Glosse

Die gratulierenden und blasenden Super-Spreader im Parlament

Im Parlament wird derzeit fröhlich musiziert und gratuliert, als ob es kein Corona gäbe. Wenigstens spielten keine Querflöten auf. Derweil will man in der Waadt die Musik am liebsten auch aus dem Radio verbieten.

Katja Fischer De Santi und Benjamin Weinmann
Drucken
Teilen
Blasmusik im Stöckli: Der Auftritt des Carlo Brunner Ländlerquartetts.

Blasmusik im Stöckli: Der Auftritt des Carlo Brunner Ländlerquartetts.

Bild: Keystone

Ständeratspräsident wird man nur einmal im Leben, das will standesgemäss gefeiert werden. Mit Pauken und Trompeten, sozusagen. Im Falle von SVP-Mann Alex Kuprecht, seit 2003 im Parlament, waren es zumindest zwei Sopransaxofone, ein Akkordeon und ein Keyboard. Zur feierlichen Amtsübergabe am Montag spielte das Ländlerquartett von Carlo Brunner auf. «Waldvogel-Schottisch» und das «Menuett Mozard» wurden zum Besten gegeben.

Quelle: Keystone-SDA

Im Saal applaudierten 44 Ständeräte hinter Plexiglasscheiben, zwei fehlten, darunter auch Christian Levrat, er hat gerade das Virus. Die anderen 44 könnten es demnächst haben. Zumindest wenn man Chef-Twitter-Virologe Christian Althaus glauben schenkt.

Worauf seine Twitter-Gefolgschaft ohne grosse Umwege darauf einschwenkte, dass man den Ständerat besser grad ganz abschaffe, so unzurechnungsfähig diese Damen und Herren seien. «Da organisiert man die Feiertage coronagerecht. Trägt immer Maske, geht nicht in Beizen und Bars, nimmt Rücksicht auf seine Mitmenschen, – verhält sich so, als wär grad Pandemie. Und im Parlament feiern sie Kindergeburtstag, als gäbs kein Morgen», twitterte ein anderer rechtschaffener Bürger. Und meint die Geburtstagsfeier von Bundesrat Ueli Maurer, die mit 70 Ballonen und vielen, sehr herzlichen, körperlich sehr nahen, aber immerhin mit Masken geschützten, Gratulationen am Dienstag begangen wurde.

Ueli Maurer feiert seinen 70. Geburtstag im Parlament.

Ueli Maurer feiert seinen 70. Geburtstag im Parlament.

Bild:Keystone

Chor-Auftritte sind verboten, alles andere zumindest in Bern auch

Aber zurück zur Blasmusik. Tatsächlich wirkt das Video mit den zwei fröhlich in ihre Blechinstrumente blasenden Herren etwas befremdlich. Man meinte die Aerosolwolke schon mit blossem Auge zu sehen. Gemäss bundesweitem Corona-Schutzkonzept sind zwar Auftritte von Hobby-Chören verboten, Auftritte von Künstlerinnen und Künstlern im professionellen Bereich jedoch ausdrücklich erlaubt.

Carlo Brunner und seine Mannen sind alles Vollzeitmusiker, sie dürfen spielen, wo die Schutzkonzepte es ermöglichen und die Kantone es erlauben - in Bern allerdings eben gerade nicht. Es gilt dort ein verschärftes Veranstaltungsverbot. Einzige Ausnahme: «Gemeindeversammlungen und Sitzungen von Parlamenten dürfen stattfinden, wenn ein Schutzkonzept besteht und umgesetzt wird». Nun wird aus einer Parlamentssitzung noch keine kulturelle Veranstaltung, wen eine Ländlerquartett zwei Lieder spielt, aber etwas widerständlerisches hat es dann schon. «C'est pas une bonne idée», sagte Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim BAG, dazu, als an der Medienkonferenz auf das Konzertchen angesprochen wurde.

Die Querflöte ist die Super-Spreaderin unter den Instrumenten

Wenigstens waren es Sopransaxofone und keine Querflöten. Eine Forschergruppe der Universität München und Erlangen hat kürzlich untersucht, welches Blasinstrument wie gefährlich für die Verbreitung des Coronavirus ist. Äusserst negativ aufgefallen ist dabei nicht etwa die Trompete, sondern die sanfte Querflöte. Die meisten Aerosole entweichen bei diesem Instrument direkt über das Mundstück. Bei den Blechbläsern, wie etwa dem Saxofon dagegen haben die Viren einen langen Weg, bis sie vom Mundstück durch allerlei Windungen nach aussen stieben. Deshalb genüge laut den Forschenden bei diesen Instrumenten ein Sicherheitsabstand von einem Meter fünfzig. Bei der Querflöte müssen es mindestens drei Meter sein.

Drei Meter Abstand zur Querflöte sind das Minimum.

Drei Meter Abstand zur Querflöte sind das Minimum.

Bild: Bayerischer Rundfunk

Damit zurück in den Ratssaal, der zwar klein ist, aber doch nicht so klein, dass nun alle Ständeräte eingenebelt worden wären. Von längeren Konzerten in dieser Besetzung wollen wir dann aber doch ausdrücklich abraten.

In der Waadt sollte im Restaurant keine im Hintergrund Musik laufen

Welche (virologische) Kraft die Musik hat, weiss man hingegen in der Waadt. Der Kanton hatte eine ganz spezielle Vorsichtsmassnahme für die Wiedereröffnung der Restaurants, Bars und Cafés am 10. Dezember vorgesehen. Es sollte den Betrieben untersagt werden, Hintergrundmusik laufen zu lassen. Kein Mozart beim Wiener-Schnitzel, kein Lang Lang zur Peking-Ente, keine Rihanna zum Cocktail.

Wirtschaftsminister Philippe Leuba begründete die Stummschaltung damit, dass Musik mehr Kunden anziehe und sie die Leute enthemme. Sprich: Man kommt sich näher, schlimmstenfalls tanzt man sogar miteinander. Gilles Meystre, Präsident von GastroVaud, bezeichnete die Regel als «unverständlich»: «Ein Restaurant ohne Musik verliert etwas von seiner Seele und eine Bar noch mehr.»

Musik ja, aber nicht lauter als 75 Dezibel

Zum Retter der Restaurants in dieser klangreichen Debatte avancierte die Zeitung «Le Temps», die Wirtschaftsminister Leuba mit der Kritik konfrontierte. Nachdem er den Musik-Stopp in einer ersten Stellungnahme noch verteidigte, krebste er eine Stunde nach Rücksprache mit Gesundheitsministerin Rebecca Ruiz zurück. Das Hintergrundmusik darf wieder dudeln.  Allerdings nicht lauter als 75 Dezibel.

Das Quartett von Carlo Brunner dürfte diese Dezibel-Marke am Montag im Ratssaale deutlich überschritten haben. Vielleicht war die Musik der Grund, dass die Damen und Herren Ständeräte danach etwas zu enthemmt und maskenfrei Alex Kuprecht gratulierten. Immerhin sah man niemanden körpernah tanzen.