CHAOTEN: «Petarden flogen über die Perrons»

Im Bahnhof Luzern verbreiten Anhänger des HC Lugano Angst und Schrecken. Am Ziel ihrer Reise geht der Irrsinn weiter.

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Anhänger des HC Lugano zündeten Petarden aus einem Zug. (Symbolbild Neue LZ)

Anhänger des HC Lugano zündeten Petarden aus einem Zug. (Symbolbild Neue LZ)

Mit der Einfahrt des Extrazuges aus Lugano im Bahnhof Luzern begann am Samstagabend um 17.09 Uhr ein kurzer, aber heftiger Zwischenfall. «Plötzlich klöpfte es. Petarden flogen über die Perrons, und Rauchwolken verhüllten Teile des Bahnhofs», beschreibt eine ältere Frau den Zwischenfall. Sie war kurz zuvor mit der Bahn aus Rothenburg herkommend in Luzern eingetroffen. Eine solch prekäre Situation habe sie noch nie erlebt. Sie sei mit anderen Zugreisenden zum Ausgang in Richtung Bundesplatz geflüchtet, ohne zu wissen, was sich ereignet hat.

Nach wenigen Minuten war der Spuk schon wieder vorbei. Gemäss Simon Kopp, Informationsbeauftragter der Luzerner Staatsanwaltschaft, hatten Eishockey-Anhänger aus dem Tessin bereits im Zug Pyromaterial gezündet. «Wir wurden unmittelbar vor dem Eintreffen des Extrazugs im Bahnhof Luzern darüber informiert, dass sich rund 500 Fans des HC Lugano auf dem Weg zum Eishockeyspiel nach Bern befänden und dass in den Waggons bereits Knallkörper gezündet worden seien», sagt Kopp. Im Bahnhof seien mehrere Petarden aus den Fenstern abgeschossen worden.

Perron abgesperrt

Die Luzerner Polizei war beim Eintreffen des Zugs laut Kopp mit den kurzfristig verfügbaren Patrouillen präventiv vor Ort. «Die Einsatzkräfte sperrten aus Sicherheitsgründen das Perron ab und hinderten damit diverse HCL-Anhänger daran, dass sie dieses verlassen können», so Kopp. Die Luzerner Polizei hat dabei keine Personen festgenommen. Ob die Geschichte aufgrund illegalen Abfeuerns von Pyromaterial ein Nachspiel hat, wird laut Kopp abgeklärt.

Die Tessiner Chaoten hinterliessen einen traurigen Eindruck in Luzern. Auf dem Perron lag nach dem Ereignis viel Abfall, darunter zahlreiche Glasflaschen. Aufgrund der gezündeten Fackeln und Petarden entstand im Bahnhof Luzern eine starke Rauchentwicklung. Gemäss SBB-Mediensprecher Reto Schärli wurden keine Sachschäden registriert. Bisher seien auch im Zug keine Schäden bekannt. Der Bericht dazu stehe aber noch aus. Zu den Sicherheitsvorkehrungen teilt er mit: «Der Sicherheitsdienst des HC Lugano begleitete den Zug.» Zudem seien am Bahnhof Luzern Polizisten der SBB-Transportpolizei präsent gewesen.

Warum aber machte der Sonderzug nach Bern überhaupt Halt in Luzern? Laut Schärli handelte es sich um einen Diensthalt zwecks Wechsel der Lok.

Was in Luzern begann, fand am Zielort seinen Fortgang. Denn auch in Bern machten die Tessiner auf sich aufmerksam. «Bereits am S-Bahnhof Wankdorf zündeten Gästefans zahlreiche pyrotechnische Gegenstände», teilte die Berner Kantonspolizei am Sonntag mit.

Ein Fan verletzt

SBB-Sprecher Schärli schildert den Schauplatz wie folgt: «Das Bild sah ähnlich aus wie in Luzern.» Und auch vor dem Stadion seien Feuerwerkskörper gezündet worden. Dabei ist laut Kantonspolizei Bern ein Anhänger des HC Lugano von einem Knallkörper verletzt worden. «Er musste mit der Ambulanz ins Spital gebracht werden, wo er sich derzeit noch befindet», sagt Christoph Gnägi, Mediensprecher der Kapo Bern. Nach dem Spiel seien die Anhänger des HC Lugano mit Extrabussen an den S-Bahnhof Wankdorf zurückbefördert worden. Dabei seien Scheiben eines Busses beschädigt sowie das Interieur mit Farbe verschmiert worden. Der Sachschaden betrage mehrere tausend Franken. Die Kantonspolizei Bern hat Ermittlungen aufgenommen und sucht Zeugen. Festnahmen habe es keine gegeben.

Von den Ereignissen in Luzern und Bern hat HC-Lugano-Geschäftsführer Jean-Jacques Aeschlimann Kenntnis. «Ich habe den Vorfall via Medien und von Personen, die vor Ort waren, erfahren. Wichtig erscheint mir zu sagen, dass die Zugfahrt nicht vom HC Lugano organisiert wurde. Sollte sich aber die Sache so zugetragen haben und jemand zu Schaden gekommen sein, dann werde ich mich für unsere Fans entschuldigen. So etwas darf nicht passieren.» Er habe den Sicherheitsdienst des HC Lugano beauftragt, die Sache intern zu analysieren. «Wenn Resultate vorliegen, können wir dazu Stellung nehmen», sagt Aeschlimann.

Roger Rüegger