TIERSCHUTZ: Alte Pferde finden eine neue Heimat

Der Verein Pferde-Engel bewahrt alte Tiere vor dem sicheren Tod. Die geretteten Tiere erhalten auf dem Gnadenhof in Dierikon ein neues Zuhause.

Dominik Weingartner
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Judith Matter mit Dardy auf dem Gnadenhof in Dierikon. (Bild Roger Grütter)

Judith Matter mit Dardy auf dem Gnadenhof in Dierikon. (Bild Roger Grütter)

Belnora (25 Jahre) verbringt seit Ende Mai ihre Sommerferien bei den «Pferde-Engeln». Sie war zuvor auf einer Weide im Jura, wo sie in der Rangordnung ihrer Herde eine niedrige Stellung hatte und darum nicht genug Futter erhielt. Mitte August wird sie von ihrer Besitzerin an einen neuen Pensionsplatz im Kanton Bern gebracht. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Belnora (25 Jahre) verbringt seit Ende Mai ihre Sommerferien bei den «Pferde-Engeln». Sie war zuvor auf einer Weide im Jura, wo sie in der Rangordnung ihrer Herde eine niedrige Stellung hatte und darum nicht genug Futter erhielt. Mitte August wird sie von ihrer Besitzerin an einen neuen Pensionsplatz im Kanton Bern gebracht. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Der Verein Pferde-Engel führt seit 2006 einen Gnadenhof für Pferde in Dierikon. Hinter dem Verein stehen drei Frauen: Judith Kruschwitz, Marina Parris und Judith Matter. Die Ebikonerin Judith Matter war die Initiantin des Gnadenhofs. «Ich bin früher in einer Reitschule geritten», erzählt sie. Ihr sei aufgefallen, dass von Zeit zu Zeit Pferde einfach verschwunden seien. Als sie dann nachgefragt habe, was mit den Pferden passiert sei, habe man ihr gesagt, dass diese für den Reitschulbetrieb nicht mehr tauglich gewesen und zum Metzger gebracht worden seien.

«Ich dachte mir, das kann es doch nicht sein», sagt Judith Matter und fügt hinzu: «Nur weil Pferde aus Altersgründen nicht mehr intensiv genutzt werden können, muss man sie doch nicht gleich schlachten.» Als sie dann erfuhr, dass ihr Lieblingspferd, das aufgrund einer Sehnenentzündung nicht mehr für die Reitschule eingesetzt werden konnte, zur Schlachtbank geführt werden sollte, beschloss sie zu handeln und den Verein Pferde-Engel zu gründen.

Dardy (28 Jahre) ist vor bald drei Jahren auf den Gnadenhof Dierikon gekommen. Die Besitzerin konnte sich den Unterhalt nicht mehr leisten und gab Dardy weg. Am neuen Platz hat Dardy zu wenig Futter erhalten und wurde zu intensiv geritten. Das Pferd habe sich innerlich aufgegeben, sagt Judith Matter. Auf dem Gnadenhof blühe es wieder auf. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Dardy (28 Jahre) ist vor bald drei Jahren auf den Gnadenhof Dierikon gekommen. Die Besitzerin konnte sich den Unterhalt nicht mehr leisten und gab Dardy weg. Am neuen Platz hat Dardy zu wenig Futter erhalten und wurde zu intensiv geritten. Das Pferd habe sich innerlich aufgegeben, sagt Judith Matter. Auf dem Gnadenhof blühe es wieder auf. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Plätze für Pferde sind gefragt

«Zunächst wollten wir Plätze finden für Pferde, die geschlachtet werden sollten», erklärt Matter. Doch sei bald klar geworden, dass dies ein sehr schwieriges Unterfangen sei. Durch einen Zufall sei sie auf den Spechtenhof in Dierikon aufmerksam geworden. Der Verein Pferde-Engel hat die Möglichkeit erhalten, einen Teil des stillgelegten Bauernhofes und eine dazugehörige Weide zu mieten. Seither kann der Verein bis zu vier Pferde auf seinem Gnadenhof aufnehmen.

Der Verein erhält laufend Anfragen für freie Plätze. «Wir versuchen immer, für das betroffene Pferd eine Lösung zu finden», sagt Matter und fügt hinzu: «So schalten wir zum Beispiel Notfallinserate auf unserer Website.» Die Fälle würden meist von aussenstehenden Personen gemeldet, nicht von den Besitzern. Es gebe auch Besitzer, die ihr Pferd lieber schlachten liessen, als es einem Gnadenhof zu überlassen. Matter dazu: «Das kann man den Menschen nicht verbieten. Es ist keine juristische Frage, sondern eine Frage des Gewissens.»

Zurzeit sind drei Pferde auf dem Dieriker Gnadenhof platziert. Drei weitere Patenpferde der Pferde-Engel sind auf Höfen im Thurgau und in Nidwalden platziert. Jetzt im Sommer, wenn es das Wetter erlaubt, grasen die Pferde morgens und abends auf der Weide. In der Nacht sind sie im Stall mit Auslauf untergebracht. Auf der Weide sind die Pferde getrennt. «So haben die Tiere mehr Ruhe und weniger Stress», erklärt Matter. Zudem gebe es innerhalb von Pferdeherden immer eine Rangordnung. Die ranghöheren Pferde würden den Rangniedrigeren dann das Futter wegfressen. Der Gnadenhof soll aber dazu dienen, dass die Tiere einen möglichst ruhevollen Lebensabend geniessen könnten.

