Ansteckungsgefahr im Klassenzimmer: Lehrer-Präsidentin kritisiert Behörden

In vielen Ländern schliessen die Schulen – warum der Bund die Massnahme bis jetzt kategorisch ablehnt.

Lorenz Honegger
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«Man hat bis jetzt viel zu wenig an die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer gedacht», sagt Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz.

«Man hat bis jetzt viel zu wenig an die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer gedacht», sagt Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz.

Keystone

Schulfrei bis auf weiteres. Dutzende Staaten weltweit haben ihre Bildungsstätten als Reaktion auf die Covid-19-Pandemie ganz oder teilweise geschlossen, darunter die Nachbarländer Italien und Österreich. Auch im Kanton Tessin haben am Donnerstag mehrere Gemeinden die Schulpflicht aufgehoben, wobei die Eltern ihre Kinder weiterhin zur Betreuung in die Schule schicken dürfen.

Ganz anders die Haltung der Schweizer Bundesbehörden. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Bern stellt sich seit Beginn der Pandemie kategorisch gegen landesweite Schulschliessungen und hält diese aus epidemiologischer Sicht sogar für kontraproduktiv: Ohne Schulbetrieb müssten laut BAG die Grosseltern bei der Kinderbetreuung einspringen, die sich in der Folge vermehrt bei den eigenen Enkelkindern anstecken würden.

Weil beim Corona-Virus Menschen ab 65 Jahren viel häufiger lebensbedrohliche Symptome entwickelten als Kinder und Jugendliche, sei eine Vermischung der Generationen unbedingt zu vermeiden.

«Erhebliche Ansteckungsgefahr für Lehrpersonen»

Indem der Bund vorläufig auf Schulschliessungen verzichtet, erspart er der Schweizer Wirtschaft den grossflächigen Ausfall von Arbeitnehmern. Derweil fühlt sich das Lehrpersonal in den Schweizer Schulen vom Bund und Kantonen im Stich gelassen. «Man hat bis jetzt viel zu wenig an die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer gedacht», sagt Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz.

Rösler, selbst Primarlehrerin, gibt zu bedenken, dass es auch beim Lehrpersonal Personen gebe, die aufgrund von Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehörten. «Diese sind einer erheblichen Ansteckungsgefahr ausgesetzt, wenn sie mit Kindern zusammenarbeiten.» Es stelle sich auch die Frage, was mit den Klassen geschehe, wenn sich ein Lehrer in Selbstquarantäne begeben müsse.

Der Lehrerverband verlange von den Behörden Antworten, wie die Schulen mit Situationen wie diesen umgehen sollten. Mit Ausnahme von Hygieneempfehlungen habe ihr Verband bis jetzt keine Behördenkontakte gehabt. Kommende Woche halte der Lehrerverband eine Krisensitzung mit verschiedenen Organisationen aus dem Bildungsbereich ab.

Zu späte Schulschliessungen bringen laut Bund nichts

Für Kenner der Materie ist die aktuell ablehnende Haltung des Bundes in Sachen Schulschliessungen keine Überraschung. Das Epidemiengesetz gibt dem Bundesrat zwar die Kompetenz, Schulschliessungen anzuordnen.

Im Influenza-Pandemieplan aus dem Jahr 2018 bezeichnet das Bundesamt für Gesundheit die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit der Massnahme aber als widersprüchlich und die ökonomischen Folgen als beträchtlich: «Neben der Beurteilung von Nutzen und Risiko für die öffentliche Gesundheit sind auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen in Betracht zu ziehen.»

Der Bundes-Pandemieplan unterscheidet zwei Arten von Schulschliessungen: proaktive und reaktive. Proaktive Schulschliessungen erfolgen in der Frühphase einer Pandemie, wenn erst wenige Ansteckungen zu verzeichnen sind und die Öffentlichkeit das Problem noch kaum wahrgenommen hat: «Im späteren Verlauf der Pandemie wird die flächendeckende Schliessung von Schulen und Kinderkrippen keinen wesentlichen Einfluss mehr auf den Verlauf der Epidemie und damit die Anzahl der Erkrankungsfälle haben.»

Reaktive Schulschliessungen finden aus organisatorischen Gründen statt, wenn Schülerinnen und Schüler oder Lehrpersonen in grosser Zahl erkranken.

Ob Schulschliessungen eine bremsende Wirkung auf die Ansteckungswelle ausüben, hängt laut einer viel zitierten Studie von britischen und französischen Wissenschaftlern aus dem Jahr 2010 von mehreren Faktoren ab. Zum Beispiel, wie anfällig Kinder auf das Virus sind, zu welchem Zeitpunkt die Behörden die Massnahme aussprechen und wie gut sie diese umsetzen.

Wenn die Kinder trotz geschlossenen Schulen in regem Kontakt mit anderen Kindern stehen, dürfte die Wirkung begrenzt sein. Gestützt auf Daten von Pandemie-bedingten Schulschliessungen zwischen 1918 und 2008 kommen die Forscher zum Schluss, im besten Fall könne die Massnahme die Zahl der Ansteckungen um 15 Prozent reduzieren, im schlechtesten Fall wirkungslos bleiben oder sogar für mehr Ansteckungen bei älteren Betreuungspersonen sorgen.

Fazit: «Es gibt keine Standard-Pandemie.»