Pensionskassen
Schweizerinnen und Schweizer nehmen berufliche Vorsorge nicht ernst genug

Eine Mehrheit der Bevölkerung hält die AHV für wichtiger als die 2. Säule. Dabei ist das Pensionskassenguthaben für die meisten Schweizerinnen und Schweizer der grösste Teil ihres Vermögens.

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Politgeograf Michael Hermann hat untersucht, weshalb sich Schweizer und Schweizerinnen nicht für ihre Pensionskasse interessieren.

Politgeograf Michael Hermann hat untersucht, weshalb sich Schweizer und Schweizerinnen nicht für ihre Pensionskasse interessieren.

Keystone

Die Schweizer Bevölkerung unterschätzt die Bedeutung der beruflichen Vorsorge (BVG) systematisch. Zu diesem Schluss kommt eine vom Forschungsinstitut Sotomo durchgeführte und am Mittwoch publizierte Umfrage. Diese systematische Fehleinschätzung zur Bedeutung der sogenannten 2. Säule für das Alter habe zur Folge, dass die anhaltende Erosion des Kapitaldeckungsprinzips kaum auf Widerstand stosse, schreibt die Zurich Versicherung in einer gleichentags publizierten Mitteilung zur Studie. Während in der 2. Säule jede Erwerbsperson für die eigene Rente spart, decken in der AHV – der sogenannt 1. Säule – die Beiträge jeweils die aktuellen Renten.

So werde der BVG-Abzug – sprich: der Pensionskassenbeitrag, der den Erwerbstätigen monatlich vom Lohn abgezogen wird – von fast der Hälfte der Bevölkerung als Gebühr oder Steuer wahrgenommen. Dabei sei dies eine Investition ins eigene Altersguthaben, wird Studienleiter Michael Hermann in der Mitteilung zitiert. Zudem würden 50 Prozent der Bevölkerung ihr Pensionskassenguthaben nicht zum eigenen Vermögen zählen. Gegenüber dem Vorjahr ist dieser Wert damit leicht angestiegen. In den meisten Fällen stellt das BVG-Guthaben damit weiterhin die grösste Vermögenskomponente dar und steuert laut Studie im Alter finanziell am meisten zum Einkommen bei.

Mehr Mitbestimmung, grösseres Bewusstsein

«Die Bevölkerung ist sich der Bedeutung der beruflichen Vorsorge für ihr Einkommen im Alter nicht bewusst», sagt Politgeograf Michael Hermann. Nur 18 Prozent der Erwerbsbevölkerung wisse überhaupt, wie hoch ihr aktuelles Vorsorgekapital sei. Auch bei Bewerbungsgesprächen sei die berufliche Vorsorge laut Umfrage folglich nur selten ein Thema.

Hermann rät deshalb zu mehr Mitbestimmung bei der beruflichen Vorsorge. Könnten Versicherte die Pensionskasse oder die Anlagestrategie in der 2. Säule beispielsweise selbst wählen, wäre die Identifikation mit dem BVG-Guthaben grösser, so die Überlegung. Dabei würde laut Hermann zudem das Bewusstsein steigen, dass derzeit ein Teil der Rendite auf das eigene Kapital in die Renten der älteren Generation abfliesse.

BVG-Reform kommt ins Parlament

Für die jüngste Ausgabe der Studienreihe «Fairplay in der beruflichen Vorsorge» hat Sotomo im Januar 1678 Personen befragt. Die Antworten sind danach gewichtet worden und laut Verfassern nun repräsentativ.

Der erste Teil der Studienreihe ist vor Jahresfrist publiziert worden. Sie fragt nach dem Wissen, den Einstellungen und Bewusstseinsdefiziten zur 2. Säule. Auftraggeber sind die Vita Sammelstiftungen und die Zurich Versicherung, dies im Zuge der aktuellen Debatte zur Reform der beruflichen Vorsorge. Diese soll sicherstellen, dass jede erwerbstätige Person eine existenzsichernde Rente ansparen kann. Die Reform soll in der Sommersession ins Parlament kommen. (wap/sat)