LEHRMITTEL: «Tablet-Computer sind schlechte Lehrer»

Das neue Schuljahr hat begonnen. Und damit der Einsatz moderner Lehrmittel. Experten loben die Tablet-Computer, äussern aber auch Zweifel.

Stephan Santschi
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Die Schülerinnen Luana Huser, Annina Blum und Valérie Kurmann (von links) testen an der Primarschule Menznau Tablet-Computer. (Bild Nadia Schärli)

Die Schülerinnen Luana Huser, Annina Blum und Valérie Kurmann (von links) testen an der Primarschule Menznau Tablet-Computer. (Bild Nadia Schärli)

Laptops, Tablet-Computer, interaktive Wandtafeln – die Ideen, wie moderne Lehrmittel den Unterricht bereichern sollen, sind nicht neu. Seit diesem Schuljahr nimmt der Kanton direkten Einfluss auf die Entwicklung. Vier Volksschulen haben für 24 Klassen von der 3. bis 6. Primarstufe rund 600 digitale Schreibtafeln (Tablets) erhalten. Es sind dies das Moosmatt-Schulhaus in Luzern sowie die Primarschulen in Dagmersellen, Menznau und Doppleschwand. Es handelt sich hierbei um ein vierjähriges Pilotprojekt (Ausgabe vom 8. April). «Auf diese Weise sammeln wir Erkenntnisse, wie wir die Informations- und Kommunikationstechnologien im neuen Lehrplan 21 umsetzen sollen», sagt Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung.

Voraussichtlich im Herbst 2014 wird der Lehrplan 21 von den Deutschschweizer Erziehungsdirektorinnen und -direktoren zur Einführung freigegeben. Vincent: «Diese wird ab 2015 mit diversen Kursangeboten stattfinden.»

Vier Schulen legen mit Tablets los

Die ersten Feedbacks von Schulen und Eltern sind mehrheitlich positiv. In Menznau sind die Tablets bisher in zwei Klassen eingeführt worden. «Sie dienten den Schülern der 5. Klasse zur Vorbereitung von Vorträgen», erklärt Primarschulleiter Remo Di Monaco. Im Moosmatt-Schulhaus in Luzern sind sie bereits in den meisten der sieben Klassen zum Einsatz gekommen. «Lernprogramme wie Blitzrechnen oder Leseförderung funktionieren einwandfrei», sagt Schulleiter Armin Brunner. Erst nach den Herbstferien werden die neuen Computer in Doppleschwand eingesetzt. «Zuerst werden sich die Lehrpersonen mit den neuen Geräten vertraut machen», erklärt Schulleiter Werner Schneider. In Dagmersellen sind die Tablets für die Schüler erst am letzten Freitag eingetroffen und daher noch nicht benutzt worden. Vorarbeiten sind aber bereits erfolgt. So ist zwischen Eltern und Schule ein Nutzungsreglement definiert worden. «Bei einem technischen Defekt sorgt der Kanton kostenlos für Ersatz. Wird das Tablet hingegen böswillig beschädigt, läuft es über die Haftpflichtversicherung der Eltern», sagt Schulleiter Josef Rütter.

Übungshefte erhalten Konkurrenz

Wann und wie die Tablets benützt werden, entscheiden die Schulen des Pilotprojekts. Zur Verfügung steht ein Richtplan der Pädagogischen Hochschule Luzern. Der dortige Co-Leiter des Zentrums Medienbildung, Urs Utzinger, begleitet Lehrpersonen pädagogisch und didaktisch. Er sagt: «Tablets können in praktisch jedem Fach verwendet werden.» Es gehöre zu den Pflichten der Schule, einen Erziehungsbeitrag zum Umgang mit dem Internet und den sozialen Medien zu leisten. «Die Kinder erhalten dadurch eine höhere Medienkompetenz und werden besser auf das Leben vorbereitet. Das kann nicht nur auf die Eltern abgewälzt werden.» Allerdings sei es nicht so, dass die Tablets von morgens bis abends in Betrieb seien. «Sie werden als Unterstützung eingesetzt, wenn es Sinn macht. Andere Kompetenzen wie Sprache oder Handschrift dürfen nicht vernachlässigt werden.»

Dass in einigen Jahren gedruckte Lehrmittel durch digitale Pendants ersetzt werden, ist absehbar. «Lesebücher werden bleiben, Übungshefte dürften teilweise wegfallen», sagt Charles Vincent. Vorderhand laufen «die beiden Welten nebeneinander». Das erhöhe die Kosten. Die 600 Tablets belaufen sich auf rund 350 000 Franken. Die Hälfte trägt der Kanton. Rund 60 000 Franken fallen auf die teilnehmenden Gemeinden ab (100 Franken pro Stück), den Rest übernehmen Sponsoren.

Wie sieht die Handhabe in den restlichen Gemeinden aus? Werden diese eigenständig auf digitale Lehrmittel umrüsten? «Vereinzelt ist dies der Fall, aber nicht im grossen Rahmen. Vielerorts wartet man ab, welche Ergebnisse das Pilotprojekt bringt. Wir geben gegenwärtig keine Empfehlungen ab. Ausnahmen bilden Neubauten und Renovationen. Dort sollte man an die Infrastruktur für künftige Anforderungen in der Informatik denken», so Vincent. Die letzte Empfehlung habe der Kanton vor rund zehn Jahren abgegeben. «Jede Volksschule sollte drei bis vier Laptops oder Desktops in ihren Schulzimmern haben. Die meisten haben das umgesetzt, viele benutzen zudem Beamer. Auch den Hellraumprojektor gibt es noch.»

Braucht es die Schule noch?

Emmen und Vitznau haben jüngst im Rahmen des Neubaus beziehungsweise der Sanierung interaktive Wandtafeln angeschafft. Die Experten sind davon weniger angetan. «Letztlich ist es eine Preisfrage», sagt Vincent. Und Urs Utzinger von der PH Luzern merkt an: «Interaktive Wandtafeln sind hie und da sicher hilfreich. Doch sie werden den Unterricht nicht revolutionieren. Es stellt sich die Frage, ob man bei den knappen Ressourcen nicht besser in Tablet-Computer investieren würde.» Der Frontalunterricht soll weiterhin seinen Platz im Unterricht behalten.

Utzinger erzählt, dass er ab und zu gefragt werde, ob es die Schule in zehn Jahren überhaupt noch geben oder ob man nicht von zu Hause aus am Tablet lernen werde. «Dann antworte ich, dass es die Schule sehr wohl braucht. Tablets sind schlechte Lehrer. Kein Tablet erkennt, wenn der Schüler traurig ist. Es fördert auch nicht die soziale Kompetenz, die man in Gruppenarbeiten oder auf dem Pausenplatz erlangt.»

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