SCHUTZ: Nach dem Fall Emmen: Frauen decken sich mit Pfefferspray ein

Sie passen problemlos ins Handtäschchen oder die Hosentasche und vermitteln ein Gefühl der Sicherheit: Pfeffersprays. Nach der Vergewaltigung von Emmen sind sie in Luzern sehr gefragt. Doch die Handhabung hat ihre Tücken.

Pascal Imbach
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Pfeffersprays. (Symbolbild / Archiv Neue LZ)

Pfeffersprays. (Symbolbild / Archiv Neue LZ)

Der Täter von Emmen ist noch nicht gefasst. Die Polizei hat am Donnerstag eine Belohnung von 10 000 Franken für Hinweise ausgesetzt, die helfen, den Mann zu überführen (wir berichteten).

Gerade junge Frauen und Eltern von Mädchen im Teenager-Alter sind seit dem brutalen Vorfall, bei dem eine 26-Jährige abends vom Velo gerissen, vergewaltigt und schwer verletzt wurde, verunsichert. Die Sensibilisierung in der Bevölkerung ist generell spürbar. Wer spät abends (etwa nach dem Ausgang) bisher stets zu Fuss nach Hause gegangen ist, überlegt sich plötzlich ein Taxi zu rufen; dunkle Wege und abgelegene Strassen werden von vielen wieder bewusster gemieden.

Doch was soll man tun, wenn man tatsächlich einmal in eine brenzlige Situation gerät und auf sich allein gestellt ist? Hier fällt derzeit oft das Wort Pfefferspray. Und tatsächlich: Die kleinen Sprays (ähnlich kleinen Deo-Spraydosen) sind derzeit in Luzern und Umgebung auffällig gefragt.

«Ein riesen Thema im Laden»

Beim Waffen- und Jagdgeschäft Stampfli an der Zürichstrasse in Luzern beispielsweise gehen seit dem Verbrechen von Emmen fast täglich Pfeffersprays über den Ladentisch. In fast allen Fällen sind es junge Frauen, die sich damit eindecken, wie Mitarbeiter Cyrill Barmettler sagt. «Was in Emmen passiert ist, macht viele unsicher; vor allem Frauen. Der Fall ist ein riesen Thema – auch bei uns im Laden.» Über die Anzahl verkaufter Sprays gibt man bei den Verkäufern keine Auskunft – das tut man auch bei Waffen oder Messern nicht, und es ist in der Branche so üblich. Mitarbeiter Barmettler aber hält klar fest: «Der Verkauf der Sprays hat angezogen.»

Eltern kaufen für ihre Kinder

Genau gleich tönt es auch beim zweiten Luzerner Waffenladen, der Zimmermann Waffen & Jagdoptik AG an der Winkelriedstrasse: «Ich hatte diese Woche schon mehrere Kunden respektive Kundinnen im Laden, die mich bewusst auf den Fall von Emmen angesprochen haben», sagt Geschäftsführer Philipp Wobmann. Die Entscheidung für einen Pfefferspray fällen viele, weil sie sich dadurch sicherer fühlen, «einfach nur, weil sie wissen, sie hätten im äussersten Notfall etwas dabei um sich zu wehren», wie er sagt.

Wer bei Zimmermann, und auch in jedem anderen Laden, einen Pfefferspray kauft, hinterlegt Name, Adresse, Telefonnummer, Jahrgang und bestätigt mit seiner Unterschrift auf einem Kontrollblatt, dass er volljährig ist. Einen Waffenschein benötigt man für den Kauf eines Pfeffersprays schon seit einigen Jahren nicht mehr. An Unter-18-Jährige dürfen die Geschäfte allerdings keine Pfeffersprays abgeben. «Es kommt vor, dass eine Mutter oder ein Vater einen Spray für die minderjährige Tochter kauft. Das ist an sich kein Problem. Die Eltern haften mit ihrer Unterschrift aber natürlich für das Kind.»

