DETAILHANDEL: 1000 Unterschriften gegen die Schliessung des Migros-Restaurants

Das Migros-Restaurant in der Luzerner Neustadt fällt der Vergrösserung der Ladenfläche zum Opfer. Das stösst im Quartier auf Widerstand. Anwohner appellieren an den sozialen Auftrag der Migros. Doch diese hält an ihren Plänen fest.

Pirmin Bossart
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Aufnahme der Migros Filiale an der Waldstätterstrasse in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli / LZ (Luzern, 10. November 2010))

Aufnahme der Migros Filiale an der Waldstätterstrasse in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli / LZ (Luzern, 10. November 2010))

Pirmin Bossart

stadt@luzernerzeitung.ch

Die Migros-Filiale an der Waldstätterstrasse soll umfassend erneuert werden. Diesem Umbau fällt allerdings das traditionelle Migros-Restaurant im Obergeschoss zum Opfer. Anstelle des Restaurants soll der Supermarkt auf zwei Stockwerke erweitert werden. Die Schliessung des Restaurants sorgte im Quartier für viel Kritik.

Und die Kritiker wollen noch nicht aufgeben. «Seit 30 Jahren gehe ich hier dreimal in der Woche essen. Ich habe meinen Arbeitsplatz in der Nähe. Es muss für mich günstig und schnell sein», sagt Cornelia Trabelsi. Die kaufmännische Angestellte ist bei weitem nicht die Einzige, die aus diesen Gründen regelmässig das beliebte Migros-Restaurant an der Waldstätter­strasse besucht. Darin verkehren Berufsleute aus allen Schichten, aber auch Schüler und Studierende oder ältere Leute, die kein grosses Portemonnaie haben. «Ich komme mehrmals pro Woche hierher, weil das Essen gut und günstig ist», sagt der 94-jährige Beat Käch. In jedem anderen Restaurant müsse man mehr bezahlen. «Zudem treffe ich hier Leute, die ich kenne. Das schätze ich sehr.»

Erinnerung ans Erbe von Duttweiler

Die Migros Luzern hat ihren Entschluss, das 1963 erbaute Waldstätter-Restaurant zu schliessen, im letzten Frühsommer bekannt gegeben. Daraufhin haben Gäste ein erstes Mal Unterschriften gesammelt. Im Dezember 2016 doppelte eine IG Waldstätter-Migros nochmals nach: In knapp drei Wochen haben über 1000 Personen im Migros-Restaurant unterschrieben und das Anliegen unterstützt, dieses weiterzuerhalten. «Das Migros-Restaurant ist der wichtigste soziale Treffpunkt im Quartier Neustadt», sagt Beat Felder. Er ist seit fast 40 Jahren Mitglied der Genossenschaft Migros Luzern und Mitinitiant der Unterschriftensammlung. Felder arbeitet im Quartier und geht regelmässig im Migros-Restaurant essen. «Die Migros hat als breit in der Bevölkerung verankerte Genossenschaft gewisse Verpflichtungen, die sie nicht ohne weiteres abbedingen kann. Auch die Thesen von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler muss sie ernst nehmen.» Eine davon lautet: «Der Mensch ist im Mittelpunkt und nicht das Kapital», sagt Felder. Auch müssten Genossenschaften nicht in erster ­Linie gewinnorientiert arbeiten. Aber offenbar würden diese Grundsätze nicht mehr gewichtet. «Es ärgert mich, dass die Migros das Restaurant einfach ersatzlos streicht und keine Alternative anbietet.»

Die Migros veröffentliche keine detaillierten Zahlen zu ihren Standorten, sagt Claudius Bachmann, Mediensprecher der Migros Luzern, auf Anfrage. Er spricht von sinkenden Frequenzzahlen und Umsätzen, die ein abnehmendes Bedürfnis bestätigen würden. «Zudem verunmöglichen es die hohen Investitionen in den Umbau, das Restaurant rentabel zu betreiben.» Als weiteren Grund für die Schliessung führt Bachmann die «veränderten Kundenbedürfnisse» ins Feld, sprich den Wunsch nach einer Vergrösserung der Ladenfläche, insbesondere im Lebensmittelbereich. «Kundenbedürfnisse nimmt die Migros Luzern ernst und setzt sie nach Möglichkeiten um.» Beat Felder, der dieses Argument auch kennt, sagt: «Eine gepflegte Esskultur, bei Wind und Wetter an einem trockenen Plätzchen, und das für Leute, die finanziell keine grossen Reserven haben – ist das kein Kundenbedürfnis? Unsere Unterschriften beweisen doch das Gegenteil.»

Angesprochen auf den sozialen Auftrag der Migros, verweist Bachmann auf das Migros-Kulturprozent-Engagement, das in verschiedenen Formen wahrgenommen wird. Zudem habe die Migros auch einen kommerziellen Auftrag. «Sie hat Varianten geprüft und konzentriert sich in der Gastronomie in der Stadt Luzern auf den Standort Schweizerhof in der Altstadt. Zudem gibt es in der Luzerner Neustadt weiterhin ein vielfältiges Gastronomieangebot zu vernünftigen Preisen.»

Migros weigerte sich, die Petition anzunehmen

Die Migros hat sich bis jetzt geweigert, die über 1000 Unterschriften vor Ort in der Waldstätter-Migros entgegenzunehmen. Wohl aber hat sie in ein Gespräch mit Mitgliedern der Migros-Geschäftsleitung eingewilligt, das die IG verlangt hatte. Ein kluger Schachzug: Die Migros muss sich nicht öffentlich aussetzen und erklären, und die Initianten fühlen sich zumindest ein wenig ernst genommen, obwohl das Gespräch nichts bewegen dürfte. «Gerade weil wir wissen, dass das Migros-Restaurant für viele Kunden ein beliebter Treffpunkt ist, bedauern auch wir, dass es dieses nicht mehr geben wird», sagt Claudius Bachmann. Die Migros hat sich offensichtlich entschieden. Oder ist sie offen für eine Überprüfung? Bachmann: «Die Migros Luzern hält an den Umbauplänen des Standortes fest.» Beat Felder gibt sich aber nicht geschlagen: «Die IG Waldstätter-Migros wird zusammen mit Hunderten von Migros-Genossenschaftern das Vorgehen der Migros nicht einfach so hinnehmen. Wir haben gute Argumente. Das Restaurant ist und bleibt ein grosses Bedürfnis. Die Hoffnung stirbt zuletzt.»

Lauf Auskunft der Migros Luzern schliessen der Migros-Supermarkt und das Migros-Restaurant Waldstätter am 29. April. Ab 1. Mai öffnet der Supermarkt in einem Provisorium. Wann das umgebaute Gebäude wiedereröffnet wird, steht zurzeit noch nicht fest.