TROLLEYBUS: Eine neue Trolleybuslinie in Luzern als Jubiläumsgeschenk

Exakt 75 Jahre nach der ersten Fahrt eines Trolleybusses in Luzern wird eine neue Linie zwischen Kriens und Emmenbrücke eröffnet. Die Verbindung heisst wie die allererste – Linie 5.

Roger Rüegger
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Ein Bus bei der Haltestelle am Schwanenplatz (Datierung unbekannt). Im Hintergrund: Ein Stromabnehmer eines Trolleybusses. (Bild: Stadtarchiv/Hans Schläpfer/Roly Stirnemann.)

Ein Bus bei der Haltestelle am Schwanenplatz (Datierung unbekannt). Im Hintergrund: Ein Stromabnehmer eines Trolleybusses. (Bild: Stadtarchiv/Hans Schläpfer/Roly Stirnemann.)

Genau an dem Standort, wo 1961 die letzte Dienstfahrt eines Luzerner Trams endete, installieren Monteure der Verkehrsbetriebe Luzern (VBL) neue Fahrleitungen. Bei der Busschleife in Kriens setzen am Dienstag Marcel Schumacher (34) und Rolf Barmettler (56) auf einem Turmwagen stehend eine Weiche ein. «Über das bestehende Netz montieren wir ein neues Gleis für den 5er», beschreibt Schumacher die Arbeit.

Die Fahrleitungsmonteure arbeiten meistens über Kopf. Wer schon einmal Arbeiten mit nach oben gestreckten Armen durchgeführt hat, weiss, dass die Männer körperlich gefordert sind. Die Leitungen ziehen sie mit Seilzügen fest, bevor sie diese mit Verschraubungen fixieren. Für die Tätigkeit braucht es handwerkliches Geschick, technisches Verständnis – und gutes Vorstellungsvermögen. Die Arbeiter müssen wissen, wie sich das Lösen eines Befestigungsdrahtes auf das Konstrukt der Fahrleitung auswirkt. Auf den Kabeln liegt eine Zuglast von über 600 Kilogramm.

Die Leitungen mit einem Querschnitt von 107 Quadratmillimetern haben den Durchmesser eines Daumens. Das Hantieren mit Kabeln, Rohren und Leitungen ist bereits am Boden eine Herausforderung. In rund 7 Meter Höhe auf einer Bühne stehend ist es noch anspruchsvoller. Kommt hinzu, dass die Männer wissen müssen, welche Leitungen sie berühren dürfen und welche unter Strom stehen. In der Regel werden die Leitungen zwar von Energie Wasser Luzern (EWL) abgeschaltet, wenn jedoch tagsüber gearbeitet wird, kann das Netz nicht überall abgestellt werden. Schumacher setzt zur Demonstration ein Messgerät an beide Kabel. Wenn keine Spannung auf den Leitungen ist, verbindet er diese mit einem Kurzschlussbügel. «Das ist unsere Lebensversicherung. Wenn die Leitungen überbrückt werden, knallt eine Sicherung raus, sobald Strom fliesst.»

Der Chauffeur betätigt die Weichen

Bei der Busschleife versetzen die Monteure eine Leitung um einen Meter. Auf der Fahrbahn sind Punkte signalisiert, die anzeigen, an welcher Stelle die Fahrleitungen fixiert werden müssen. Um den genauen Punkt zu erfassen, benutzen die Männer auf dem Turmwagen einen Senkel, also ein Gewicht an einer Schnur. Auch zwei Weichen gilt es zu installieren. Die Männer befestigen diese Metallteile routiniert an die Drähte. Nebenbei erklärt Schumacher, wie eine Weiche funktioniert. «Die ist vergleichbar mit jener bei der Bahn. An den Fahrleitungen sind Kästen angebracht, die dem Trolleybus-Chauffeur mit einem Pfeil die Richtung anzeigen. Der Chauffeur kann mit einem Schalter die Weiche umstellen. Bei der Eisenbahn geschieht dies im Kontrollzentrum, bei uns macht es der Fahrer.»

Das sechsköpfige Fahrleitungsteam kontrolliert die Leitungen auf dem 40 Kilometer langen Streckennetz der VBL regelmässig. «Zweimal im Jahr checken wir die Fahrleitungen und ersetzen jene Drähte, Weichen oder Kreuzungen, die durch den Fahrbetrieb stark abgenutzt wurden», erklärt Rolf Barmettler, der den Job seit 20 Jahren ausübt.

