Erst allein durch die Provinz, dann in Quarantäne: China-Schweizern steht eine schwierige Reise bevor

Am Samstagabend soll eine französische Maschine zehn Schweizer aus der vom Corona-Virus lahmgelegten chinesischen Region Hubei nach Südfrankreich fliegen. Dort kommen sie erst einmal in Quarantäne. 

Peter Walthard
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In ganz Europa entstehen Quarantänehallen für aus China ausgeflogene EU-Bürger.

In ganz Europa entstehen Quarantänehallen für aus China ausgeflogene EU-Bürger. 

Keystone

Für die Schweizer in der geschlossenen Stadt Wuhan ist die Situation vergleichsweise einfach: Sie müssen nur bis zur französischen Botschaft fahren. Von dort werden sie – voraussichtlich in der Nacht auf Sonntag – nach Europa ausgeflogen. Schwieriger ist es für jene, die im Umland leben. Hans-Peter Lenz, Chef des Krisenmanagement-Zentrums des Aussendepartements, schilderte ihre Situation an einer Pressekonferenz am Freitag wie folgt:

«Sie müssen sich alleine bis zum vereinbarten Treffpunkt durchschlagen.» 

Das ist leichter gesagt, als getan. Das öffentliche Leben ist in der unter Quarantäne stehenden Provinz zum Erliegen gekommen. Die Papiere müssen an Checkpoints vollständig und korrekt vorgewiesen werden. Haben es die Schweizer zu den Sammelstellen geschafft, bringt sie ein von den Schweizer Behörden organisierter Bus schliesslich zur französischen Botschaft.

Auch hier gilt: EU-Bürger zuerst

Betroffen sind insgesamt zehn Personen. Ursprünglich hatten sich 14 Ausreisewillige gemeldet, aber nicht alle waren schliesslich bereit, den Schritt zu tun. Drei der zehn Personen wohnen in der Stadt Wuhan. Die restlichen Sieben sind bis zu vier Autostunden entfernt. 

Dass die Franzosen die Schweizer überhaupt ausfliegen, ist Goodwill. Denn eigentlich gilt die Regel: Zuerst die eigenen Landsleute, dann die EU-Bürger. Erst an dritter Stelle kommen Menschen aus «befreundeten Staaten» wie der Schweiz. Zur Not wäre die Eidgenossenschaft aber in der Lage gewesen, die eigenen Leute selbst zu evakuieren, sagte Lenz an der Pressekonferenz. 

In Frankreich erwartet die Evakuierten zuerst die Quarantäne. Sie werden im Ferienressort Carry-le-Rouet an der Mittelmeerküste untergebracht, wie der französische Generalgesundheitsdirektor Jérôme Salomon ebenfalls am Freitag gegenüber «Le Parisien» erklärte. Der Zugang zum Ressort werde bereits von Gendarmen bewacht, schreibt die Zeitung.

In Carry-le-Rouet werden die Schweizer zwei Wochen lang isoliert, um sicherzustellen, dass sie das Virus nicht in sich tragen. Erst dann dürfen sie in die Heimat. Eine Quarantäne in der Schweiz komme derzeit nicht in Betracht, war an der Pressekonferenz in Bern zu erfahren. Die französischen Behörden hätten das Know-How und die Infrastruktur, man wolle keine Doppelspurigkeiten, so der Standpunkt des Bundes. 

«Einzelfälle»

Die Quarantäne gilt nur für Personen aus der Krisenregion um Wuhan. Alle anderen können normal in die Schweiz einreisen. Dies gilt auch für chinesische Touristen. Es gebe derzeit keinen Grund, an dieser Praxis etwas zu ändern, erklärte Daniel Koch, Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Am Freitag waren in der Gratispresse anonyme Stimmen von Einwohnern aus den Innerschweizer Tourismuszentren zitiert worden, denen die Anwesenheit chinesischer Reisegruppen Angst macht.

Von einer eigentlichen Epidemie könne man bisher nur in der Region um Wuhan sprechen, sagte Virginie Masserey von der Sektion Infektionskontrolle des BAG . «Ausserhalb Chinas gibt es keine Epidemien», erklärte sie. In der Schweiz habe man bisher etwa hundert Verdachtsfälle registriert, von denen sich keiner bestätigt habe: «Es handelt sich nach wie vor um Einzelfälle.» China unternehme alles, um eine ungebremste Ausbreitung des Virus zu verhindern. Daniel Koch ergänzt:

«Wir gehen im Moment davon aus, dass uns die chinesischen Behörden alles sagen, was sie wissen.»

Das Bundesamt für Gesundheit vernetzt nun die internationalen mit den kantonalen Stellen. Wie schon beim Ausbruch des Ebola-Virus hat die Schweiz kurzfristig Zugang zum Informationssystem der EU erhalten. Dies sei schnell und unbürokratisch geschehen. 

Professionelle Ruhe beim Pflegepersonal

Die Hotline des Bundes wurde bis Freitag Abend von 576 Personen angerufen. Von einem Ansturm könne man nicht sprechen, sagt Cédric Berset vom Telemedizinzentrum Medgate, das die Hotline im Auftrag des Bundes betreibt: «Bei der Schweinegrippe war es schlimmer». Die Anrufer fragten nach möglichen Symptomen und nach Vorsichtsmassnahmen. 

Bei der Hotline melden sollte man sich, wenn Symptome wie Fieber, Unwohlsein und Atemwegsbeschwerden zusammenkämen, so Berset. Als wichtigste Vorsichtsmassnahme nennt er die Hygiene: «Die Hände waschen und sich nicht in die Augen oder an den Mund fassen». 

Beim Pflegepersonal sieht man dem Nahen der Krankheit gelassen entgegen. «Soweit ich das beurteilen kann sind wir in der Schweiz gut vorbereitet», sagt Roswitha Koch vom Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner. Man verfüge über das notwendige Material, habe Notfallpläne und sei gut ausgebildet. «Seitens der Mitglieder haben wir noch keine aussergewöhnlichen Befürchtungen gehört.»

Hiobsbotschaft aus Bern

Weniger gute Neuigkeiten gibt es dagegen von der Universität Bern: Dort haben Forscher die aktuellen Zahlen mit Computersimulationen analysiert. Dabei habe sich gezeigt, dass eine infizierte Person im Schnitt zwei weitere anstecke, so die Uni in einer Mitteilung an die Medien. Das Fazit der Berner Forscher: «Das bedeutet, dass es ohne starke Kontrollmassnahmen zu einer weltweiten Pandemie kommen kann.»