einen regelrechten Boom von Tagestouristen. «Sie kommen am Morgen in die Stadt, da ist den ganzen Tag über mächtig Trubel – am Abend sind sie wieder weg», sagt Susanne Zauner vom Tourismusbüro Salzburg. Die Wertschöpfung, welche diese Kürzestaufenthalter für die örtliche Gastronomie und Hotellerie generieren, ist also tendenziell geringer als in Luzern.

Der Stolz überwiegt

Trotzdem schätzt der Salzburger seine Gäste aus der Ferne, wie Zauner sagt. Auch in den Medien seien Spannungen zwischen Einheimischen und Touristen kaum Thema. «Wir kennen nichts anderes. Wir lernen von Kindsbeinen an, dass Touristen zu unserer Stadt gehören. Wir sind auch ein bisschen stolz darauf.»

Werden die Touristen zur Last? Diskutieren Sie unter www.luzernerzeitung.ch/forum