Die Installation an der Linie 5 wird dieser Tage beendet. Schumacher und seine fünf Kollegen der Fahrleitungsequipe montierten die neuen Leitungen nicht nur an der Busschleife in Kriens, sondern auch beim Pilatusplatz in Luzern sowie in Emmenbrücke beim Seetalplatz. Die neue Linie 5 wird zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember eingeweiht und nimmt am 12. Dezember den Betrieb auf. Sie führt von der Busschleife Kriens nach Emmenbrücke zum neuen Bushub am Seetalplatz.

Die alte Linie 5 war 1941 die erste Trolleybuslinie in Luzern. Sie führte damals vom Bahnhof zur Allmend. Damals waren zwei Trolleybusse im Einsatz: der in der Werkstätte der Autobetriebe der Stadt Luzern umgebaute Autobus Nr. 17 und ein von den Tramways Lausannois gemieteter Trolleybus – der TL 2. Letzterer wird ausschliesslich mit Strom durch die Fahrleitung gespiesen. Weil am Bahnhofplatz damals noch keine Wendeschleife existierte, musste er von einem Traktor alle 24 Minuten auf die andere Strassenseite gezogen werden. Im Jahr 2005 wurde die Linie 5 aufgehoben.

Am Anfang war der Zweikraftwagen

Die Trolleybus-Geschichte in Luzern hatte einen harzigen Start. Noch im Jahr 1938 lehnten die Stimmberechtigten Luzerner an der Urne den Trolleybus ab. Drei Jahre später, im September 1941, wurde die Einführung in einer Volksabstimmung aufgrund der Treibstoffknappheit mitten im Zweiten Weltkrieg mit einem Stimmenverhältnis von 3:1 beschlossen.

Seit dem 7. Dezember desselben Jahres verkehren die Trolleybusse. Die ersten Fahrzeuge wurden in der Werkstätte der Autobetriebe der Stadt Luzern – deren Name per 1. Januar 1942 in Verkehrsbetriebe Luzern (VBL) geändert wurde – umgebaut. Es handelte sich um zwei sogenannte Zweikraftwagen, die mit einem Dieselgenerator sowie einem Elektromotor ausgestattet waren.

Grossraumtrolleybusse ersetzen das Tram

Diese Busse mit den Nummern 16 und 17 wurden 1939 angeschafft. Zu Beginn standen dem Trolleybusbetrieb erst das umgebaute Model Nr. 17 sowie ein von den Tramways Lausannois gemieteter Trolleybus, der TL 2, zur Verfügung.

Zu Beginn der 1950er-Jahre wurden neue, grössere Busse entwickelt. Zu dieser Zeit wurden bei den VBL Studien erarbeitet, was den zukünftigen Betrieb auf den bestehenden Tramlinien betrifft. Am 15. November 1959 wurde die Tramlinie 2 auf Grossraumtrolleybusse umgerüstet. Im Verlauf der Jahre verdrängten diese Busse mit hoher Kapazität das Tram. Zwei Jahre später ersetzte der Trolleybus das Tram auch auf der Linie 1 vom Maihof nach Kriens. 1946 verkehrten die ersten Trolleybusse mit Anhänger. Im Jahr 1966 wurden die ersten Gelenktrolleybusse beschafft, und seit 2006 fahren die Doppelgelenktrolleybusse «LighTram 3». Ein Meilenstein wurde 2014 gesetzt: Der RBus – ebenfalls ein Doppelgelenktrolleybus – mit spezieller Lackierung und Designelementen, wird in Betrieb genommen. Dieser übernimmt in der Stadt und Agglomeration Luzern die Rolle eines Trams. 2016 wird auch auf der Linie 2 Luzern Bahnhof–Emmenbrücke Sprengi, mit dem Abschluss der Bauarbeiten am Seetalplatz, das RBus-System mit Doppelgelenktrolleybussen eingeführt.

Aus heutiger Sicht war die Ablösung des Trams durch die Trolleybusse nicht der richtige Entscheid. «Das Tram hatte mit dem eigenen Trassee im Verkehr Vorteile. Rein aus psychologischer Sicht gewährt ein Autofahrer dem Tram eher den Vortritt. Somit ergibt sich für das Tram automatisch eine höhere Zuverlässigkeit, den Fahrplan einzuhalten», sagt Christian Bertschi, Kommunikationsverantwortlicher der VBL. Auch an die Kapazität des Trams mit rund 260 Fahrgästen können die Grossraumtrolleybusse, die mit 220 Passagieren zwar die grössten der Schweiz sind, nicht anknüpfen. Eine Rückkehr des Trams nach Luzern würde gemäss einer Studie der Hochschule Luzern 900 Millionen Franken kosten.
Die VBL haben zum 75-Jahr-Jubiläum eine Broschüre herausgegeben.

