Afghanistan-Einsatz

Jüngere Soldaten wurden gezwungen, Gefangene zu erschiessen: Schwere Vorwürfe gegen australische Sondereinheit

Seit 2001 kämpfen auch australische Einheiten in Afghanistan. Nun hat ein Untersuchungsbericht «schwerste Verstösse» australischer Soldaten festgestellt.

Drucken
Teilen

(dpa) Australische Soldaten haben einem Untersuchungsbericht zufolge bei ihrem Einsatz in Afghanistan Kriegsverbrechen begangen. 25 Mitglieder einer Sondereinheit hätten mindestens 39 Gefangene oder Zivilisten «unrechtmässig» getötet, sagte der Chef der australischen Verteidigungsstreitkräfte, Angus Campbell, am Donnerstag in Canberra bei der Veröffentlichung eines Berichts zum Verhalten australischer Soldaten im Afghanistankrieg. Aufgedeckt worden sei so eine «beschämende Bilanz» einer «egozentrischen Kriegerkultur». Die Ergebnisse wiesen auf «schwerste Verstösse» hinsichtlich militärischen Verhaltens und professioneller Werte hin. Campbell entschuldigte sich beim afghanischen Volk «für jegliches Fehlverhalten australischer Soldaten».

«Toxisches Konkurrenzdenken»

Für den Bericht war der Generalinspekteur des australischen Militärs vier Jahre lang Hinweisen auf unrechtmässige Tötungen und Verstösse gegen das Kriegsvölkerrecht zwischen 2005 und 2016 nachgegangen. Mehr als 400 Zeugen wurden angehört, in 57 Fällen Ermittlungen aufgenommen.

Im Bericht werde eine Kultur «toxischen Konkurrenzdenkens» innerhalb der Sondereinheit skizziert, die dazu geführt habe, dass einige Soldaten Verfahren abgekürzt, Regeln ignoriert und gebeugt hätten, sagte Campbell. Keine dieser «unrechtmässigen Tötungen» sei «in der Hitze des Gefechts» passiert. «Jede Person, mit der während dieser Untersuchung gesprochen wurde, verstand das Kriegsvölkerrecht und die Einsatzregeln, unter denen sie im Einsatz war.» Damit gebe es «glaubwürdige Informationen» zur Untermauerung der Behauptung, dass australische Soldaten «unrechtmässig» getötet hätten.

Es wurde auch versucht, Beweise zu vertuschen

Campbell sagte, einige der 25 verdächtigen Soldaten dienten noch immer bei den Streitkräften. Jüngere Soldaten seien gezwungen worden, einen Gefangenen zu erschiessen, um auf diese Weise die erste Tötung als Soldat auszuführen. Es seien auch Beweise gefunden worden, die zeigten, dass Soldaten versucht hätten, die Verbrechen zu vertuschen. Sie hätten Waffen, Funkgeräte und Granaten neben den Leichen afghanischer Zivilisten platziert, um es so aussehen zu lassen, als seien sie «im Kampf getötete Feinde».

Empfohlen wurde, 36 Angelegenheiten, an denen 19 Personen beteiligt seien, zur strafrechtlichen Untersuchung an die australische Bundespolizei zu verweisen. Zudem sollten die Opfer und ihre Familien entschädigt werden. Campbell sagte, er werde «so schnell wie möglich mit der afghanischen Regierung zusammenarbeiten», um einen Plan für Entschädigungen zu entwickeln.

Afghanistans unabhängige Menschenrechtskommission begrüsste die Initiative zur Aufarbeitung mutmasslicher Kriegsverbrechen. Die Kommission werde im Rahmen ihrer Möglichkeiten weitere Beweise für mögliche Verstösse gegen das Völkerrecht vorlegen, hiess es in einer am Donnerstag veröffentlichten Mitteilung.

Eine Aufarbeitung, die nur schwer zu verkraften ist

Premierminister Scott Morrison hatte vergangene Woche angekündigt, ein Sonderermittler solle mutmassliche Kriegsverbrechen australischer Soldaten in Afghanistan aufarbeiten und Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen. Er hatte seine Landsleute auf Enthüllungen vorbereitet, die nur schwer zu verkraften seien - nicht nur für aktive Soldaten und Veteranen.

Australien hatte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 Truppen nach Afghanistan entsandt. Sie waren Teil des von den USA geführten internationalen Militäreinsatzes zum Sturz der Taliban-Herrschaft am Hindukusch. Derzeit befinden sich rund 1550 australische Soldaten in dem Land; auch die deutsche Bundeswehr ist an einem Ausbildungseinsatz dort beteiligt. Die USA verringern mit Blick auf ein angestrebtes Friedensabkommen der afghanischen Regierung mit den Taliban, die wieder grosse Landstriche beherrschen, derzeit ihre Militärpräsenz in Afghanistan.