RELIGION: Anti-Islam-Bettelbrief aus dem Klosterdorf

Um Spenden bittet eine islamkritische Stiftung mit Sitz in Engelberg. Deren Thesen bezeichnet ein Religionsexperte als «nicht haltbar».

Christoph Riebli
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«Mit Behauptungen werden diffuse Ängste geschürt.» Martin Baumann, Professor für Religionswissenschaft (Bild: pd)

«Mit Behauptungen werden diffuse Ängste geschürt.» Martin Baumann, Professor für Religionswissenschaft (Bild: pd)

Mit Einzahlungsschein für eine Spende über 35 Franken oder mehr flatterte vor Weihnachten ein Schreiben in zahlreiche Haushalte. Absender ist die Stiftung Zukunft CH mit Sitz in Engelberg, die etwa auch an der Explo 15 in Luzern präsent war. Inhalt des Bettelbriefs: Besorgnis über den steigenden «Anteil der muslimischen Bevölkerung» in der Schweiz, «deutlich» verstärkt durch die «aktuelle Flüchtlingswelle»; aber auch über die «Zerstörung der natürlichen Ehe und Familie». Besorgnis also über die scheinbare Erosion tragender Werte «unserer» Kultur.

Als «konfessionell, politisch und wirtschaftlich unabhängig» ist die Stiftung seit Ende 2013 im Obwaldner Handelsregister eingetragen. Via Youtube stellt der Stiftungsratspräsident und evangelische Pfarrer Hansjürg Stückelberger klar: «Wir setzen uns für bleibende biblische Werte ein.» Zu diesem Engagement gehörte 2014 etwa auch eine Intervention gegen die als pornografisch empfundene «Love-Life»-Kampagne (Aids-Prävention) des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Damit nicht genug: Das BAG sei von der «Homo-Lobby» unterwandert, liess sich ein Stiftungsvertreter in der Presse zitieren.

Adresse wurde angeboten

Was will diese Organisation in Obwalden, die sich nach eigenen Angaben gegen die «schleichende Einführung der Scharia» wehrt? «Ich habe ihnen meine Adresse angeboten», sagt Gian Luca Carigiet auf Anfrage, dessen Name im Handelsregister auftaucht. Bei der Gründung der Stiftung habe man einen Kanton gesucht, «in dem christliche Werte noch gelebt werden». In Zürich seien bereits «antichristliche Tendenzen» spürbar, so Carigiet.

Der bekennende Verfechter einer bibelgetreuen Schöpfungslehre wohnt seit einigen Jahren in Engelberg. Er sieht sich als «Förderer» der Stiftung und ist Gründer des inzwischen aufgelösten Vereins Pro Genesis, dessen Ziel es war, «die Unmöglichkeit der Evolutionslehre aufzuzeigen», wie Carigiet sagt. Diese Position vertrete zwar auch die Stiftung, aber nicht nur. Deshalb sei er auch nicht im Stiftungsrat, betont der 58-Jährige.

Mit Intoleranz gegen Intoleranz?

Zurück zum Schreiben. Darin taucht etwa die Frage auf: Wer garantiert, dass in der Schweiz keine Radikalisierung der Muslime stattfindet, Freiheit und Demokratie selbstverständlich bleiben? Antwort:«Medien, Politiker und auch Kirchenvertreter verschweigen die totalitären Züge des Islam, und untergraben dabei die Werte, welche unser Land stark machen.» Versprechen: Die Stiftung setzt sich langfristig zur Sicherung der Menschenrechte, Religionsfreiheit und Demokratie ein. Rezept:«Toleranz gegen Intoleranz ist gefährlich.» Mit «Informationen» will die Stiftung gegen die «wachsenden Probleme» vorgehen, deren Auswirkungen auf «unsere» Gesellschaft aufzeigen. Es ist die Rede von einem Magazin, das man mit einer Spende zugestellt bekommt. Darin erfährt man etwa, dass 35 Prozent der Neugeborenen 2015 in der Schweiz Ausländer waren. Zweck: Es sollen auch Schweizer Familien unterstützt werden, «die unverschuldet in Not geraten sind».

Schwarz-Weiss-Denken

Unsere Zeitung hat das Schreiben Martin Baumann, Professor der Religionswissenschaft und Seminarleiter an der Universität Luzern, vorgelegt. Dieser sagt: «Auffallend ist die prominente Islamfeindlichkeit, die mit Behauptungen, teils Unterstellungen, diffuse Ängste schürt.» Und: «Ich wundere mich, wer hiermit angesprochen werden soll, zumal für die Sicherung von ‹Menschenrechten, Religionsfreiheit und Demokratie› in der Schweiz genügend Institutionen und Strukturen bestehen.» Der Brief arbeite mit «Stereotypen». «Es wird suggeriert, der Islam sei pauschal intolerant und gefährde Freiheit und Demokratie. Diese These ist nicht haltbar und arbeitet mit Schwarz-Weiss-Entgegensetzungen», so Baumann weiter.

Themen wie Wert von Ehe und Familie sowie eine ausgeprägte Islamfeindlichkeit weisen für ihn deutlich auf eine evangelikale und konservative Haltung der Stiftung hin. Trotz der plakativen Aufmachung: «Mir scheint, der Einsatz der Stiftung für Menschenrechte und Demokratie dient teils auch als seriöses Aushängeschild für christlichkonservative Werte und antiislamische Meinungsverbreitung.» Es gäbe in der Schweiz ein engagiertes evangelikales Milieu, «das vielfältig daherkommt – von wertkonservativ, islamkritisch bis mit einer gewissen Offenheit und weniger antiislamisch». Die Stiftung sei eine von vielen Institutionen in diesem heterogenen Feld.

Christoph Riebli

Kennt der Islam bloss ein Gesicht?

Beatrice Gall, Geschäftsführerin Stiftung Zukunft CH. (Bild: pd)

Beatrice Gall, Geschäftsführerin Stiftung Zukunft CH. (Bild: pd)

cri. Das Thema «Islam» und die aktuelle Weltlage bewegen. Stichworte sind Dschihadreisen von Europäern, radikale Prediger, Parallelgesellschaften und das Terrorregime des Islamischen Staates. Wir wollten von Beatrice Gall, Unterzeichnerin des Spendenbriefes und Geschäftsführerin der Stiftung Zukunft CH, wissen, ob für sie Islam und Islamismus per se das Gleiche sind.
Wie ist das Echo auf Ihren jüngsten Spendenbrief?
Beatrice Gall: Das Thema polarisiert. Nicht alle teilen unsere Meinung. Es gibt aber zum Glück genügend Menschen, die differenziert denken. Wir bekommen sehr viel positives Echo. Die Leute sind froh, dass sich jemand des Themas annimmt.