«Rex liebte das Busfahren»

Fahrgast Der Schäferhund Rex lebte in den 1950er-Jahren in Luzern. Besitzer war die Familie Stocker, deren Buchhandlung sich damals an der Kapellgasse 5 befand. Elsbeth Laubacher-Stocker erinnert sich gut an das treue Tier. «Unser Rex, der viele Nachmittage oft bis zum Abend im Geschäft unseres Vaters verbrachte, machte gerne Ausflüge», schildert die Luzerner Buchhändlerin die Vorlieben von Rex.

Der Hund habe ihren Vater zu später Stunde auf dem Heimweg durch die Brüggligasse zur Mühlemattstrasse begleitet. «Damals waren die Geschäfte abends offen. Weil betuchte Amerikaner, die einige Wochen in Luzerner Hotels verbrachten, dem Kunstgenuss frönten und Kunst- und Musikbücher kauften.»

Wenn Rex langweilig geworden sei auf seiner Liege im Geschäft, sei er jeweils ausgebüxt. Von der Kapellgasse habe er sich stets zügig zum Schwanenplatz begeben. «Dort stieg er allein in einen Bus. Wohin die Reise ging, war ihm egal. Er fuhr Richtung Kriens wie auch Richtung Maihof. Rex liebte das Busfahren. Er stellte sich auf die Hinterbeine und hielt sich praktisch mit den Vorderpfoten an der Querstange hinten im Bus fest. So war seine Aussicht perfekt», berichtet die Frau.

Heute brauchenauch Hunde ein Ticket

Nach genüsslicher Fahrt sei der Schäferhund immer am Schwanenplatz wieder ausgestiegen. «Er trollte sich wieder an die Kapellgasse begab sich auf seinen Liegeplatz im Geschäft. Bei den Verkehrsbetrieben Luzern (VBL) kannte man Rex bestens. Heute wären solche Hundefahrten wohl undenkbar, im Gegensatz zu damals», meint sie.

Da mag sie Recht haben. Christian Bertschi, Kommunikationsverantwortlicher der VBL, sagt: «Ein Hund wie Rex muss eine gültige Fahrkarte der 2. Klasse zum ermässigten Preis (Abonnemente für Junioren) vorweisen können.» Laut Bestimmungen des Tarifverbundes Passepartout ist die Fahrt für kleine Hunde mit einer maximalen Schulter- beziehungsweise Risthöhe bis 30 Zentimeter und für Katzen gratis – falls diese in Taschen, Körben, oder ähnlichen Behältnissen transportiert werden.

Roger Rüegger

1941-1966: Wagen Nr. 17 wurde 1939 zum Trolleybus umgebaut. (Bild: Hans Schläpfer/Roly Stirnemann)
11 Bilder
1941–1942: Der TL 2 wurde aus Lausanne ausgeliehen. (Bild: Hans Schläpfer/Roly Stirnemann)
1949–1975: Trolleybus Nr. 25 – heute restauriert und einsatzfähig. (Bild: Hans Schläpfer/Roly Stirnemann)
1966–1988: Büssing Nr. 162, im Bestand von RétroBus Léman. (Bild: Hans Schläpfer/Roly Stirnemann)
Die Nummer 251 auf der Linie 4 unterwegs auf der Seebrücke in Luzern. Seit 1988: NAW/Hess Nr. 251, im Juli 2007 ausgemustert. (Bild: Stadtarchiv Luzern)
Der Trolleybus Nr. 29 unterwegs auf der Moosmattstrasse. (Bild: Stadtarchiv Luzern)
Die Nummer 153 auf der Linie 2 unterwegs auf der Seebrücke. (Bild: Stadtarchiv Luzern)
Reparaturen in der Werkstatt. (Bild: Stadtarchiv Luzern)
Die Nummer 18. (Bild: Stadtarchiv Luzern)
Die Nummer 18 auf der Linie 5. (Bild: Stadtarchiv Luzern)
Reparaturen des Trolleys in der Werkstatt. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

1941-1966: Wagen Nr. 17 wurde 1939 zum Trolleybus umgebaut. (Bild: Hans Schläpfer/Roly Stirnemann)

Marcel Schumacher bei der Montage der neuen Fahrleitungen der Linie 5.Bild: Boris Bürgisser (Kriens, 29. November 2016)

Marcel Schumacher bei der Montage der neuen Fahrleitungen der Linie 5.Bild: Boris Bürgisser (Kriens, 29. November 2016)

Bild: Grafik Oliver Marx

Bild: Grafik Oliver Marx