Immer griffbereit – wie das Natel

Auch in Emmen sind die kompakten Sprays, die aus chemisch herausgelösten Capsaicin (dem Schärfestoff von Chilischoten) bestehen, derzeit gefragt. Beat Dahinden, der Inhaber des gleichnamigen Waffengeschäfts an der Gerliswil-strasse, wird immer wieder auf den Vorfall in seiner Gemeinde angesprochen. Aus seiner Sicht ist es sinnvoll, wenn gerade junge Frauen einen Pfefferspray bei sich tragen. «Allerdings ist es wichtig, dass sie ihn griffbereit haben!», sagt er. Was Dahinden damit meint: Es nützt wenig, wenn das kleine Ding im Notfall irgendwo in den Niederungen einer Damenhandtasche liegt, «dann ist es zu spät». Besser sei es, wenn man, etwa auf dem Heimweg vom Ausgang, den Pfefferspray bereits in der Mantel- oder Hosentasche umgreife. Nach einiger Zeit werde dies zur Gewohnheit. «Die meisten werden den Spray niemals brauchen. Super, wenn es so ist! Aber wenn mal etwas sein sollte, ist man so wenigstens bereit.»

Zehn wertvolle Minuten Vorsprung

Sprüht man das Extrakt einem potenziellen Täter ins Gesicht, gewinnt man Zeit. Laut Dahinden mindestens zehn Minuten. «In dieser Zeit kann man zuerst weglaufen und dann die Polizei alarmieren.» Gesundheitlichen Schaden kann man mit handelsüblichen Sprays kaum anrichten. Wer etwas abbekommt sieht kurzzeitig nichts mehr, hat Mühe mit Atmen, die Haut brennt höllisch. Man erholt sich aber davon – bleibende Schäden sind praktisch ausgeschlosssen. Vorsicht ist allerdings mit Gas-Sprays und anderen Mitteln geboten (siehe Kasten). Und: Im Freien sollte man nie gegen den Wind sprühen, sonst setzt man sich im dümmsten Fall selber ausser Gefecht.

Kurt Graf, Sprecher der Luzerner Polizei, sagt auf Anfrage: «Der Besitz eines Pfeffersprays kann durchaus sinnvoll sein. Allerdings darf er nur in einer Gefahrensituation eingesetzt werden.» Wer einen Pfefferspray also missbraucht oder ohne Not anwendet, der riskiert eine Anzeige.

Pascal Imbach

HINWEIS

Pfeffersprays gibt es nicht nur in Waffengeschäften, sondern auch in Drogerien oder Apotheken zu kaufen (diese dürfen sie jedoch nicht ausstellen, weshalb viele Kunden nichts davon wissen). Die Preise liegen in der Regel bei 15 bis 40 Franken.

Elektroschocks und Co. verboten

Rechtliches pi. Nicht nur Pfeffersprays sind zur Selbstverteidigung beliebt. Im Ausland kommt man mehr oder weniger problemlos an weitere Mittel wie etwa Tränengassprays oder mittelstarke Elektroschockgeräte. Es empfiehlt sich jedoch nicht, solche Dinge aus den Ferien mit nach Hause zu bringen oder im Internet zu ordern. In der Schweiz nämlich sind sie verboten und bedürfen einer Bewilligung. Zudem droht bei der Einfuhr Ärger am Zoll (auch bei Internetbestellungen gibt es Stichkontrollen). Es drohen Bussen oder gar Verfahren.

Heikel ist auch das Tragen von Messern. Denn: Alle Messer, deren Klinge mit einem einhändig bedienbaren, automatischen Mechanismus ausgefahren werden können, gelten als verbotene Waffen, ebenso sind Schmetterlingsmesser, Wurfmesser oder Dolche mit symmetrischer Klinge in der Schweiz verboten. Auch wer ein Messer nicht einsetzt, damit aber droht, macht sich unter Umständen strafbar.