Caritas
Erst Corona, jetzt die Inflation: Viele Familien haben nicht genug zum Leben

Einkommenseinbussen und steigende Lebenshaltungskosten machen Haushalten, die nur wenig über der Armutsgrenze liegen, zu schaffen. Betroffen sind oft Familien. Die Caritas Schweiz fordert Unterstützung.

Peter Walthard
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Lebensmittelabgabe während der Coronakrise in Genf: In Krisen haben auch Haushalte über der Armutsgrenze schnell ein Problem.

Lebensmittelabgabe während der Coronakrise in Genf: In Krisen haben auch Haushalte über der Armutsgrenze schnell ein Problem.

Keystone

In der Schweiz gelten über 700’000 Menschen als arm. Doch die offizielle Armutsgrenze ist tief angesetzt: Läge sie nur 500 Franken höher, wären doppelt so viele Menschen betroffen. Das zeigt eine am Dienstag veröffentlichte Studie der Caritas Schweiz. Sie haben kaum genug Geld zum Leben, gelten aber offiziell nicht als Arme. Und das hat Folgen: Sie tauchen nicht in der Armutsstatistik auf und sie haben kein Anrecht auf Sozialhilfe.

Caritas Schweiz will die Betroffenen nun vermehrt in den Fokus nehmen. Am Dienstag präsentierte das Hilfswerk ein Positionspapier mit Forderungen für eine wirksame Armutspolitik. Die Lösung sei eine «gezielte finanzielle Entlastung von Haushalten» mit tiefen Einkommen, wird Caritas-Präsident Peter Lack in der Mitteilung zitiert.

Dank billigeren Kitas: Geringverdienende sollen mehr arbeiten können

Neben direkten Hilfsleistungen sieht die Caritas vor allem im Ausbau von Kindertagesstätten einen Weg, die unsichtbare Armut zu bekämpfen. Während die offiziell definierte Armut vor allem auch ein Problem Alleinerziehender ist, sind im Graubereich knapp über der Armutsgrenze überdurchschnittlich oft junge Familien betroffen.

Ein Grund dafür ist laut Caritas, dass die Eltern ihre Arbeitspensen reduzieren, weil die Fremdbetreuung der Kinder mehr kostet, als ein Elternteil bei der eigenen Arbeit verdient. Die Caritas fordert deshalb «qualitativ gute, zugängliche und bezahlbare familien- und schulergänzende Betreuung», damit Geringverdienende mehr Zeit zum Arbeiten haben.

Weiter müsse die Belastung durch Krankenkassenprämien reduziert werden. Erreicht werden soll dies laut Caritas durch Ergänzungsleistungen für Familien, wie sie in vielen Kantonen bereits eingeführt worden sind. Um die Menschen aus der Armutsfalle zu holen, brauche es ausserdem existenzsichernde Stipendien beim Übergang ins Berufsleben und Erwachsenenalter.

Coronakrise und Inflation legen Schwachstellen offen

Nach Einschätzung der Caritas besteht dringend Handlungsbedarf: Die Haushalte im kritischen Einkommensbereich zwischen der Armutsgrenze und dem Niveau der Ergänzungsleistungen würden von steigenden Preisen, Mieten und Krankenkassenprämien besonders hart getroffen.

Ihre Situation sei oft prekär: «Meistens verfügen diese Haushalte nicht über finanzielle Reserven und geraten deshalb rasch in existenzielle Nöte, wenn unerwartete Ausgaben anfallen oder ein Teil des Einkommens wegfällt», schreibt die Caritas. Die Coronakrise habe dies eindrücklich gezeigt.