LUZERN: Ärzte werden von ihren Patienten über den Tisch gezogen

Ärzte müssen ihre Patienten immer häufiger betreiben, weil diese ihre Rechnungen nicht begleichen. Der Trend könnte sich künftig noch verstärken.

Thomas Heer
Drucken
Ein Arzt hört bei einer Patientin die Lunge mit einem Stethoskop ab (gestellte Szene). (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Ein Arzt hört bei einer Patientin die Lunge mit einem Stethoskop ab (gestellte Szene). (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Das schweizerische Gesundheitswesen ist hervorragend, es nimmt im weltweiten Vergleich eine Spitzenposition ein. Das ist nicht gratis zu haben. Die Kosten sind immens und werden sich laut einer letzte Woche veröffentlichten Studie von Ernst & Young bis ins Jahr 2030 um 60 Prozent erhöhen. Parallel dazu steigen auch die Prämien. Experten gehen von einer Verdoppelung aus.

Dieser Preisschub wird für viele Haushalte nicht mehr zu stemmen sein. Und das werden voraussichtlich auch die Ärzte zu spüren bekommen, indem sie vermehrt auf ihren Rechnungen sitzen bleiben.

Ausfälle von mehreren zehntausend Franken

Schon heute betreiben Mediziner wie Aldo Kramis einen erheblichen Aufwand, um bei säumigen Patienten Geld einzutreiben. Er ist der Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern und Miteigentümer einer grossen Gemeinschaftspraxis in Emmenbrücke. Kramis spricht von rund 150 Mahnungen, die monatlich verschickt werden. In bis zu 15 Fällen kommt es sogar zu einer Betreibung. Um die Schulden einzutreiben, ist in der Praxis von Kramis extra eine Fachkraft abgestellt, in einem Pensum von 30 bis 50 Prozent. Nicht einmal das hilft, um sämtliche Ausstände einzutreiben. Kramis geht davon aus, dass in städtischen Gebieten und in den Agglomerationen den Ärzten zwischen zwei und drei Prozent des Jahresumsatzes durch die Lappen gehen. Konkret können das pro Jahr mehrere zehntausend Franken sein.

Kramis stellt eine zunehmend schlechtere Zahlungsmoral fest. Damit das Ganze nicht aus dem Ruder läuft, geben Kramis und seine Kollegen Gegensteuer. So werden von gewissen Patienten Vorauszahlungen verlangt. Aber auch Medikamente werden in gewissen Fällen nicht mehr direkt abgegeben.

Patienten, die einfach von der Bildfläche verschwinden

Immer häufiger rechnen die Ärzte mit dem Einverständnis der Patienten auch direkt mit der Krankenkasse ab. Der Patient erhält dadurch kein Geld mehr ausbezahlt, das er zweckentfremdend ausgeben kann.

Schlechte Erfahrungen mit ausstehenden Rechnungen machte auch Ueli Zihlmann, kaufmännischer Leiter einer Notfallpraxis in Sursee und Geschäftsführer der Luzerner ­Ärztegesellschaft. «Wir hatten Ausfälle zwischen drei und fünf Prozent des Umsatzes.» Seit Zihlmann direkt mit den Krankenkassen abrechnet, hat sich die Lage verbessert.

Peter Gerritsen betreibt eine Arztpraxis in Zug und ist im Nebenamt Präsident der Vereinigung der Zentralschweizer Ärztegesellschaften. Gerritsen verfügt über umfangreiche Erfahrung mit säumigen Patienten, inklusive gerichtlichen Auseinandersetzungen. Ein Teil der Nichtzahler, so Gerritsen, gehe gar «bösartig» vor. «Solche Leute tauchen einfach ab, dislozieren irgendwohin und bleiben so unauffindbar.»

Thomas Heer

thomas.heer@luzernerzeitung.ch