NIDWALDEN: Begleitung von Sterbenden: Die Erfahrung hilft, wenn Worte fehlen

Diese Woche ist Tag der Freiwilligen. Mit dem Verein zur Begleitung sterbender Menschen kommen viele erst in Kontakt, wenn es bei ihnen oder Angehörigen so weit ist.

Marion Wannemacher
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Christina Zenhäusern ist seit drei Jahren Präsidentin des Vereins zur Begleitung Sterbender. Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 29. November 2016)

Christina Zenhäusern ist seit drei Jahren Präsidentin des Vereins zur Begleitung Sterbender. Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 29. November 2016)

«Da sein beim Sterben» steht auf dem Faltblatt. Es bildetet einen Spätherbstwald mit sonnigem Nebel ab. Nichts ist so intim und individuell wie das Sterben. «Es geht darum, das Ich loszulassen», zitiert Christina Zenhäusern-Lussi die Sterbeforscherin Monika Renz ohne Pathos in der Stimme. Das geht manchmal nicht ohne Angst und Kampf. Christina Zenhäusern ist kein pathetischer Mensch, über ihre Arbeit berichtet sie in der ihr eigenen schlichten Art.

Seit 1982 gibt es die Begleitgruppe schwerkranker und sterbender Menschen Nidwalden. «In den Institutionen kennt und schätzt man uns», erklärt die Präsidentin. «Ansonsten sind es natürlich die betroffenen Menschen in ihrer letzten Lebensphase und ihre Angehörigen, die uns brauchen. Der Tod ist eher ein Tabuthema», sagt sie. Der Verein ist politisch und konfessionell neutral, alle Begleiter unterstehen der Schweigepflicht. Das Angebot ist gratis, Mitgliederbeiträge und Spenden finanzieren die Arbeit.

Nächtliche Sitzwachen entlasten Angehörige

23 Frauen und ein Mann übernehmen Sitzwachen am Bett Sterbender. «Es geht darum, Menschen, die nicht allein sein wollen und können, zu begleiten und Angehörige zu entlasten, dass sie wieder einmal schlafen können.» Deshalb wird das Angebot des Vereins vor allem für die Nacht zwischen 22 und 5 Uhr gewünscht. Gerade für Partner oder Verwandte ein unschätzbarer Dienst.

«Eine Angehörige, die sich sehr überwinden musste, uns zu kontaktieren, berichtete nach dem Tod ihres Vaters, dass sie uns viel früher angerufen hätte, wenn sie gewusst hätte, wie gut es ihr tut, wieder einmal sechs Stunden durchschlafen zu können. Das hören wir häufig.» Christina Zenhäusern-Lussi weiss um die Hemmschwelle Angehöriger in Privathaushalten. Häufig würden sie leider auch erst sehr spät angefordert, bedauert sie.

Seit zehn Jahren ist die ausgebildete Pflegefachfrau selbst Sterbebegleiterin. «Ich kannte die Arbeit der Gruppe aus dem Pflegeheim in der Nägeligasse», erzählt sie. Als sie die Stelle wechselte und nicht mehr im Schichtdienst arbeitete, fing sie mit Sterbebegleitung an. «Ich kannte das Thema Sterben und Tod auch persönlich durch die Begleitung meines Vaters.» Seit drei Jahren ist sie Präsidentin.

Zweimal pro Monat via Doodle

Mit 50 Jahren zählt die Oberdorferin zu den eher jüngeren Vereinsmitgliedern. Die meisten sind bereits pensioniert, ein Fünftel noch im Berufsleben. Wer sich für Sterbebegleitung interessiert, muss belastbar sein und verfügt vielleicht auch über eine entsprechende Ausbildung. Ein Grundkurs der Caritas über Sterbebegleitung oder in Pallia­tive Care in der Langzeitpflege des Schweizer Roten Kreuzes wird beim Aufnahmegespräch empfohlen. Pro Jahr gibt es im Verein sechs Treffen und zwei interne Weiterbildungen. Via Doodle stellen sich die Begleiter zweimal pro Monat zur Verfügung. Pro Jahr leisten sie 60 bis 90 Sitzwachen. «Wenn jemand neu in die Gruppe kommt, wird er von einem Erfahrenen begleitet», sagt die Präsidentin.

Die Hand wird von unten gehalten – unterstützend

Die siebenstündigen Sitzwachen seien intim. «Bei einem Menschen in seiner Sterbephase passiert in sieben Stunden viel, was man nicht in Worte fassen kann», sagt sie. Worte haben häufig auch die Sterbenden nicht mehr. «Man hört aufs eigene Gespür, was es jetzt gerade braucht.» Vieles wissen die Sterbegleiter aus jahrelanger Erfahrung. Wer sich ständig an den Mund langt, hat vielleicht einfach Durst. Wer verwirrt redet, braucht wohl die Bestätigung, dass er es gut gemacht hat im Leben, wer auf der Bettdecke sucht, vielleicht eine Hand zum Halten. «Aber nicht von oben herab, sondern unterstützend von unten», so Christina Zenhäu­sern. Alleroberstes Gebot ist Achtsamkeit und Wertschätzung dem Sterbenden gegenüber, ohne Analyse. Was zum Leben des Patienten gehört, ist seine persönliche Sache. Eine Nacht Sitzwache zu halten sei streng, erklärt Zenhäusern. «Es gibt einem aber eine Erfüllung.»

Hinweis

Mehr Infos unter: www.sterbebegleitung-nidwalden.ch

Marion Wannemacher

marion.wannemacher@nidwaldner zeitung.ch