VERKEHR: Polizei für neues Verkehrsregime

Noch kann man auf den Hauptachsen in der Stadt mit Tempo 50 fahren. Doch die Polizei denkt laut über eine Änderung nach: Je nach Verkehrsaufkommen soll das Tempo gedrosselt werden.

Christian Glaus
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Die Baselstrasse in Luzern. Hier könnte eine flexible Höchstgeschwindigkeit nach Ansicht der Stadt Sinn machen. (Bild: Dominik Wunderli)

Die Baselstrasse in Luzern. Hier könnte eine flexible Höchstgeschwindigkeit nach Ansicht der Stadt Sinn machen. (Bild: Dominik Wunderli)

Wie Pilze sind die Tempo-30-Zonen in der Stadt Luzern in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen. Auf dem grössten Teil des städtischen Gebiets gilt inzwischen eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern (Ausgabe vom 11. August). Ausgenommen sind die Hauptachsen, wo man mit 50 Stundenkilometern fahren darf. Noch. Zwar hat der Grosse Stadtrat erst kürzlich entschieden, dass in den Quartieren nur Tempo 30 realisiert werden darf, wenn es sich nicht um eine Hauptverkehrsachse oder um eine Strasse von übergeordneter Bedeutung handelt. Doch bei der Polizei macht man sich bereits weitergehende Gedanken.

Franz-Xaver Zemp, Chef des Fachbereichs Verkehr bei der Luzerner Polizei, denkt laut über eine so genannte dynamische Signalisation nach. Das heisst: Bei grösserem Verkehrsaufkommen wird die Höchstgeschwindigkeit automatisch gesenkt – und zwar bevor Stau entsteht. Auf den Schweizer Autobahnen wird dieses System bereits seit 20 Jahren eingesetzt (siehe Kasten). «Im Ausland kennt man das zum Teil auch in städtischen Gebieten», sagt Zemp. «Wir verfolgen das Thema schon länger mit Interesse.»

Bei viel Verkehr

Zemp könnte sich vorstellen, die dynamische Signalisation künftig auch innerorts auf stark befahrenen Strassen auszuprobieren. Sind viele Fahrzeuge auf einem Strassenabschnitt unterwegs, wird die Höchstgeschwindigkeit automatisch von 50 auf 30 Stundenkilometer gesenkt. Dadurch könnte man laut Zemp den Verkehrsfluss verbessern und möglicherweise die Kapazität erhöhen. Denn je weniger Stop-and-Go-Betrieb, desto mehr Autos können auf einem Strassenabschnitt hintereinander fahren. «Denkbar wäre die dynamische Signalisation auf Strassen, auf denen die tägliche Durchschnittsgeschwindigkeit heute noch relativ hoch ist», sagt Zemp.

Ist die dynamische Signalisation auf Hauptachsen nur ein Hirngespinst oder bald schon Realität? «Wir diskutieren das in unseren Kreisen schon länger. Wichtig ist, dass der Verkehr flüssiger wird. Das wäre ja wohl im Interesse aller», sagt Franz-Xaver Zemp.

Der städtische Verkehrsingenieur Martin Urwyler sagt: «Unter gewissen Umständen könnte eine wechselnde Geschwindigkeitssignalisation Sinn machen. Zum Beispiel tagsüber im Bereich von Schulen oder auf stark befahrenen Strassen wie der Basel- oder der Bernstrasse zur Verbesserung der Verkehrssicherheit und Verflüssigung des Verkehrs.» Eine dynamische Geschwindigkeitssignalisation in Städten sei nicht grundsätzlich neu, sagt Urwyler und verweist auf Zürich. «Dort läuft ein Test mit Tempo 30 nachts. Wir verfolgen diesen Test sehr genau.»

Kanton ist skeptisch

Bei der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur des Kantons hat man von den Ideen der Polizei keine Kenntnis, wie Andreas Heller, Leiter der Abteilung Verkehrstechnik, sagt. Er hat Vorbehalte: «Ich frage mich, wie hoch die Akzeptanz wäre.» Zudem sei der Kapazitätsgewinn bei Temporeduktionen im niedrigen Bereich nicht so vorhanden, wie dies auf einer Autobahn bei der Reduktion auf 80 Stundenkilometer der Fall sei. Dies hänge von der Verkehrszusammensetzung ab. Heller: «Wenn Autos nur noch gleich schnell wie Lastwagen fahren dürfen, so ergibt sich ein gleichmässigeres Fahrverhalten, und der Verkehrsfluss wird verbessert. Dieser Effekt kommt innerorts nicht zum Tragen.»

Die Stadt könnte die dynamische Geschwindigkeitssignalisation auf Gemeindestrassen selber verfügen. Auf Kantonsstrassen ist der Kanton zuständig. Rechtlich würde nichts dagegen sprechen, sagt Thomas Rohrbach, Sprecher beim Bundesamt für Strassen. «Bedingungen sind, dass dadurch der Verkehrsfluss verbessert wird und dass die Höchstgeschwindigkeit nur temporär gesenkt wird.» Das Verfahren sei allerdings kompliziert und würde genaue Abklärungen verlangen. «Es wäre wahrscheinlich einfacher, ein Fahrverbot zu signalisieren.»

Auf Autobahnen bereits etabliert

In der Schweiz gibt es bereits an vielen Orten Geschwindigkeitssignalisationen, die sich dem Verkehrsaufkommen anpassen. Vor allem auf Autobahnen. Dort ist die erste dynamische Geschwindigkeitssignalisation vor etwa 20 Jahren im Bereich des Bareggtunnels installiert worden. Richtig am Aufkommen ist dieses System jedoch erst seit acht Jahren.

Inzwischen wird auf 90 Abschnitten die Geschwindigkeit automatisch reduziert, wenn dort viele Fahrzeuge unterwegs sind. Auf 500 Autobahnkilometern wird die Höchstgeschwindigkeit dem Verkehrsaufkommen angepasst, wie das Bundesamt für Strassen auf Anfrage erklärt. Das ist fast ein Drittel des Autobahnnetzes. Im Kanton Luzern kommt diese Technik auf dem Cityring auf der Autobahn A 2 und im Tunnel Buchrain (Kantonsstrasse) zum Einsatz. Bei Problemen (Unfall, Fahrzeug blockiert eine Fahrbahn) wird die Höchstgeschwindigkeit gesenkt.