Salinero (zirka 25 Jahre) stammt aus Spanien, wo er in einer Reitschule eingesetzt wurde. Eine Schweizer Praktikantin, die an der Reitschule gearbeitet hat, kaufte der Reitschule zwei Pferde ab und brachte sie in die Schweiz. Sie konnte aber den Unterhalt der Pferde finanziell nicht stemmen, und so kam Salinero auf den Dieriker Gnadenhof. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Salinero (zirka 25 Jahre) stammt aus Spanien, wo er in einer Reitschule eingesetzt wurde. Eine Schweizer Praktikantin, die an der Reitschule gearbeitet hat, kaufte der Reitschule zwei Pferde ab und brachte sie in die Schweiz. Sie konnte aber den Unterhalt der Pferde finanziell nicht stemmen, und so kam Salinero auf den Dieriker Gnadenhof. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

«Tierwohl steht im Vordergrund»

Die Vereinsmitglieder gehen mit den Pferden auch spazieren. Manchmal helfen dabei auch Freiwillige mit. Geritten werde aber nicht. Matter: «Wir nehmen nur reitunfähige Pferde auf.» Denn aufgrund der beschränkten Mittel und Zeit kann auf dem Gnadenhof kein Reitbetrieb geführt werden.

Der Tod ist zwangsläufig ein Thema auf dem Gnadenhof. Matter: «Als das erste Pferd bei uns gestorben ist, war das für mich ein absoluter Schock.» Mittlerweile habe sie gelernt, mit dem Tod umzugehen. «Wir haben ein Tierärzteteam, dem wir voll vertrauen.» Dieses könne sehr gut einschätzen, wann das Leiden für ein Pferd so gross werde, dass man es erlösen müsse. «Das Tierwohl steht immer im Vordergrund», betont Matter. Der Gnadenhof bringt die Tiere nicht zum Metzger, sondern lässt sie von der Tierärztin einschläfern.

Die Finanzen sind bei einer Einrichtung wie dem Gnadenhof immer ein Thema. «Der Unterhalt eines Pferdes kostet im Monat um die 300 Franken», sagt Matter. Dabei sind ausserordentliche Kosten wie für den Tierarzt, den Hufschmied oder Spezialfutter nicht eingerechnet. Um diese finanzielle Belastung stemmen zu können, ist der Verein auf Spenden angewiesen. «Wir bieten Patenschaften für die Pferde an. Ab 25 Franken im Monat kann man ein bestimmtes Pferd oder den Hof generell sponsern.» Es sei leider so, dass die Spenden nur einen kleinen Teil der Kosten decken. Den Rest übernimmt Judith Matter persönlich. «Wir sind aber über jede Spende froh.»

Sehr zeitintensive Arbeit

Judith Matter investiert neben viel Geld auch viel Zeit in den Gnadenhof. Matter, die als Assistentin im Finanzbereich der Schindler Management AG arbeitet, steht jeweils um fünf Uhr morgens auf, füttert die Pferde, mistet den Stall und lässt die Tiere je nach Witterung auf die Weide. Am Mittag muss sie die Pferde wieder reinholen und striegelt sie. Am Abend wird nochmals gefüttert, gemistet und das Futter für den nächsten Tag vorbereitet. Alles in allem arbeitet Matter täglich etwa vier Stunden auf dem Hof. «Zum Glück hat mir meine Vorstandskollegin Judith Kruschwitz die Arbeit am Sonntagmorgen abgenommen, dann kann ich auch einmal ausschlafen», sagt sie lachend. Die Zeit mit den Pferden ist ihr die Anstrengung aber wert. «Der Gnadenhof ist eine Herzensangelegenheit.»

Hinweis

Am 14. September von 13.30 bis 17 Uhr führt der Gnadenhof einen Tag der offenen Tür durch. Mehr Infos finden Sie unter www.pferde-engel.ch

Gnadenhöfe im Kanton Luzern

Im Kanton Luzern gibt es noch weitere Gnadenhöfe. In Hergiswil bei Willisau etwa bietet das Tier-Asyl Hübeli etwa 100 Tieren Platz, wie Leiterin Rita Tubbs auf Anfrage sagt. Auf dem fünf Hektaren grossen Land ist vom Huhn bis zum Pferd alles zu finden. Das Hübeli bietet auch Patenschaften für einzelne Tiere an. Zurzeit habe man etwa 30 Paten, sagt Rita Tubbs. Das Tier-Asyl Hübeli finanziert sich durch Spenden.

Auf der Rigi im Gemeindegebiet Vitznau führt die Franziskaner-Schwester Theresia den Gnadenhof der Stiftung Felsentor. Hinter der Stiftung steht der Luzerner Tierschützer und Calida-Erbe Hans Vanja Palmers. Mehr als 30 Tiere haben auf dem zehn Hektaren grossen Gelände Platz gefunden, darunter ein Ochse, Ziegen, Schweine, Hunde und Katzen. Da es sich um eine Alpzone handelt, ist die Tierhaltung eingeschränkt. Finanziert wird der Gnadenhof auf der Rigi durch Spenden und von Hans Vanja Palmers.